"Das Neue entsteht im Chaos"

von Redaktion LZ
Freitag, 02. August 2013
„Selbstorganisiert und hochgradig vernetzt, kognitiv und sozial“: Bernhard von Mutius sieht das Gehirn als Vorbild für Unternehmensstrukturen.
DGFP
„Selbstorganisiert und hochgradig vernetzt, kognitiv und sozial“: Bernhard von Mutius sieht das Gehirn als Vorbild für Unternehmensstrukturen.
LZnet. Der Zukunftsforscher Bernhard von Mutius wünscht sich Offroad-Manager mit starkem Wertebewusstsein. Beim diesjährigen DGFP-Kongress erklärte er den teilnehmenden Personalern, welche Eigenschaften Führungskräfte künftig brauchen.
"Turbulenz ist heute der normale Zustand", sagt Bernhard von Mutius, Philosoph und Begleiter von Veränderungsprozessen in der Wirtschaft. Doch genau damit haben viele Führungskräfte seiner Erfahrung nach nicht umzugehen gelernt. In der Ausbildung werde bereits ein Grundproblem geschaffen: In Seminaren und an Business Schools wird zwar gelehrt, wie man am schnellsten von Punkt A zu Punkt B kommt.

Und auf dieser Basis werden später in den Unternehmen gut funktionierende Standardprozesse aufgesetzt. Allerdings beherrsche niemand das Offroad-Management, bei dem nur eines feststeht: dass die Strecke vor einem voller Hindernisse ist. "Wir wissen, wie wir Dinge richtig machen. Aber machen wir auch die richtigen Dinge?", stellt der Referent die Herangehensweise in Frage. "Was, wenn unser Geschäft vor einer tiefgreifenden Transformation steht?"

 

Von Mutius ist überzeugt, dass die Wirtschaft Abschied nehmen muss vom linearen Fortschrittsdenken. "Die Realität ist nicht linear, sie gleicht eher einer Berglandschaft." Führungskräfte müssen vielmehr mit Turbulenzen umgehen können, um die Wettbewerbsfähigkeit ihrer Unternehmen zu sichern. Dabei seien "Bergführer" gefragt, die vor Komplexität nicht zurückschrecken. Aber: "Wir brauchen keine Schönwetterführer, die nur auf ihr eigenes Fortkommen bedacht sind", verpasst er den glänzend bezahlten Karrieristen in mancher Führungsriege einen Seitenhieb.

 

Von den Unternehmenslenkern fordert der Zukunftsdenker mehr Verantwortung auf Basis eines stabilen Wertegerüstes. Um dem aktuellen Misstrauen der Bevölkerung gegenüber der Wirtschaft zu begegnen, sei es wesentlich, die Distanz zu reduzieren. "Viele Manager sehen in ihren abgeschotteten Headquarters nicht mehr die Menschen, sondern nur ihren Monitor." Dabei würden sie die ökologische und soziale Verantwortung an die Politik oder ihre PR-Abteilung abschieben, ohne sich bewusst zu machen, dass der eigene Erfolg auch von der Umwelt abhängig ist.

 

Werteorientierung muss spürbar sein

#/ZT# Die Werteorientierung der Führungsriege müsse auch innerhalb der Organisation zu spüren sein. Schließlich bewegen sich die Unternehmen als Arbeitgeber auf einem Markt, der umkämpft ist. Neben Basisleistungen wie dem Gehalt legen Mitarbeiter zunehmend Wert auf Dinge wie Arbeitsklima und Fairness. "Wertschöpfung braucht Wertschätzung", bringt von Mutius es auf den Punkt.

 

Deshalb würden die gelebten Werte künftig zum zentralen Element einer Organisationsstruktur. Als strategische Aufgabe, die von der HR-Abteilung begleitet wird, sieht von Mutius nicht nur das Thema Employer Branding. Darüber hinaus sollte sie ein klares Leadership Branding entwickeln, mit Werten, die für die Führungskräfte und die Zukunft der Firma wichtig sind. "Führen Sie zusammen, was leider oft getrennt behandelt wird: Marke und Moral, Erfolg und Ethik, Handeln und Haltung."

 

Das Management müsse die Herausforderung annehmen, Ordnung und Chaos gemeinsam zu denken. Das erfordere die Fähigkeit eines Sowohl-als-auch-Denkens, die nicht weit verbreitet sei. Von Mutius: "Unsere Unternehmen sind ganz stark im Umgang mit Ordnung – aber das Neue entsteht immer auf der Chaos-Seite." Dies zu wissen, sei wichtig für Innovation. "Geben Sie dem Überraschenden Raum", rät er Führungskräften zu mehr Flexibilität. Denn Mitarbeiter sollten sich öffnen können und auch mal scheitern dürfen. Nur so entstünde Kreativität.

Das Gehirn als Vorbild für die Struktur von Unternehmen

#/ZT# Als Vorbild für langfristig zukunftsfähige Unternehmen beschreibt der Philosoph das menschliche Gehirn: "Es ist die Quelle von Denken und Werten. Es arbeitet gleichzeitig kognitiv und sozial. Es ist lern- und leistungsfähig." Der Erfolg basiere auf seiner Struktur. Denn das Gehirn funktioniert selbstorganisiert und hochgradig vernetzt. Es gibt keine Zentrale, die Anweisungen gibt und keine Abteilungen. Stattdessen steht grenzüberschreitende Zusammenarbeit aller Bereiche auf der Tagesordnung.

 

Zugleich sei das Gehirn wenig perfekt. "Es herrscht ein ziemliches Durcheinander", das es zu akzeptieren gilt. Manager müssen mit solchen Widersprüchen umgehen können, findet von Mutius. Schließlich gehe es nicht um Perfektion. Die Aufgabe von Führung sei es lediglich, Bedingungen zu schaffen, "die eine Veränderung zum Besseren wahrscheinlicher machen als eine Veränderung zum Schlechteren".

 

 

 

 

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