Interview "Viele Angebote werden einfach wegfallen"

von Christiane Düthmann
Freitag, 04. April 2014
Valerie Holsboer, ANG-Hauptgeschäftsführerin
LZ-Archiv
Valerie Holsboer, ANG-Hauptgeschäftsführerin
Sollte das Gesetz zum Mindestlohn in der aktuellen Form in Kraft treten, gälte es auch für freiwillige Praktikanten. Das wäre weder für Studenten noch Unternehmen gut, sagt Valerie Holsboer, Hauptgeschäftsführerin der Arbeitgebervereinigung Nahrung und Genuss (ANG).




 

Frau Holsboer, wie wichtig sind Praktika für den Einstieg von Absolventen in die Ernährungsbranche?

Praktika sind das A und O bei der richtigen Berufswahl und unglaublich wichtig für einen erfolgreichen Einstieg ins Berufsleben. Man lernt die konkreten Tätigkeiten eines Berufs kennen und schnuppert gleichzeitig in die Atmosphäre eines Betriebs hinein.



Haben akademische Nachwuchskräfte ohne Praxiserfahrung in den Unternehmen eine Chance, als Trainee oder per Direkteinstieg?

Gerade Akademiker brauchen unbedingt praktische Erfahrung, denn sie haben wenig Gelegenheit, während des Studiums die betriebliche Anwendung ihres Wissens zu erleben. Das Gute an Praktika ist ja gerade, dass man noch nicht alles richtig machen muss. Der Praktikant darf viel fragen, auch einmal ein missglücktes Ergebnis präsentieren und sich ausprobieren. Ein Kaltstart ins Berufsleben ohne diese Aufwärmübung ist für beide Seiten viel schwieriger.



Was schätzen Sie: Wie viele Studenten stellt die Ernährungsindustrie pro Jahr in Deutschland als Praktikanten ein?

Diese Zahl kann ich wirklich nur schätzen, weil Praktika in so unterschiedlicher Form angeboten werden: Manche Betriebe bieten sie erst ab einer Dauer von mindestens acht Wochen an und stellen hierfür die komplette Infrastruktur mit Betreuung. Alles zusammen bietet die Ernährungsindustrie vielen hundert Studenten pro Jahr die Chance auf ein Praktikum.



Haben Sie einen Überblick, bei wie vielen davon das Praktikum in der Studienordnung vorgeschrieben ist?

Wir gehen davon aus, dass nur etwa ein Drittel der angebotenen Praktika streng nach Studienordnung vorgeschrieben sind. Der Rest geht auf das Engagement der Studenten und Personalverantwortlichen zurück. Wir wissen außerdem, dass auch die Unis und Professoren selbst sehr dafür werben, dass Studenten freiwillige Praktika absolvieren und in ihre Projekte und Examensarbeiten einbauen.



Werden Betriebe freiwillige Praktikanten für länger als sechs Wochen einstellen, wenn sie ihnen 8,50 Euro pro Stunde zahlen müssen?

Viele Unternehmen bieten auch heute schon eine Aufwandsentschädigung für Praktikanten an. Bei den klassischen Werkstudenten, die im Betrieb richtig mitarbeiten, ist dies sogar üblich. Anders ist dies bei solchen Praktika, bei denen das Hineinschnuppern deutlich überwiegt. Meistens steckt dahinter viel Betreuungsaufwand für den Betrieb. Es ist nicht realistisch, diese Tage und Wochen auch noch bezahlt zu bekommen. Insofern werden diese Schnupperpraktika künftig nicht mehr über sechs Wochen hinaus angeboten werden. Viele Angebote werden schlichtweg wegfallen.



Welche Alternativen könnte es aus Ihrer Sicht geben?

Ich bin dagegen, dass Absolventen sich nach der Ausbildung so lange in Praktika "parken", dass sie irgendwann den Anschluss an den Berufseinstieg verlieren. Insofern fände ich es nachvollziehbar, die Ausnahme vom Mindestlohn bei Praktika nach Ausbildung oder Studium auf sechs Monate zu begrenzen. Während des Studiums und davor greift diese Überlegung aber nicht.



Mit welchem Ausgang der Geschichte rechnen Sie?

Das Mindestlohngesetz ist insgesamt extrem umstritten. Eine große Baustellen ist der Bereich der ausgenommen Personengruppen. Da muss es aus meiner Sicht Korrekturen geben – auch bei den freiwilligen Praktika.

 

 

(cd)

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