Zukunft der Arbeitswelt "Wegducken ist keine Alternative"

von Christiane Düthmann
Freitag, 13. Dezember 2013
Die Deutschen werden älter – und weniger. Der Wettbewerb auf dem Arbeitsmarkt steigt. Professor Jutta Rump, Leiterin des Instituts für Beschäftigung und Employability (IBE), Ludwigshafen, mahnt Veränderungen in Politik und Wirtschaft an, um die demografische Zeitbombe zu entschärfen.
Bis zum Jahr 2030 schimpft die Zahl der Menschen zwischen 15 und 65 Jahren in Deutschland um mehr als 6,5 Millionen, heißt es im Bericht zur "Zukunft der Arbeitswelt", den Professor Jutta Rump, Leiterin des Instituts für Beschäftigung und Employability, Ludwigshafen, zusammen mit weiteren Experten erarbeitet hat.

Diese "Demografie-Agenda" hat sich zum Ziel gesetzt, die Herausforderungen einer zunächst alternden und dann schrumpfenden Bevölkerung ganzheitlich zu analysieren und handlungsorientierte Vorschläge zu ihrer Bewältigung zu unterbreiten.

Kein einfaches Unterfangen, denn "die Komplexität dieser Materie ist schier unendlich", wie Rump anlässlich einer Vortragsveranstaltung der Personalberatung Siebenlist Grey & Partner in Düsseldorf einräumt. "Wegducken" allerdings sei keine Alternative. "Die Eintrittswahrscheinlichkeit beträgt hundert Prozent."

Allenfalls die Migration könne das Datenmaterial noch ein wenig verändern. "Alles andere aber ist gesetzt." Angesichts der Zeitknappheit – "2030 ist gar nicht mehr so weit weg" – sei eine "nachhaltige, intensive und differenzierte Diskussion zu dem Thema", dringend nötig, so Rump.

Mitarbeiter motiviert und gesund halten

Jedes Jahr werde die deutsche Bevölkerung durchschnittlich ein Jahr älter. "Sind wir heute 46, werden wir in vier Jahren durchschnittlich 50 Jahre alt sein", sagt die Forscherin, die zu den renommiertesten Köpfen des Personalwesens in Deutschland zählt. Von daher sei klar, dass die Unternehmen sich über altersgerechte Personalentwicklung und Rekrutierung Gedanken machen müssten. Arbeitgeber stünden vor der Aufgabe, ihre Belegschaften bei einer Lebensarbeitszeit von 45 Jahren "vom ersten Tag an kompetent, motiviert und gesund" zu halten.

Die Tarifpolitik müsse tendenziell älter werdenden Belegschaften Rechnung tragen, zum Beispiel durch "alters- und alternsgerechte Arbeitszeitgestaltung und -organisation und die Förderung einer altersgerechten Arbeitszeitflexibilität, betriebliche Gesundheitsförderung und berufliche Qualifizierung".

Um aus personalpolitischer Sicht für die Zukunft der Arbeitswelt gerüstet zu sein, werde eine "stärkenorientierte" Personalplanung notwendig. "Nur wenn die Stärken und Talente des einzelnen Beschäftigten entdeckt und entwickelt werden, ist eine Lebensarbeitszeit von 45 Jahren möglich und eine Motivation langfristig aufrechtzuerhalten", begründet Rump. Für die HR-Fachleute bedeute dies eine Individualisierung des Personalmanagements.

Kein Anpassungsdruck für den Nachwuchs

Der massive Arbeitskräftemangel der Zukunft wird die Machtverhältnisse zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern deutlich verschieben, prognostiziert die Wissenschaftlerin. "Anders als die Generationen vorher werden die Nachwuchskräfte viel weniger Anpassungsdruck spüren." Ihre Frustrationstoleranz werde geringer sein, ebenso wie ihre Loyalität gegenüber dem Arbeitgeber.

Um den Zuzug qualifizierter Ausländer zu erleichtern, sollte Deutschland mittelfristig ein "unbürokratisches und transparentes Punktesystem zur Förderung einer qualifikationsorientierten Zuwanderung auf den Weg bringen", wie dies andere Länder bereits seit vielen Jahren praktizieren.

Angesichts der zu erwartenden massiven Engpässe auf dem Arbeitsmarkt werde auf Dauer kein Weg an längeren Lebensarbeitszeiten vorbeiführen. "67 Jahre, das wird nicht der Endpunkt sein", sagt Rump, wohl wissend, dass das in der derzeitigen politischen Diskussion ein ganz heißes Eisen ist.

Im Bericht heißt es denn auch etwas moderater: "Das starre System der Rente mit 67 und ein vorgezogener Rentenzugang mit Abschlägen kann nicht die Lösung für alle Arbeitnehmergruppen sein. Zusätzliche Möglichkeiten müssen entwickelt und umgesetzt werden."

Kindersplitting statt Ehegattensplitting

Zudem müssten Erwerbspotenziale gehoben werden. Das größte sei brachliegende Arbeitszeit. "Wir sind verschwenderisch mit Zeit", so Rump. 50 Prozent der Frauen arbeiteten in Teilzeit, und das meist nur etwa 20 Stunden pro Woche. Eine Erhöhung der Arbeitszeit nur um 50 Prozent, also auf 30 Stunden statt 20, sei nicht nur im Sinne des Arbeitsmarkts, sondern auch im Interesse der Beschäftigten.

Zum Beleg zitiert Rump Ergebnisse des sozio-ökonomischen Panels, demzufolge die meisten Frauen gerne 28 bis 30 Stunden die Woche arbeiten würden. "Die Arbeitszeiten, die wir aktuell vorfinden, sind eine Reaktion auf Betreuungsengpässe", macht sich die IBE-Chefin für den quantitativen und qualitativen weiteren Kita-Ausbau, für Ganztagsschulen und die Abschaffung des Ehegattensplittings zugunsten eines Kindersplittings stark.

Zudem müssten rechtliche Voraussetzungen für eine Verbesserung der Vereinbarkeit von Beruf und Familie geschaffen werden. Vorschlag im Bericht: die Einführung eines gesetzlichen Vaterschaftsurlaubs und eine Neuregelung der Berechnung des Elterngelds, das vom heutigen "12 plus 2-Modell" zu einem "7 plus 7-Modell" weiterentwickelt werden sollte.

So könnten die Gehaltsunterschiede zwischen den Partnern nivelliert werden. Ein "obligatorischer Geschlechterbericht für Unternehmen ab einer bestimmten Größe" könnte zudem die Gleichstellung von Frauen und Männern positiv beeinflussen.

(cd)

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