Work-Life-Balance Vereinbarkeit 4.0 im Stresstest

von Julia Wittenhagen
Freitag, 23. Dezember 2016
Personalexpertin Jutta Rump beim Vortrag in Frankfurt: Flexibilität verführt, aber hat Grenzen.
Jens Braune del Angel
Personalexpertin Jutta Rump beim Vortrag in Frankfurt: Flexibilität verführt, aber hat Grenzen.
Arbeitnehmer möchten immer mehr private Themen mit dem Beruf vereinbaren. Zugleich wird es für Unternehmen immer schwieriger, Personallücken durch reduzierte Arbeitszeiten aufzufangen. Gestartet ist die Vereinbarkeit mit dem Anspruch, berufstätige Mütter arbeitsfähig zu halten. Jetzt geht es um die Einlösbarkeit einer Massenbewegung.

Manchmal wird die Vereinbarkeitsexpertin und Professorin für Personalmanagement, Jutta Rump, Opfer ihrer eigenen Überzeugung. Das gibt sie offen zu: Sie sagt nämlich immer ja, wenn ihre Mitarbeiter am Institut für Beschäftigung und Employability an der Hochschule Ludwigshafen fragen, ob sie künftig mehr im Home-Office arbeiten oder Stunden reduzieren können. Die Gründe sind vielfältig. Sie reichen von der Einschulung der Tochter, dem Aufbaustudium oder kranken Vater bis zum Wunsch, mehr Zeit mit der fernen Liebsten zu verbringen. Rump sagt ja, egal, wie hoch das Arbeitsvolumen gerade ist. Schließlich weiß sie selbst am besten, dass nur zufriedene Mitarbeiter Top-Performer sind.

Aus ihrer Sicht sind nicht nur die Ansprüche der Beschäftigten an Arbeitszeitsouveränität gestiegen. Auch das Feld dessen, was alles mit dem Beruf vereinbart werden soll, weitet sich rapide, berichtete sie beim Kongress "Arbeit, Zeit, Familie", zu dem das Hessische Ministerium für Soziales und Integration, die Hessenstiftung – Familie hat Zukunft und weitere Partner Mitte Dezember in Frankfurt einluden. Die Flexibilisierung stoße an ihre Grenzen.

"Vereinbarkeit ist heute viel mehr als Kinder und Pflege", holte sie aus. Denn im Laufe eines langes Berufslebens wandelten sich die Bedürfnisse. Parallel dazu möchten Arbeitgeber, dass ihre Mitarbeiter nie den Spannungsbogen von Lernen und Leistung verlassen und in Zeiten des Nachwuchsmangels dem Unternehmen erhalten bleiben. "Dadurch wird Vereinbarkeit zum strategischen Erfolgsfaktor", glaubt sie. Alle demografischen, technologischen und gesellschaftlichen Trends wirkten darauf ein und machten das Thema zu einer echten Herausforderung für Führungskräfte und Personalabteilungen.

Mannigfaltige Ideen sind nötig, legt man das Konzept der lebensphasenorientierten Personalpolitik zu Grunde. Wie viele, wird sichtbar, wenn man eine Tabelle mit zwei Achsen zeichnet: eine bildet die Lebensphasen Single, Partnerschaft, Elternschaft, Pflege, Krankheit, Umorientierung, bürgerschaftliches Engagement ab, die andere berufliche Phasen wie Einstieg, Entwicklung, Wachstum, Reife, Ausland, Ausstieg. "Wollen sie einer Azubine zum Thema Pflege der Eltern das gleiche anbieten wie einem reifen Arbeitnehmer? Welches Paket wollen sie für Mitarbeiter im Ausland schnüren, welches für Führungskräfte?", so Rump.

Zwei Frauen sind gleich alt, gleich gut und werden beide schwanger. Die eine kommt nach sechs Wochen wieder, die andere möchte drei Jahre Elternzeit voll ausschöpfen. Das sei für sie Vereinbarkeit 3.0, die Individualisierung von Lebensentwürfen. Die erst durch digitale Tools möglich gewordene Flexibilisierung prägt für sie die Vereinbarkeit 4.0, die ihre Tücken hat: "Die Flexibilisierung ist in Zeiten des Fachkräftemangels eine Falle", weiß sie aus eigener Erfahrung.

Letztendlich versuchten Arbeitnehmer, konkurrierende Zeitsysteme von Kitas, Behörden, Ladenöffnungszeiten oder Arztpraxen mit der Arbeitszeit zu synchronisieren. Und dabei seien Betriebe am flexibelsten. Auch, weil digitale Medien immer mehr mobile Arbeitsmodelle möglich machen. "Das heißt aber nicht, dass es grundsätzlich besser läuft. Denn immer erreichbar sein heißt noch lange nicht, immer verfügbar zu sein", weiß sie und ergänzt: "Wie handhaben sie die Einarbeitung neuer Mitarbeiter, wie tun sie etwas für das Betriebsklima, wenn keiner da ist?" Sie selbst habe ihren Mitarbeitern 17 Jahre lang angeboten, dass sie entscheiden dürfen, wo sie arbeiten. "Heute weiß ich, dass es Regeln braucht wie feste Anwesenheitstage."

Ziel der Vereinbarkeit sei es, die Beschäftigungsfähigkeit der Mitarbeiter zu fördern und in drei Dimensionen zu erhalten: Kompetenz und Qualifikation, Gesundheit und Wohlbefinden sowie der für sie wichtigsten: Identifikation und Motivation. "Sie sollen langfristig das beste geben, indem sie sich mit ihrer Arbeit, ihrem Arbeitgeber und ihrem Team identifizieren."

Gleichzeitig sei es volkswirtschaftlich zur Notwendigkeit geworden, alle Arbeitskräfte möglichst in Vollzeit an Bord zu behalten. "Das Auffüllen der Lücken mit neuen Arbeitskräften kostet die Unternehmen viel Zeit." Zielkonflikte zwischen Wünschen der Arbeitnehmer und ihrer Mitarbeiter werden für sie in den Jahren 2018 bis 2023 zum großen Thema .

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