Zukunftsstrategie Digitalisierung heißt Weiterbildung

von Julia Wittenhagen
Freitag, 12. Januar 2018
Schulung motiviert Nutzer : Kunden- und Mitarbeiter-Informationssystem bei Edeka
Carsten Milbret
Schulung motiviert Nutzer : Kunden- und Mitarbeiter-Informationssystem bei Edeka
Nicht IT, nicht Daten, nein, Mitarbeiter, die neue technische Möglichkeiten beherzt in ihren Arbeitsalltag einbauen, bringen Unternehmen voran. 2018 löst die praktische Frage, wie man sie dazu befähigt, endlich theoretische Debatten über das Ob und Wann der Digitalisierung ab.

Für Azubis, die lieber online googeln statt Bücher zu lesen, hat Rewe neuerdings etwas: Warenkunde und Wissen in medial gut aufbereiteten Einheiten, die Beacons passend zum Aufenthaltsort auf das Tablet spielen. Bravo: So maßgeschneidert kann Weiterbildung 2018 im Einzelhandel dank digitaler Technik aussehen. Auch die Ausbildung zu E-Commerce-Kauffrau oder -Kaufmann verheißt gesteigertes Interesse beim Handelsnachwuchs, weil sie auf die Zukunft vorbereitet. Im August geht sie als erster neuer kaufmännischer Lehrberuf seit zehn Jahren an den Start.

Der Wunsch, als Gesamtorganisation schneller beim Onlinehandel mitzumischen und schneller neue Produkte und Services auf den Markt zu bringen, treibt viele Unternehmen um. Der Beraterbranche beschert das fette Jahre. Letzten Endes besteht die größte Herausforderung aber darin, den eigenen Mitarbeitern Erneuerung zuzutrauen und sie beim Wissensaufbau zu unterstützen. Denn Digitalisierung muss weitgehend mit Bordmitteln gewuppt werden. Auf das Recruiten neuer Digitalgenies sollte man sich im vollbeschäftigten Deutschland lieber nicht verlassen. Melitta liefert so ein Beispiel für Erneuerung von innen. Der westfälische Markenartikler hat ein vierköpfiges Innovationsteam eingesetzt als Inkubator für neue Ideen, aber auch als Multiplikator für neue Arbeitsmethoden wie Design Thinking. In Workshops lernen interessierte Mitarbeiter, wie sie in ihren Teams agiler werden können. Auf dem Absolventenkongress lockte diese Aussicht auf permanente Fortentwicklung und Mitgestaltungsauftrag für jedermann genauso viele Bewerber auf den Stand wie ein Fläschchen vom trendigen Cold Brew Getränk, das das Innovationsteam gerade im Schnellschritt kreiert hat.

Auch die Hochschulen schließlich haben registriert, wo der Schuh drückt und spannende neue Studiengänge für digitale Talente entwickelt: "E-Commerce und Digital Retail Management" hat die Fachhochschule im sächsischen Mittweida im Programm, ebenso "Automation – Industrie 4.0". Zu "Smart Production and Digital Management" könnte man studierwillige Mitarbeiter an die private Berufsakademie Fulda entsenden, zu Data Science an die Uni Marburg. Entsprechende berufsbegleitende Masterstudiengänge in Köln, Frankfurt oder im Fernstudium versprechen studierten Fachkräften den digitalen Wissensaufbau, der zu den wichtigsten Projekten im kommenden Jahr erklärt wird. Wer dabei nur an Juniorkräfte denkt, ignoriert demographische Fakten.

An neuen Bildungsangeboten wird es auch auf den anstehenden Fachmessen Learntec und Didacta nicht mangeln. Also sollte die Branche schnellstmöglich passende Lösungen für bestehende Mitarbeiter einkaufen. Multichannel ist nicht nur etwas, was kommt, man muss es auch reinlassen.

Digitalkompetenz : Neue Angebote von Unis und Weiterbildungsdienstleistern
Andrey Popov/ shutterstock
Digitalkompetenz : Neue Angebote von Unis und Weiterbildungsdienstleistern

Technisch gesehen brauchen Mitarbeiter auf der Fläche Tablets, damit sie Zugriff haben auf den kompletten Warenbestand ihres Arbeitgebers. Aber auch für guten Kundenkontakt werden Tablets immer unverzichtbarer. Nett zu sein, reicht nicht mehr. Der Kunde kommt oft mit genauen Preis- und Produktkenntnissen in den Laden, hat online Testergebnisse und Kundenbewertungen studiert. Er ist schnellen Service gewöhnt und nur einen Klick von der Onlinebestellung entfernt. Dies zu ignorieren nützt niemandem mehr. Stattdessen sollte jeder Verkäufer bestens darüber informiert sein, welche Multi-Channel-Services das eigene Haus anbietet, wie sie funktionieren und wie man Kunden in den Web-Shop lenkt, wenn sie sich im Laden noch nicht entscheiden können.

Die gute Nachricht: Immer mehr Arbeitnehmer erkennen Weiterbildung auch als Holschuld an, für die sie Freizeit zu opfern bereit sind. Was das für Führungskräfte heißt? Dass sie stärker darauf vertrauen, dass die eigenen Leute zukunftsfähig sind und auch bleiben wollen, dass sie ihr Wissen teilen, Unternehmensstrategien kommunizieren und gemeinsam mit dem Team definieren, was an Know-how über E-Commerce, Content Marketing, Blockchain oder Multichannel-Logistik noch fehlt. Ganz konkret und Schritt für Schritt. Digitale Bildung kostet Geld, aber Bedeutungsverlust bei Kunden, Bewerbern, Investoren muss noch teurer bezahlt werden.

Sie haben Fragen oder Anmerkungen zu diesem Artikel?
Schicken Sie eine Email an die Redaktion.

Hier können Sie die Nutzungsrechte an diesem Artikel erwerben.

Meistgelesen

stats