Arbeitswelt 4.0 Veränderung aktiv gestalten

von Redaktion LZ
Freitag, 25. September 2015
HR-Experten diskutieren: Prof. Jutta Rump, Stefan Ries und Prof. Stefan Kühl.
Zukunft Personal/Pfluegl
HR-Experten diskutieren: Prof. Jutta Rump, Stefan Ries und Prof. Stefan Kühl.
Digitalisierung und Demografie verändern die Arbeit. Aktuelle Herausforderungen und Lösungsansätze für das Personalmanagement standen im Fokus der Messe Zukunft Personal.
Mit 650 Ausstellern und mehr als 15.000 Besuchern spiegelt die Messe Zukunft Personal den Bedeutungszuwachs des Personalmanagements. Ralf Hocke, Geschäftsführer des Veranstalters Spring Messe Management spricht von "einem Rekordjahr, nachdem bereits 2013 ein Rekordjahr gewesen ist".

Unter dem Motto "Arbeiten 4.0" lockt der Treffpunkt zudem zahlreiche Experten aus der Praxis, Wissenschaft und Politik nach Köln, die sich in Vorträgen und Diskussionen an der Debatte um die Arbeitswelt von morgen beteiligen.

Von der "disruptiven Kraft der Digitalisierung" spricht Christian P. Illek, Personalvorstand der Deutschen Telekom, in der Eröffnungs-Keynote der Messe. Die Veränderungen für Unternehmen, Personalverantwortliche und Mitarbeiter haben längst begonnen und scheinen sich revolutionsartig zu beschleunigen.

Der Organisationspsychologe Prof. Stefan Kühl von der Universität Bielefeld sieht die neue Arbeitswelt weniger als Revolution, sondern vielmehr als "nächste Evolutionsstufe" des Kapitalismus. "Das ist ein normaler Prozess wirtschaftlicher Veränderung", versucht er die Aufregung um das Thema etwas zu bremsen.

Grund zur Sorge sieht auch Gabriele Lösekrug-Möller nicht: "Trotz allen Fortschritts, trotz Robotisierung, trotz vernetzter Systeme und Entwicklungen, wird die Arbeit ja nicht wegfallen", erklärt die Parlamentarische Staatssekretärin bei der Bundesministerin für Arbeit und Soziales.

Verschiedene Redner und Diskutanten sind sich einig: Der Wandel bietet neue Chancen für Personaler. "Digitalisierung braucht die Menschen", sagt Dr. Andreas Boes beim Forum der Initiative Neue Qualität der Arbeit (INQA). Der Leiter eines INQA-Projekts fordert die HR-Verantwortlichen auf, die Veränderung aktiv zu gestalten.

"Das neue Leitbild der Agilität stammt zwar aus der IT-Branche, doch es ist längst in anderen Unternehmen angekommen", betont er. Jeder müsse sich die Frage stellen, wie die eigene Organisation in Zukunft organisiert werden sollte. "Die Bürokratie hat ausgedient", bringt es Stefan Ries, Chief Human Resources Officer bei SAP, auf den Punkt. Für ihn sind Agilität, Flexibilisierung und flache Hierarchien Voraussetzung für überlebensfähige, lernende Organisationen.

Es geht um mehr als Technologien

"Es geht um sehr viel mehr, als um Technologien", stellt auch Prof. Jutta Rump von der Universität Ludwigshafen klar. So verändere die Digitalisierung nicht nur die Berufe und Aufgaben, sie mache die Arbeit in vielen Fällen zugleich orts- und zeitunabhängig. Das ermöglicht neue Formen der Vereinbarung von Beruf und Privatleben. "Der gesellschaftliche Wandel wirkt sich auf Werdegänge und Arbeitsmodelle aus", sagt sie.

Als Beispiel nennt Rump ihr eigenes Unternehmen, das sie neben der Lehrtätigkeit betreibt: Es hat keinen festen Standort, alle Mitarbeiter sind an unterschiedlichen Orten und ohne zeitliche Vorgabe im Einsatz. "Ich lebe bereits in einer entgrenzten Welt."

Das bringt besondere Herausforderungen mit sich: "Wie soll man einen neuen Mitarbeiter einarbeiten? Und wie kann sich die Unternehmenskultur weitertragen, wenn sich die Menschen kaum begegnen?", gibt die Professorin zu bedenken, dass die extreme Ausprägung dieser Flexibilisierung nicht als Idealbild gelten kann. Zudem gibt es bei ihr persönlich kaum mehr eine Trennung von Arbeit und Privatem. "Das funktioniert nur, wenn man seinen Job wirklich liebt!"

Einer viel zitierten Bitkom-Studie zufolge sind heute bereits 30 Prozent der Beschäftigten jederzeit für ihren Arbeitgeber erreichbar. Die Auswirkungen ständiger Erreichbarkeit will Dr. Nina Pauls von der Universität Freiburg in dem neuen INQA-Projekt "Master" untersuchen, das sie auf dem Podium vorstellt. Bisher hätten sich zwar vielfältige Studien mit den Risikofaktoren wie Stress oder Burnout befasst, eine valide Gesamteinschätzung sei dennoch schwierig.

Führung ist das Zünglein an der Waage

"Es gibt wenig Forschung zu den positiven Folgen", hat Pauls festgestellt. In vielen Fällen würde die zunehmende Flexibilisierung ohnehin nicht von den Unternehmen vorangetrieben, sondern von den Mitarbeitern. Um "die Chancen zu stärken und die Risiken zu minimieren", gelte es praktikable Regeln aufzustellen und im Unternehmen durchzusetzen. "Jeder muss wissen, wo der Ausknopf ist – und die Führungskräfte sollten das vorleben."

Führungskräfteentwicklung ist für den Personaler Ries von elementarer Bedeutung für Veränderung. Bei SAP sind deshalb Trainings Pflicht für alle mehr als 7.000 Führungskräfte. "Sie sind die Wegbegleiter der digitalen Transformation."

Auch für Rump sind sie "das Zünglein an der Waage". Sie gibt zu bedenken, dass "Führung Zeit braucht" und fordert deshalb, den Führungsalltag konsequent "zu entrümpeln". "Wir müssen die Menschen befähigen, aktiver Teil der Veränderung zu sein", unterstreicht Telekom-Manager Illek dabei die Rolle des Personalmanagements.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

(S. Biester)

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