LZ-Branchenrundruf Wenig Stress bei Rente mit 63

von Redaktion LZ
Donnerstag, 21. August 2014
Individuelle Lösungen: Nicht wenige Mitarbeiter möchten gern länger arbeiten als bis zur regulären Altersgrenze.
LZ-Archiv
Individuelle Lösungen: Nicht wenige Mitarbeiter möchten gern länger arbeiten als bis zur regulären Altersgrenze.
LZnet/Silke Biester. Die neu geschaffene Möglichkeit für langjährige Beitragszahler, mit 63 Jahren abschlagsfrei in Rente zu gehen, wird in der Branche zurzeit eher selten in Anspruch genommen. Das ergab ein Rundruf der LZ bei verschiedenen Handelsunternehmen und Herstellern.
Wer 1952 oder früher geboren ist und 45 Jahre Beiträge gezahlt hat, kann neuerdings im Alter von 63 Jahren in Rente gehen, ohne Abschläge hinnehmen zu müssen. Seit Anfang Juli ist diese Regelung gültig. Und schon wenige Tage später sollen bereits 50.000 Arbeitnehmer ihren Antrag gestellt haben. Die Bundesregierung rechnet im Einführungsjahr mit 240.000 "Vorziehern".

Theoretisch könnte die Konsumgüterbranche davon besonders betroffen sein. Denn sowohl im Handel als auch in den Werken der Hersteller gibt es eine Vielzahl von Fachkräften, die bereits mit 15 oder 16 Jahren ihre Ausbildung begonnen haben und somit die Voraussetzung erfüllen.

Bislang melden sich nur wenige Interessenten

In der Praxis scheint die große Welle von Ruhestandswünschen die Personalabteilungen der Branche aber noch nicht zu erreichen. Zwar haben viele Unternehmen das Thema noch nicht systematisch über die verschiedenen Bereiche hinweg ausgewertet. Doch bei größeren Problemen wären die Personalabteilungen längst damit konfrontiert.

"Seit Inkrafttreten des neuen Rentengesetzes am 1. Juli haben sich einige wenige Mitarbeiter gemeldet, die die Möglichkeit der Rente mit 63 nutzen wollen", berichtet Stefan Britz, der bei Globus den Bereich Mitarbeiter verantwortet. Auch bei Otto handelt es sich um "Einzelfälle". Personalpolitische Maßnahmen seien nicht geplant, teilt der Versender mit.

Bei Henkel wurden bisher ebenfalls nur "vereinzelte Anfragen" registriert. Und diese beträfen vor allem Mitarbeiter, mit denen das Unternehmen ohnehin bereits Altersteilzeitregelungen getroffen hat. Die Düsseldorfer gehen davon aus, dass der Zeitpunkt des Rentenantritts sich nur bei den wenigsten Beschäftigten verschieben wird: "Wir sind zuversichtlich, dass die Gesetzesänderungen keinen negativen Einfluss auf unsere bisherige ausgewogene Altersfluktuation haben werden."

Wenig Einfluss auf die Altersfluktuation

Dem Hamburger Unilever-Konzern liegen zwar keine ganz aktuellen Daten vor, doch er verweist auf das umfassende Demografieprojekt, das bereits vor längerer Zeit gestartet wurde. Neben der reinen Situationsanalyse stehen dabei Aspekte wie Gesundheitsvorsorge und Zusatzrente auf dem Plan. Sie sollen die Arbeitsfähigkeit und Motivation stärken und so vorzeitigem Know-how-Verlust entgegenwirken.

Auch bei der Bitburger Braugruppe fühlt man sich gut vorbereitet, obwohl einige Mitarbeiter früher ausscheiden: "Das stellt uns nicht vor gravierende Herausforderungen, da wir uns im Rahmen unseres personalpolitischen Konzepts ‚Herausforderung Zukunft‘ bereits rechtzeitig mit dem Thema beschäftigt haben." Es sei lediglich notwendig, die geplante, vorausschauende Nachfolgeregelung zeitlich vorzuziehen.

Frühverrentung ist nicht mehr zeitgemäß

Grundsätzlich hält man das neue Gesetz aber für ein falsches Signal. "Frühverrentung ist nicht mehr zeitgemäß", sagt Alfred Müller, Geschäftsführer Finanzen und Verwaltung bei Bitburger. "Dafür haben wir auch bei den älteren Mitarbeitern großes Verständnis festgestellt."

Ähnlich ist es offenbar bei Rossmann, wo bisher "nicht ein einziger Fall" in der Personalabteilung registriert worden ist, bei dem ein Beschäftigter seine Rente schon mit 63 in Anspruch nehmen will. Das Drogeriemarkt-Unternehmen wertet dies positiv: "Offensichtlich will bei Rossmann keiner früher weg als unbedingt erforderlich."

Manch einer möchte länger im Job bleiben

Diese Erfahrung passt zu aktuellen Studienergebnissen des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB): Demnach nimmt der Wunsch nach vorzeitigem Ruhestand mit zunehmender Nähe zum Eintrittsalter ab. Während noch 64 Prozent der 60-Jährigen gerne früher aufhören wollen zu arbeiten, sind es bei den 64-Jährigen nur noch 18 Prozent.

Jeder Achte der gesamten Gruppe möchte sogar noch länger im Job bleiben als bis zur gesetzlichen Regelaltersgrenze. Das BIBB empfiehlt deshalb, flexiblere Regelungen zu schaffen, die sich auf individuelle Anforderungen in beide Richtungen ebenso einstellen wie auf die Bedürfnisse des Arbeitsmarkts und der Betriebe.

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