Zeitsouveränität Arbeiten, so wie man will

von Julia Wittenhagen
Freitag, 03. Februar 2017
Auf der Suche nach Work-Life-Balance: Arbeitszeit soll sich an Privatleben anpassen.
: Anze Bizjan/ shutterstock
Auf der Suche nach Work-Life-Balance: Arbeitszeit soll sich an Privatleben anpassen.
Teilzeit ist keine Domäne der Mütter mehr. Umfragen zeigen, dass immer mehr Angestellte weniger als 40 Stunden arbeiten möchten. Um Fachkräfte zu binden, ist Offenheit für Wahlarbeitszeit und -ort nicht mehr Kür, sondern Pflicht.

Die Anzeichen mehren sich, dass stets präsente Vollzeitbeschäftigte in Zeiten von Arbeit 4.0 bald nicht mehr das Gros der Angestellten bilden. Denn die Ansprüche der Mitarbeiter, selbst zu entscheiden, wann, wo und wieviel sie arbeiten, wachsen. Das haben viele Arbeitgeber verstanden, zeigt die neue Studie ‚Jobtrends 2017‘ von Kienbaum und Staufenbiel: Auf die Frage, welche Benefits sie Berufseinsteigern bieten, nennen Unternehmen flexibles Arbeiten gleich an erster, Home-Office an dritter Stelle.

Aber: Flexibilität ist bislang beliebter als Arbeitszeitreduktion. Nur 11 Prozent der Unternehmen nutzen derzeit Teilzeitmodelle, bei denen die Arbeitszeit zwischen 75 und 90 Prozent liegt, zeigt eine große Umfrage des Bundesverbands der Personalmanager. "In Zukunft dürfte insbesondere dieser Anteil weiter steigen", heißt es dort. Denn 55 Prozent der befragten Personalmanager geben an, dass ihre Unternehmen bald vollzeitnahe Teilzeit-Modelle anbieten wollen mit einer Wochenarbeitszeit zwischen 28 bis 36 Stunden.

"Wir bekommen rund um das Thema Arbeitszeitreduktion sehr viele individuelle Anfragen", bestätigt Bettina Weller, HR Business Partner bei Weleda. Längst gehen sie über Kinderbetreuung und Pflege hinaus. "Auch Weiterbildung, Studium und größere private Projekte sind ein Thema. Wir versuchen, möglich zu machen, was geht." Neu sei das Programm ‚Freizeit statt Entgelt‘. "Die Idee ist, dass man durch Gehaltsumwandlung bis zu 20 zusätzliche Urlaubstage gewinnen kann und dies ein Jahr im voraus mit dem Vorgesetzten plant." Vorteil: Die Fehlzeit ist abgegrenzt, planbar und besser zu überbrücken.

Bausteine helfen bei der Umsetzung und geben beiden Seiten einen Rahmen bei der Suche nach dem rechten Maß. Schon jetzt würden 55 Prozent der Vollzeitkräfte ihre Arbeitszeit von durchschnittlich 43,5 Stunden gern reduzieren, zeigt der Arbeitszeitreport 2016 der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin. Für junge Mitarbeiter sind Überstunden laut einer Ernst & Young-Studie sogar wichtigster Kündigungsgrund. Gleichzeitig würde ein Drittel der Teilzeitkräfte, zu 80 Prozent sind das Frauen, gern mehr arbeiten.

"Die verschiedenen Arbeitszeitmodelle werden von unseren 75.000 Mitarbeitern je nach Arbeitsbereich und Tätigkeit unterschiedlich häufig in Anspruch genommen", heißt es bei Lidl. "In den Filialen werden zu einem großen Teil Teilzeitmodelle genutzt. Diese entsprechen hinsichtlich der Flexibilität sowohl dem Bedürfnis der Mitarbeiter als auch den Anforderungen im Verkauf." In den Regionalgesellschaften und in der Zentrale seien die Mitarbeiter dagegen meist in Vollzeit beschäftigt. "Unabhängig vom Arbeitsplatz ist die Nachfrage nach Teilzeitarbeit bei Mitarbeitern mit Kindern besonders hoch", weiß Lidl. Dass genau diese Teilzeitbeschäftigten mit Aufstockwünschen Schlange stünden, kann Jens Berger, Personalleiter bei Galeria Kaufhof, aber nicht beobachten. "Das gibt es natürlich, bislang aber nicht in großer Anzahl."

Amazon, einige schwedische Unternehmen, auch Start-ups in Berlin testen derzeit als Wohlfühl-Konstrukt die 30-Stunden-Woche. Ihre Hoffnung ist, dass Mitarbeiter mit perfekter Work-Life-Balance zufriedener, produktiver und seltener krank sind. Die Annahmen erfüllten sich zwar in einem Pilotprojekt in einem schwedischen Altersheim zu 100 Prozent, allerdings mussten zusätzliche Kräfte eingestellt werden, um Lücken im Schichtplan zu schließen. Wegen der Zusatzkosten wurde das Experiment wieder eingestellt. Im Handel ist nichts anderes zu erwarten. Wenn Aldi und Lidl gerade darüber nachdenken, ihre Läden bis 22 Uhr zu öffnen, ist Präsenz unverzichtbar.

Ohnehin vertragen sich Fachkräftemangel und Arbeitszeitverkürzung schlecht. "Die Nutzung aller zur Verfügung stehenden Ressourcen in Vollzeit ist aber auch nicht die Lösung des Fachkräftemangels", betont Jens Berger von Galeria Kaufhof. "Vielmehr muss es uns als Unternehmen gelingen, eine möglichst hohe Arbeitszeitflexibilisierung zu bieten, um Fachkräfte mit unterschiedlichen Anforderungen und zeitlichen Möglichkeiten für uns zu gewinnen."

Kirsten Sánchez Marín, Leiterin Global Diversity & Inclusion bei Henkel, wird noch deutlicher. "Wir verzeichnen derzeit keine wesentlichen Änderungen bei der Nachfrage nach Teilzeit oder Aufstockung der bestehenden Teilzeit." Vielmehr wachse die Bedeutung des flexiblen Arbeitens als Wettbewerbsfaktor.

Just in dieser Umbruchphase, die auf 1001 individuellen Kompromissen basiert, will das Bundesministerium für Arbeit und Soziales per Gesetz Teilzeitarbeit stärken und Frauen aus der "Teilzeitfalle" befreien.

Die Kommentare der Wirtschaft bewegen sich zwischen "Überregulierung" und "überflüssig". "Die Gesetzesinitiative greift sehr in die Autonomie der Arbeitszeitgestaltung ein und erschwert einen flexiblen Umgang mit der Thematik. Wir versuchen auch ohne Gesetz den Wünschen unserer Mitarbeiter bei der Arbeitszeitgestaltung nachzukommen, solange dies mit den betrieblichen Belangen vereinbar ist", sagt Jens Berger von Galeria Kaufhof.

"Bei uns sind sogar 50 Prozent Teilzeit in einem und 30 Prozent in einem anderen Bereich möglich", sagt Bettina Weller von Weleda. Sorgen bereitet ihr das Gesetz daher nicht. Aber auf die Ausgestaltung ist sie schon jetzt sehr gespannt.

Schlagworte zu diesem Artikel:

Sie haben Fragen oder Anmerkungen zu diesem Artikel?
Schicken Sie eine Email an die Redaktion.

Hier können Sie die Nutzungsrechte an diesem Artikel erwerben.

Meistgelesen

stats