Akademiker für den rückwärtigen Dienst

von Judit Hillemeyer
Freitag, 19. August 2005
Foto: Kaiser
Foto: Kaiser
Viele Einzelhandelsunternehmen bieten Hochschulabsolventen Trainee-Plätze an. Die Zahl ist jedoch vergleichsweise gering. Über Bedarf wird in diesem Segment nicht ausgebildet.



Kaiser's Tengelmann hat sein Trainee-Programm reaktiviert und setzt dennoch auf durchlässige Karrierechancen. Jährlich bildet das Unternehmen fünf bis zehn Trainees in Viersen aus.

Das ist nicht gerade die Welt, doch diese Positionen werden bei allen Händlern nur bedarfsgerecht besetzt. Bei Rewe durchlaufen pro Jahr zehn bis zwölf Trainees ein Programm vom Vertrieb über das Marketing hin zum Einkauf.

Douglas besetzt für die Parfümerie, Thalia und Christ jährlich zehn bis 15 Stellen mit dem Schwerpunkt Vertrieb, die individuell gestaltet werden können. Der Ausbildungsschwerpunkt liegt in der Zentrale.

Das Aufgabenprofil im Einzelhandel ist anspruchsvoller geworden. Vor diesem Hintergrund belebte Kaiser's Tengelmann vor vier Jahren sein Trainee-Programm neu.

"Früher fehlte die Akzeptanz - auf beiden Seiten", sagt Personalentwicklerin Gabriele Piskurek. Einerseits fehlte es den Hochschulabsolventen an Basiswissen, vor allem im Vertrieb, anderseits lag der Lebensmitteleinzelhandel nicht unbedingt im Sichtfeld der Studenten. Heute nähern sich beide Seiten vorsichtig an.

Die praktischen Kenntnisse erwirbt der akademische Nachwuchs über ein sechs- bis siebenwöchiges Praktikum in einem Markt.

Auf dem Arbeitsplan stehen Filialaufgaben wie Warenverräumung und Wareneingang sowie die MHD-Pflege, so Piskurek. Praxis ist dem Einzelhandel wichtig. Der Filialeinsatz ist bei Tengelmann für alle Kandidaten verbindlich.

Fachspezifisches Programm

Anschließend durchlaufen die Hochschulabsolventen eines von fünf fachspezifischen Trainee-Programmen: Personal, Controlling und Rechnungswesen, Informationstechnologie und Organisation, Logistik oder Category Management. Gegliedert ist jedes Programm in fünf bis sechs Stationen. Die Ausbildungsdauer beträgt zwölf Monate.

Die Trainees lernen alle relevanten Bereiche kennen, dazu gehören auch Schnittstellen zu angrenzenden Abteilungen. Auf diesem Weg bereitet Kaiser's Tengelmann den Nachwuchs auf zentrale Aufgaben wie die Optimierung und den Ausbau der Distribution sowie die Steuerung aller Logistikbereiche vor.

Nach dem Trainee können die Kandidaten Positionen im rückwärtigen Dienst (Verwaltung) wie Gruppenleiter, Category Assistent oder Category Manager, je nach Bedarf und Vakanz, übernehmen.

Positionen im Vertrieb aber auch in der Verwaltung stehen nicht ausschließlich Hochschulabsolventen offen. Die Karrierechancen sind durchlässig.

Förderkreise für Abiturienten

Abiturienten können sich nach einer Erstausbildung zur Führungskraft im Handel fortbilden. Groß- und Außenhandels- sowie Einzelhandelskaufleute qualifizieren sich über interne "Förderkreise" für die Position des Marktleiters.

Anschließend können sie sich zum Handelsfachwirt ausbilden lassen. Abiturienten steht alternativ auch die Ausbildung zum Diplom-Betriebswirt offen. In diesem Rahmen kooperiert Kaiser's Tengelmann mit Berufsakademien und Fachhochschulen.

Gabriele Piskurek und Klaus Kayser, Personalentwickler, Foto: Kaiser
"Auf diesem Weg erkennen wir früh die Leistungspotenziale unser Mitarbeiter", erklärt Personalentwickler Klaus Kayser. So gesehen hat Kaiser's Tengelmann auf den einzelnen Führungsebenen eine Mischung aus Praktikern und Theoretikern.

Zur Rekrutierung der Hochschulabsolventen präsentiert sich das Handelsunternehmen auf dem alljährlichen Absolventenkongress, der im November in Köln stattfindet. Rund 250 Unternehmen bieten dort Trainee-Plätze, Jobs und Praktikantenstellen an.

Absolventenmesse

Neben der Tengelmann-Gruppe, mit all ihren Vertriebsschienen, präsentieren sich dort auch Norma, Lidl, Aldi Süd und Rewe zwischen der Deutschen Börse Group, Siemens, Volkswagen oder Accenture.

12 000 Interessenten informierten sich im vergangenen Jahr auf der Bewerbermesse über Berufschancen. "Bislang ist diese Messe für uns der richtige Kongress zur Selbstdarstellung und Rekrutierung des akademischen Nachwuchses", sagt Piskurek.

Die Tengelmann-Gruppe hat eine Image-Veranstaltung nach dem Modell "Meeting Metro" in Erwägung gezogen, bislang jedoch noch keine endgültige Entscheidung getroffen.

Sicher sei es auf dem Absolventenkongress als Einzelhändler zwischen großen Konzernen, die dort zu Weilen mit Dienstwagen locken, nicht ganz leicht zu bestehen, "doch bisher haben wir immer die richtigen Kandidaten gefunden".

Imagepflege in den Schulen

Bei den Bewerben handelt es sich vor allem um Hochschulabsolventen der Bereiche Betriebs- und Volkswirtschaft, Wirtschaftsinformatik, Wirtschaftsrecht sowie Sozial- und Geisteswissenschaften.

Die Abiturienten akquiriert das Unternehmen direkt in den Schulen. Derzeit läuft eine Kooperation mit einem Viersener Gymnasium. Eine weitere mit einer Gesamtschule wird derzeit vorbereitet, so Kayser.

Diese Kooperationen dienen auch unter demoskopischem Blickwinkel der Imagepflege. "Wir müssen als interessanter Arbeitergebner wahrgenommen werden und nicht nur als Notlösung", so die beiden Personalentwickler. Förderlich seien hier auch Netzwerke mit Unternehmen anderer Branchen. Doch das sei noch ein lange Weg. (juh)

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