US-Trend Vorstand für mehr Wachstum

von Julia Wittenhagen
Freitag, 03. Juni 2016
Chief Growth Officer: Bringen Unternehmen mit Weitblick zum Wachsen.
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Chief Growth Officer: Bringen Unternehmen mit Weitblick zum Wachsen.
Um Schritt zu halten mit den schnellen Marktveränderungen, werden neue Führungspositionen kreiert: In den USA bewähren sich neuerdings Chief Growth Officer. Ihr visionärer Blick fürs Wachsen bekommt in stagnierenden Märkten eine neue Bedeutung.

Die Internet-Revolution und ihre Folgen stellen traditionelle Formen der Unternehmensführung in Frage. Während viele Unternehmen noch grübeln, ob ein ‚Chief Digital Officer‘ als neues Mitglied im Vorstand Sinn macht, nennt die internationale Personalberatung Russell Reynolds schon gute Gründe für eine weitere neu zu installierende Top-Position: Den Chief Growth Officer (CGO) als Position im oder sehr nah am Vorstand. Ist Wachstum nicht ohnehin Chefsache? "In wachsenden Märkten schon.

Aber jetzt geht es darum, in nicht wachsenden Märkten die drei Herausforderungen neue Kanäle, hybride Verbraucher und Big Data so gut anzunehmen, dass man andere verdrängt", sagt Russell Reynolds Berater Claus Fischer. Der CEO sei typischerweise in eine solche Bandbreite von Themen verstrickt – von der Pflege der Shareholder-Interessen bis zu Personalfragen – dass diese ihm manchmal den Detailblick für die einzelnen Absatzmärkte verstellen würden.

In den USA hätten schon mehrere Unternehmen der Konsumgüterindustrie wie Coty, Kellogg und Mondelez gute Erfahrungen mit der Position des Chief Growth Officers gesammelt, berichtet Fischer. Einer von ihnen, Fabian Garcia, hat aus dieser Position bei Colgate-Palmolive sogar gerade den nächsten Karriereschritt gemacht: Er ist jetzt CEO im New Yorker Kosmetikkonzern Revlon.

"Auf welches Pferd setzen wir, und von welchem steigen wir ab?", umschreibt der Berater die Essenz der Tätigkeit eines Chief Growth Officers. Dieser denkt über Kategorien und Länder hinaus, hat keine Budgetverantwortung, aber genug Autorität, um die Führungskräfte gedanklich wie strategisch mitzunehmen und in letzter Konsequenz auch Ressourcen neu zu verteilen.

"Wenn von drei Divisionen nur zwei wachsen, muss man vielleicht den französischen Markt der einen Division aufgeben und die Mittel daraus in die Neuerschließung des italienischen Marktes der anderen Division stecken", nennt er als Beispiel. Idealerweise bringe der CGO Marketingkompetenzen und Führungserfahrung mit. Überhaupt habe das Ganze sehr viel mit einer Aufwertung des Marketing zu tun.

Das beruhigt vielleicht diejenigen, die bei all den neuen Chief Officers sowieso alten Wein in neuen Schläuchen wittern. "Einen Chief Marketing Officer gibt es zumindest im DAX30-Segment noch zu selten. Dabei ist im Marketing die markenübergreifende Sicht auf Kunden, Märkte und Bedürfnisse angesiedelt", sagt Fischer. Dieser Weitblick würde in der Führung immer wichtiger.

"Der CGO ist ein Unternehmer im eigenen Haus, ein Katalysator für Veränderung. Mancherorts wird er auch als Bewährungstest für den kommenden Vorstandsvorsitz gehandelt", so der Berater. Ein Freifahrtschein für die kreative Zerstörung alter Silostrukturen sei reizvoll für den Typ Querdenker, aber konfliktfrei sei der Job nicht.

Claus Fischer: Macht sich bei Russel Reynolds stark für CGOs.
Russell Reynolds
Claus Fischer: Macht sich bei Russel Reynolds stark für CGOs.
"Ohne Durchsetzungsfähigkeit und Rückhalt im Unternehmen wird es dem CGO nicht gelingen, andere dazu zu bringen, Budgets und Entscheidungshoheiten abzugeben", so der Personalberater. Letztendlich sei eine solche Position nur sinnvoll, wenn die Veränderungsbereitschaft in einer Organisation bis in die Führungsspitze hinein größer sei als das Beharrungsvermögen.

Andere Unternehmensberatungen haben derweil schon weitere Firmenretter-Positionen in petto wie zum Beispiel den Chief Restructuring Officer. Doch Vorsicht vor zu großen Vorstandsgremien: Sie sind ganz gewiss nicht im Sinne der Agilität, die bei Consultants ebenfalls ganz hoch im Kurs steht.


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