"Den Hund verkaufen und selber bellen"

von Redaktion LZ
Mittwoch, 14. April 2004
LZ|NET. Schwenken schmecken, spucken - Frauen degustieren Roten, Weißen und Rosé. Noch vor wenigen Jahrzehnten war die kalifornische Weinwirtschaft fest in Männerhand. Heute haben zunehmend Frauen Anteil am wirtschaftlichen Erfolg.



In der kalifornischen Weinindustrie, in der wie im alten Europa, ob groß oder klein, Familienbetriebe mit klangvollen Namen die Hauptrolle spielen, agieren Frauen als Weingutbesitzerinnen, Teilhaberinnen, Managerinnen und Winzerinnen. Das war nicht immer so.

Die Pionierzeit des kalifornischen Weinanbaus lag in den sechziger Jahren. Zu dieser Zeit wanderte Gertrud Schug zusammen mit ihrem Mann in die USA aus. In den achtziger Jahren gründete das Paar seine eigene Kellerei in der Region Sonoma.

Im Fokus steht der Burgunder. Während Walter Schug, der in Geisenheim an der Weinfachhochschule ausgebildet wurde, für den Anbau und die Produktion zuständig ist, hält sie als Steuerberaterin die finanziellen Fäden in der Hand.

Die Selbstständigkeit wählten sie nach der Devise: "Den Hund verkaufen und selber bellen", so Gertrud Schug. Und heute bellen die Schugs mit - in den USA und Europa. Ihr internationaler Export liegt bei 12 Prozent - rund 15 Prozent sollen es in diesem Jahr werden.

Tochter Claudia Schütz importiert den Wein und distribuiert ihn vom Mainzer Lager aus in den deutschen Fachandel. "Für die großen deutschen Filialisten sind wir allerdings zu klein", weiß Gertrud Schug.

Von Mainz aus werden in kleinen Mengen auch Importeure in Dänemark, Holland, Großbritannien, Spanien und Belgien bedient. Große Lieferungen werden direkt zugestellt.

Gallo beliefert Aldi mit Wein

Das Geschäft mit den deutschen Handelsfilialisten bestimmen die Großen. Das Weingut Gallo hat es früh verstanden, Quantität mit Qualität zu verknüpfen. Gallo ist derzeit einer der Lieferanten Aldis.

Galionsfigur Gina Gallo wirkt sowohl im Familienbetrieb als auch im eigenen Unternehmen in Sonoma. Sie verdankt "alles Wissen um den Wein ihrem Großvater und Vater", und hat es schließlich zu ganz eigenem Ruhm gebracht.

Der Weg dahin sei nicht immer einfach gewesen: "Es war schon manchmal hart, als Frau im Weingeschäft zu arbeiten", sagt sie. Doch ihre Entscheidung hat sie nie bereut.

So sehr sich auch die einzelnen Weingüter unterscheiden, haben sie sich doch eines gemeinsam auf die Fahnen geschrieben: Wein als kulinarische Ergänzung zu feiner Küche zu vermarkten.

Reine Gesellschaftsweine sind nicht die Sache der Kalifornier. Unter dieser Prämisse publiziert Carolyn Wente Kochbücher mit entsprechenden Weinempfehlungen.

Ihre Haupaufgabe als President des Wente Vineyards ist das Marketing und die Führung eines an das Weingut angegliederten Restaurants. Kochbücher zum Thema Küche und Wein veröffentlicht auch Margrit Biever Mondavi gemeinsam mit ihrer Tochter Annie Roberts.

Als sie sich damals gemeinsam mit ihrem heute 90-jährigen Mann, der 1966 mit dem Flaggschiff Robert Mondavi Winery startete, im Napa Tal um den Wein bemühte, sei sie, wie sie nicht ohne Stolz erzählt, "die bestgehasste Frau gewesen".

Mondavi will Absatz in Deutschland erhöhen

Deutschland zählt für die Mondavis zu den wichtigsten Absatzmärkten, wobei rund die Hälfte des Geschäftes über den Einzelhandel läuft.

Vermarktet werden die Erzeugnisse bei Karstadt, Kaufhof, in den Mövenpick-Weinläden sowie bei Tengelmann, Edeka und Wal-Mart. Mondavi rechnet künftig in Deutschland mit einer "zweistelligen Wachstumsrate".

Zu den großen Schaumweinproduzentinnen gehört Jamie Schramsberg. Sie ist Eigentümerin, President und CEO des gleichnamigen Weingutes, das sie in den sechziger Jahren gemeinsam mit ihrem Mann im Napa Valey gründete.

"Ich war von Anfang an am Weingut und der Weinproduktion interessiert", sagt sie. Hergestellt werden sieben verschiedene Schaumweine. Rund 4 Prozent der Produktion werden exportiert.

Kimberlee Jackson Nicholls verantwortet bei Markham im Napa Valley die Weinherstellung. Sie bekennt freimütig: "Das Weingeschäft war zunächst nicht mein Traumberuf, es war Liebe auf den zweiten Blick."

Zweifel, ob sie der Aufgabe gewachsen ist, hatte sie nicht: "Ich wusste, dass ich das kann und schließlich auch machen will." Heute distribuiert das Unternehmen Wein bis nach Japan. Auch bei Kristin Belair führte der Weg zum Wein über Umwege.

Erste Erfahrungen im Weingeschäft gesammelt

Erst über einen Ausflug in die australische Weinwirtschaft fand sie zu ihrem heutigen Beruf. Nachdem sie bei einigen kleinen Winzern erste Erfahrungen gesammelt hatte, arbeitet sie seit sechs Jahren als Winemakerin auf dem Weingut Honig.

Im Mittelpunkt ihres Tuns stehen der Sauvignon blanc und Cabernet Sauvignon. Vertrieben werden die Honig-Produkte nur auf dem amerikanischen Markt.

Gloria Ferrer ist Besitzerin des gleichnamigen Weingutes. Das gesamte Geschäft überlässt sie Eva Bertran, Executive Vice President. Mit rund 150 Mitarbeitern produziert und exportiert sie Wein bis nach Europa.

Rund 40 Prozent verbleiben in Kalifornien. "Weil immer mehr Supermärkte Wein verkaufen, kommt Bewegung in den Absatzmarkt", freut sie sich.

Das Engagement von Frauen für den Wein reicht weit zurück. Zu den ältesten Weingütern Kaliforniens zählt Guenoc. Von 1888 bis 1906 gehörte es der Schauspielerin Lillie Langtry.

Sie kaufte 4 200 Morgen Land in der Senke Guenoc mit dem Ziel, Wein von hoher Qualität zu produzieren. Unter dieser Prämisse engagierte sie den französischen Kellermeister Henri Descelles aus Bordeaux.

Die Familie Magoon erwarb das Weingut Guenoc 1963 und exportiert heute nach Europa und Asien.

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