Facebook macht dem Intranet Beine

von Redaktion LZ
Freitag, 11. November 2011
Flexibel lernen: Betriebliche Weiterbildung verlässt Seminarräume und feste Stundenpläne. Networking steht bei der Generation Y hoch im Kurs.
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Flexibel lernen: Betriebliche Weiterbildung verlässt Seminarräume und feste Stundenpläne. Networking steht bei der Generation Y hoch im Kurs.
LZnet. . Beim diesjährigen Forum Europrofession ging es um "Innovative Personalqualifizierung in Unternehmen". Neue Kommunikationstechnologien und webbasiertes Lernen sind in der betrieblichen Realität angekommen.
"Lernende werden selbst aktiv im Internet unterwegs sein, eigenen Content kreieren und ihn Mitarbeitern oder Kunden zur Verfügung stellen", schildern die Veranstalter, die Stiftung Europrofession und die Universität des Saarlandes, die absehbare Entwicklung in der Welt des beruflichen Lernens und Lehrens.

Dabei werden nach ihrer Ansicht die Grenzen zwischen Autoren und Nutzern ebenso verschwimmen wie die zwischen Trainern und Lehrern. In einem nie dagewesenen Ausmaß könne das Wissen der Beschäftigten "mit Hilfe von Wikis oder Blogs bewahrt oder weitergegeben werden".

Keine einfache Ausgangslage für die HR-Riege, denn eine derart offene Kommunikationskultur ist in vielen Unternehmen noch nicht an der Tagesordnung. Im Gegenteil. Viele Betriebe versuchen, die Welt der sozialen Netzwerke außen vor zu lassen oder zu reglementieren.

Communities werden das Intranet ersetzen

Aber auch die Personaler sind noch nicht so aufgeschlossen, wie sie sein sollten, findet Dr. Jochen Robes von HQ Interaktive Mediensysteme: "Der Zug fährt, aber die Personalentwicklung hinkt ein bisschen hinterher."

"Communities", so Moderator Rolf Karges von der Top GmbH, "werden das klassische Intranet in den Unternehmen über kurz oder lang ersetzen." Denn die Nachwuchskräfte, die heute angeworben werden, sind damit groß geworden und werden nicht auf diese Art der Kommunikation verzichten wollen.

Andrea Back, Universität St. Gallen
V. Braun
"Facebook ist eine Massenbewegung, die Sie nicht ignorieren können", richtet sich der Fachmann an die Vertreter der Wirtschaft im Auditorium. Andrea Back, Professorin der Universität St. Gallen, unterstreicht das. "Wir erleben eine Technologierevolution, wie sie noch nie dagewesen ist", beschreibt die Direktorin des Instituts für Wirtschaftsinformatik den Siegeszug des Social Web und der mobilen Endgeräte.

iPad und iPhone machen Weiterbildung mobil

Auch sie ist sicher, dass zukünftig niemand an Facebook & Co. vorbeikommt: "Lebendig und in Realtime, ohne Lektorat und Freigaben, zuweilen auch chaotisch", so charakterisiert Back die neuen Medien. Dagegen habe das klassische Intranet, das "statisch, kontrolliert und langsam" daherkommt, gerade bei Young Professionals schlechte Karten.

Die haben überdies ihre Devices, sei es das Smartphone oder der Tablet-Computer, stets dabei. Weiterbildung wird flexibel und mobil. Insofern gelte es für die Betriebe, Inhalte für iPhone oder iPad bereitzustellen.

Eine Eins-zu-Eins-Umsetzung allein aber ist wenig zielführend. Es gelte, die speziellen Funktionen der Endgeräte richtig einzubinden und zu nutzen. Zudem müsse sich etwas in den Köpfen ändern. Back nannte Stichworte wie Offenheit, Transparenz und Authentizität.

Young Professionals wollen sich vernetzen

HQ-Manager Robes zeigte anhand der Beispiele IBM, BASF und Adidas, wie Unternehmen "fließende Übergänge" von Intranets und dem Social Web gestalten und von dort "Brücken schlagen" zur formalen Weiterbildung und Qualifizierung. Auf diese Weise werden Young Professionals und erfahrene Experten gleichermaßen erreicht.

"Denn die wollen nicht in Seminaren sitzen, sondern sich mit anderen vernetzen", ist Robes überzeugt. So gesehen, seien soziale Netze "genuine Themen für Personaler".

Auf Personalentwickler und Trainer kommen also neue Anforderungen zu. Sie müssen sich mit den neuesten Technologien vertraut machen. Sie sind zukünftig auch nicht mehr nur Wissensvermittler, sondern werden zu "Navigatoren in einem kaum überschaubaren Dschungel von Angeboten".

Zudem schwinde der gewohnte Rahmen des Lernens. Weiterbildung wird nicht mehr nur in Seminarräumen stattfinden, sondern immer dort, wo ein Internetzugang vorhanden ist.

Lebenslanges Lernen

Mit dem Schlagwort "lebenslanges Lernen" setzte sich Prof. Ada Pellert, Präsidentin der Deutschen Universität für Weiterbildung, auseinander. Als Hindernisse macht sie die mangelnde Durchlässigkeit des Bildungssystems insgesamt aus und besonders an der Schnittstelle von inner- zu außerbetrieblicher Weiterbildung.

Es mangele an Anerkennungs- und Zertifizierungsverfahren. Zudem sei es für den Einzelnen noch nicht selbstverständlich, in allen Lebensphasen "immer wieder mit dem Lernen anzufangen". Und bei vielen Vorgesetzten herrsche die Befürchtung vor, Mitarbeiter, denen man eine teure Qualifiezerung "gönne", könnten anschließend kündigen. "Dabei ist Personalentwicklung ein starker Bindungsfaktor, gerade für die junge Generation", so Pellert.

Personalentwicklung als Bindungsfaktor

Volker Zimmermann, Vorstand IMC AG
V. Braun
"Die Personalleiter können einem fast leid tun", zeigte Dr. Volker Zimmermann Verständnis für die zuweilen ratlosen HR-Profis. Denn sie müssen auf neue Anforderungen ihrer Unternehmen schnelle Antworten finden.

"Was sollen wir in Sachen Web 2.0 tun?" – "Haben wir genug Masse für eine Community?" – "Wie kriegen wir das ans Laufen?" Mit solchen Fragen kommt der Chef zu seinen Personalern – und will die Lösung am liebsten gestern, weiß der Vorstand der IMC AG. Das Beratungshaus zählt Rewe, dm, Oetker und Henkel zu seinen Kunden.

Zimmermann veranschaulichte, wie sich das Talent-Management mit der betrieblichen Weiterbildung sinnvoll verknüpfen lässt. Moderne Personalakten könnten heute Kompetenzprofile aufzeigen und Soll-/Ist-Vergleiche abbilden.

Brücke zum Talent-Management schlagen

Das Demografie- oder das Wechselrisiko eines Mitarbeiters oder einer Abteilung lasse sich dort ebenso erfassen wie die Karriere- oder Nachfolgeplanung. Am Beispiel Micro-Learning illustrierte der Referent, welche Tools in der Weiterbildung heute zur Verfügung stehen.

Dabei handelt es sich um ein "kontextsensitives System", das erkennt, woran der Mitarbeiter gerade arbeitet, und passende Lerninhalte für die Situation anbietet. Ein solches Programm sei zwar für Menschen mit Kundenkontakt nicht das Richtige, aber dafür in vielen Bürojobs einsetzbar.

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