Bildungsdebatte Zwischen Facharbeitermangel und Akademisierungswahn

von Christiane Düthmann
Donnerstag, 21. Mai 2015
Julian Nida-Rümelin, Uni München
Julian Nida-Rümelin, Uni München
Gibt es in Deutschland zu viele Studenten und zu wenig Facharbeiter? Mit dem Thema "Überakademisierung" beschäftigte sich eine Podiumsdiskussion, zu dem das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung geladen hatte. Hier die vier Positionen.
Der Philosoph: Die Zahl der Studienanfänger hat sich in den letzten 15 Jahren nahezu verdoppelt. Vor diesem Hintergrund fordert Julian Nida-Rümelin, Professor für Philosophie an der Universität München, den "Akademisierungswahn" zu stoppen. Die berufliche Bildung werde vernachlässigt, die akademische Bildung immer beliebiger und flacher. Eine Studienanfängerquote von 56 bis 57 Prozent wie 2014 – "das überlebt das System der beruflichen Bildung nicht", ist er sicher. Denn dadurch werde die Berufsausbildung "marginalisiert".

Er warnt vor einer Propaganda, die das Abitur zum "Regelabschluss" und das Studium zum "Normalfall" mache. "Daraus folgt der absehbare Ruin der stärksten Seite des deutschen Bildungssystems – der beruflichen Bildung im dualen System." Zudem bezweifelt Nida-Rümelin, "dass diejenigen, die es im Gymnasium nicht schaffen, die besten Handwerker, Kaufleute, Techniker oder Erzieher werden". Man brauche vielmehr "in beiden Bereichen das gesamte Begabungsspektrum".

Die OECD: Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung hält dagegen, der Anteil hochqualifizierter junger Menschen sei hierzulande noch immer unterdurchschnittlich. Deutschland brauche mehr Menschen mit tertiärem Bildungsabschluss, um seine Innovationsfähigkeit zu bewahren. Seine Organisation habe aber nie gefordert, dass 60 Prozent der Schulabgänger studieren sollen, differenziert Heino von Meyer, Leiter der deutschen OECD-Niederlassung in Berlin. Es gehe bei dieser Zielmarke um diejenigen, die einen höheren ("tertiären") Abschluss erwerben, wozu auch Handwerksmeister zählen. Der Anteil der Hochgebildeten in Deutschland wachse zu langsam, mahnt von Meyer. In anderen Ländern stiege sowohl die Zahl der Erstsemester als auch die der Absolventen.

Heino von Meyer, OECD Berlin
Eine gute Ausbildung sei der beste Schutz vor Arbeitslosigkeit. So sind laut von Meyer bei den Geringqualifizierten 13 Prozent ohne Job. Von den Menschen mit Abitur und abgeschlossener Lehre sind 5,3 Prozent arbeitslos, von denen mit Meisterbrief oder Hochschulexamen nur 2,4 Prozent.

Der Bildungsforscher: Professor Felix Rauner, Leiter der Forschungsgruppe Berufsbildungsforschung an der Uni Bremen, warnt vor der "Verberuflichung der hochschulischen Bildung" als Kehrseite des Akademisierungstrends. In Deutschland gebe es inzwischen einen "Dschungel" von mehr als 2000 Fächern für Bachelor und Master – viele davon bloß "Mickey-Mouse-Fächer" wie etwa das "Management von Golfplätzen", schimpft er.

Architektur paralleler Bildungswege

Rauner plädiert für eine "Architektur paralleler Bildungswege". Einen akademischen schlägt er für die etwa 20 Prozent der Studierenden vor, die für wissenschaftliche Aufgaben qualifiziert werden. Auf der anderen Seite stehe ein möglichst durchgängiger dualer Bildungsweg, der mit einer dualen Ausbildung beginnt. Daran sollten sich "echte duale Bachelorstudiengänge" anschließen, idealerweise mit der Option einer Doppelqualifikation zum Meister und "Bachelor Professionell". Für Meister biete sich ein Studium in dualen Masterstudiengängen an.

Die Arbeitgeber: "Unternehmen brauchen Absolventen aus Studium und beruflicher Ausbildung. Diese beiden Bereiche dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden", findet die Bundesvereinigung der deutschen Arbeitgeberverbände (BDA). Die Diskussion über "Überakademisierung" lenke von den wesentlichen Problemen ab: fehlende Ausbildungsreife, mangelnde Berufsorientierung, hohe Abbruchquoten in Schule und Hochschule sowie eine immer noch hohe Zahl von Menschen ohne Berufsabschluss.

Fehlende Ausbildungsreife und hohe Abbrecherquoten

Irene Seling, stellvertretende Abteilungsleiterin der Abteilung Bildung/berufliche Bildung bei der BDA, untermauert dies mit Zahlen: "Wir haben in Deutschland jährlich 50.000 Schulabbrecher, fast 20 Prozent nicht ausbildungsreife Jugendliche und eine Abbruchquote von knapp 30 Prozent an den Hochschulen." Sie fordert eine bessere Verzahnung der beiden Bildungsbereiche und die Öffnung der Hochschulen für Berufstätige sowie beruflich Qualifizierte ohne Abitur. Zudem will sie Studienabbrecher als neue Zielgruppe für die duale Berufsausbildung erschließen.

(cd)

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