Wal-Mart löst Proteststurm aus

von Judit Hillemeyer
Donnerstag, 11. Januar 2007
Mit einem Computersystem zur Personaleinsatzplanung will sich der US-amerikanische Handelsriese Wal-Mart auf schwankende Kundenfrequenzen in seinen Märkten einstellen. Mitarbeiter und Medien laufen Sturm. Sie befürchten Einkommensverluste durch den Wegfall fester Arbeitszeiten.



Wal-Mart wiegelt ab: Von "Arbeit auf Abruf" sei keine Rede. Mittels der digitalen Personaleinsatzplanung (PEP) verfolgt der Handelskonzern zwei Ziele: eine größere Produktivität und besseren Kundenservice verbunden mit einer klar kalkulierten Personalplanung, berichtet das "Wall Street Journal".

In den USA schlagen die Wal-Mart-Pläne hohe Wellen. Mitarbeiter befürchten, dass mit dem Computer die Einkommensrisiken gänzlich auf ihrer Seite liegen. Beispielsweise ließen sich mit dem Programm die Stundenzahlen der Angestellten so berechnen, dass sie unter dem Limit für eine Bonuszahlung bleiben. Es stellt sich die Frage, ob bei derart flexibilisierter Arbeitszeit am Monatsende genügend Stunden und Gehalt zusammenkommen, um davon leben zu können.

Wal-Mart wehrt sich gegen die Vorwürfe. Von einem "Arbeiten auf Abruf" könne im Zuge der Systemeinführung nicht die Rede sein, teilt der Konzern auf seiner Website mit. Damit versucht der amerikanische Händler einerseits beschwichtigend auf den Ärger von Gewerkschaften und Angestellten zu reagieren und andererseits rechtlichen Konsequenzen vorzubeugen. Denn unabhängig von diesem Vorgang ist Wal-Mart in den USA mit zahlreichen Arbeitsrechtsprozessen konfrontiert.

Planen auf dem Reißbrett

Arbeitspläne werden derzeit noch überwiegend von Hand erstellt. Wal-Mart entschied sich 2006 für eine Softwarelösung. Die Leistungsfähigkeit der Computerprogramme hat sich insgesamt in den vergangenen Jahren deutlich verbessert.

Die Prognosen sind genauer, die Bedienbarkeit leichter geworden. Die Kundenfrequenz pro Markt wird bei dem US-amerikanischen Einzelhändler in 15- bis 30-minütigem Takt gemessen. Die entsprechenden Parameter sind Umsatz, Mitarbeiterverfügbarkeit beziehungsweise Bondaten auf Artikelebene pro Kasse und Bedientheke. Verglichen werden diese Informationen mit den "historischen" Daten des vorangegangenen Jahres und in die Zukunft extrapoliert. Auf dieser Basis werden Personalbedarf und Arbeitspläne ermittelt.

Der Computer prognostiziert in den USA den Personalbedarf und Arbeitspläne drei Wochen im voraus. Theoretisch sind Vorausschauen über zwölf Monate möglich - unter Berücksichtung von Urlaubs- und Feiertagen sowie Saisonwechsel.

Wünsche der Mitarbeiter

Auch in Deutschland ist digitale Personaleinsatzplanung längst Thema. Beispielsweise arbeiten Aldi Süd, Händler der Rewe-Dortmund, selbstständige Einzelhändler und Hugendubel mit PEP-Systemen. Sie versuchen die Wünsche und Möglichkeiten ihrer Mitarbeiter in dem System zu berücksichtigen.

Dies taten auch die Amerikaner per Fragebogen. Geplant wird hierzulande im Wochenrhythmus. "Je länger die Vorausschau, desto größer der Änderungsaufwand", sagt Klaus Holtmann von der BBE Handelsberatung in Münster, denn Krankheitstage und andere Arbeitsausfälle müssen kurzfristig in den Systemen manuell berücksichtigt werden.

Arbeitszeitflexibilität wünscht sich jeder Arbeitgeber - erst recht beim Schichtdienst. Hüben wie drüben gibt es Extremfälle. Im Krankheitsfall beispielsweise müssen diejenigen einspringen, die gerade frei haben - unter Berücksichtigung der gesetzlich vorgeschriebenen Arbeitszeitregelungen.

Die Ruhezeit zwischen zwei Arbeitseinsätzen beträgt in Deutschland elf Stunden. Im übrigen werden bereits die Arbeitsverträge entsprechend gestaltet. In den USA kommt Wochenendarbeit hinzu, in Deutschland sind es die verlängerten Ladenöffnungszeiten. Die Personalkosten liegen hierzulande gemessen am Bruttoumsatz inklusive Mehrwertsteuer bei 10,5 Prozent.

Mit einem elektronischen Einsatzplanungssystem im Vergleich zur Professionalität der vorangegangenen manuellen Planung können zwischen 5 bis 10 Prozent der Mitarbeiterkosten eingespart werden, so Holtmann. Mit elektronischer Arbeitsplanung wäre künftig der Personalkostenblock keine fixe Größe mehr sondern eine Variable. (juh)

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