dm im Umbruch "Stationär und online soll eins bleiben"

von Redaktion LZ
Freitag, 06. Oktober 2017
Christian Harms ist seit 2008 Geschäftsführer für das Ressort Mitarbeiter und Arbeitsdirektor. In Deutschland beschäftigt dm knapp 39 000 Mitarbeiter, davon arbeiten 34.200 in den Filialen, 3 000 im Verteilzentrum und 1 800 in der Zentrale in Karlsruhe.
Alex Stiebritz
Christian Harms ist seit 2008 Geschäftsführer für das Ressort Mitarbeiter und Arbeitsdirektor. In Deutschland beschäftigt dm knapp 39 000 Mitarbeiter, davon arbeiten 34.200 in den Filialen, 3 000 im Verteilzentrum und 1 800 in der Zentrale in Karlsruhe.
dm-Arbeitsdirektor Christian Harms erklärt, was Digitalisierung für die Mitarbeiter der größten deutschen Drogeriemarktgruppe bedeutet, wie sich die Gruppe verjüngt und technisch aufrüstet.

Herr Harms, dm expandiert noch immer, was die Anzahl der Filialen angeht. Über 60 Neueröffnungen waren es im Geschäftsjahr 2016/17. Dennoch ging die Mitarbeiterzahl zuletzt leicht zurück. Haben Sie den Mitarbeiterschlüssel pro Filiale gesenkt?

Nein, wir haben gar keinen zentral vorgegebenen Schlüssel. Unsere 1 886 Filialen sind je nach Standort sehr unterschiedlich. Manche sind mehrstöckig, haben unterschiedliche Ein- und Ausgänge, liegen in der Innenstadt oder im Shopping-Center und stellen so unterschiedliche Anforderungen, dass das Team vor Ort entscheidet, wie viele Menschen es braucht. Es gibt Filialen mit 70 Mitarbeitern. Tendenziell wächst bei uns gerade der Anteil der Vollzeitkräfte, während der der Minijobber entsprechend zurückgeht, was die rückläufige Zahl der Mitarbeiter erklärt.

2015 hat dm den Online-Shop gestartet. Ist das etwas, was die Mitarbeiter auf der Fläche beschäftigt?

Ja, da wir Onlinekunden die Abholung in den Filialen anbieten. Außerdem testen wir in einem Pilotprojekt das Kommissionieren in der ein oder anderen Filiale – zumindest von den Artikeln, die in der Filiale gelistet und nicht exklusiv online sind. Das ist der Großteil.

Sollen Filialmitarbeiter ihre Kunden auch ermuntern, die exklusiv online angebotenen Artikel zu kaufen?

Ermuntern soll bei uns niemand. Wir sehen unseren Schwerpunkt in der Beratung. Ansonsten, ja, die Mitarbeiter werden Gelegenheit haben, auf Online-Sortimente aufmerksam zu machen. Wir wollen bis Ende des Jahres alle Filialmitarbeiter mit Smartphones ausstatten. Damit bekommen sie Zugriff auf den Onlineshop und können ihn im Beratungsgespräch nutzen.

2015/16 bekam dm 171 000 Bewerbungen, davon ein Drittel auf Lehrstellen. Ist die Zahl immer noch so hoch?

Ja, vom 1.10.2016 bis 31.5.2017 bekamen wir 126  00 Bewerbungen für Festanstellungen und Ausbildung. Das entspricht bis auf 5 000 bis 6 000 dem Vorjahresniveau. Quantitativ konnten wir bei rund 6 000 Neueinstellungen im letzten Geschäftsjahr aus dem Vollen schöpfen. Mit 164 000 abgesagten Bewerbern wertschätzend umzugehen, bleibt eine große Herausforderung. Aber ich will mich nicht beklagen.

Sind Neuerungen wie die Kooperation mit Bibi, das Sponsoring der Beautymesse Glow oder der Online-Shop auch Employer Branding-Maßnahmen?

Im weiteren Sinne schon, weil wir uns bei jungen Zielgruppen noch mal ganz anders ins Gespräch bringen. Dieser Effekt ist aber Folge und nicht Ziel der Maßnahmen.

Wo wird in der Zentrale noch Personal aufgebaut?

Im Moment haben wir in den filialunterstützenden Diensten 65 Stellen querbeet durch alle Bereiche zu besetzen. Wir suchen Innenarchitekten, Softwareingenieure, Datenschutzexperten, Scrum Master und Category Manager. Klar ist, die IT wächst am stärksten, wie bei vielen anderen Händlern auch. Das hängt mit dem Onlineshop, OCR-Technologie und Digitalisierung zusammen. Die gesamte Wirtschaft ist damit beschäftigt, neue Lösungen zu implementieren.

Ist Active Sourcing ein Thema? Baut also auch HR Stellen aus?

Für die aktive Ansprache nutzen wir interne Kapazitäten, die dadurch frei werden, dass weniger Bewerbungen auf Papier kommen.

Was kann man als Absolvent dualer Studiengänge bei dm werden, was als Vollzeitstudent?

Der Abschluss, egal ob Ausbildung oder Studium, ist bei uns immer nur der Einstieg. Wir sorgen für eine hohe vertikale und horizontale Durchlässigkeit mit sehr umfassenden Entwicklungs- und Weiterbildungsmöglichkeiten. Intern haben wir drei Absolventen dualer Hochschulen in der Geschäftsleitung. Viele leiten eine Filiale, arbeiten als Gebietsverantwortliche oder im Sortimentsbereich. Gleiches gilt für Absolventen von extern. Tatsächlich besetzen wir mit ihnen eher Posten, die wir nicht ausbilden, wie Juristen, Steuer-, Finanz- und IT-Experten oder Pädagogen für Aus- und Weiterbildung.

Wohin gehen Ihre Mitarbeiter, wenn sie dm verlassen?

Wir führen zwar Austrittsgespräche, aber erheben das nicht. Wir wissen nur, dass unsere Mitarbeiter von Mitbewerbern und Industriepartnern mit Kusshand genommen werden.

Warum? Was zeichnet Ihre Mitarbeiter aus? Was ist das dm-Gen?

Unsere Mitarbeiter sind häufiger konstruktiv-kritisch, möchten Dinge vorantreiben und sind es gewohnt, selbst zu entscheiden. Es gibt immer noch viele Unternehmen, bei denen oben gedacht und unten gemacht wird. Damit kommen unsere Mitarbeiter oft nicht klar. Der eine oder andere kam schon nach kurzem Intermezzo zurück. Unsere Filialmitarbeiter etwa stellen selbst ein, treffen Sortimentsentscheidungen, haben die Preishoheit, zumindest nach unten, und können Kundenkommunikation und -werbung mitgestalten.

Das heißt, Agilität wird schon gelebt?

Wenn man darunter versteht, dass Menschen verschiedenster Couleur in Teams zu Projekten zusammenkommen und Betroffene zu Beteiligten werden, wird Agilität bei uns schon lange gelernt und gelebt. Neue Methoden wie Scrum und Canban nutzen wir immer mehr.

Was heißt Digitalisierung für dm? Was hat sich seit Eröffnung des Online-Shops verändert?

Ganz praktisch arbeiten wir daran, alles, was der Kunde vom Filialeinkauf bei dm gewohnt ist, ins Netz zu übersetzen und umgekehrt. Für uns ist es eine Herzensangelegenheit, dass stationär und online eins bleibt. Der Kunde soll zu jeder Zeit entscheiden können, welcher Weg für ihn der Beste ist, um Drogeriewaren bei dm einzukaufen. Er soll sich genauso wohlfühlen, wenn er statt in der Filiale online einkauft und auch die Kollegen im dm-Markt sollen den Online-Shop nicht als Konkurrenz, sondern als sinnvolle Ergänzung erleben.

Wie befruchten sich die Kanäle?

Kunden können Zusatzsortimente in der Filiale bestellen, nicht vorrätige Ware nachbestellen und in der Filiale abholen oder sie sich nach Hause liefern lassen. Wir haben jede Menge Ideen, die teilweise noch im Projektstatus sind.

Im Zusammenhang mit vielen Neuerungen bei dm fällt häufig der Name Christoph Werner. Steht er als Vertreter der jüngeren Generation für Digitalisierung?

Der Name von Christoph Werner fällt vielleicht etwas häufiger, weil viele Dinge, die für Kunden direkt als Neuheit erlebbar sind, aus dem Sortimentsbereich kommen, für den er mitverantwortlich ist. Der Vorsitzende der Geschäftsführung, Erich Harsch, hat ebenfalls einen engen Bezug zu IT. Das Thema Digitalisierung betrifft alle Geschäftsführer und Mitarbeiter, es ist eine ganzheitliche Aufgabe für unsere Arbeitsgemeinschaft. Viele Impulse kommen aus Filialen oder von Gebietsverantwortlichen, die aufzeigen, was wir noch brauchen. Das Smartphone für alle ist so ein Beispiel.

Aber man orientiert sich schon daran, dass Christoph Werner irgendwann mal der Chef wird?

Das stimmt nicht und das ist auch nicht vorgegeben. Wir orientieren uns auch nicht daran, dass Herr Harsch der Vorsitzende der Geschäftsführung ist, wenn er einen Vorschlag macht, sondern daran, wie wir Kundenbedürfnisse bestmöglich befriedigen können.

Aktuell wird die neue dm-Zentrale gebaut mit 1500 Arbeitsplätzen für 1800 Mitarbeiter. Ist das eine Chance, die Arbeitsorganisation zu verändern?

Das Zusammenkommen unter einem Dach wird auf jeden Fall die Qualität der Zusammenarbeit fördern. Derzeit sind wir noch über sieben Standorte in Karlsruhe verteilt. Neuerungen wie Telearbeit, Desk Sharing oder offene Büros haben aber längst Einzug gehalten. Technische Pilotinstallationen prüfen wir noch.

Wie unterstützen Sie die in Umfragen immer wieder auffällige Beliebtheit als Arbeitgeber?

Wir diskutieren häufig darüber, wie wir zusammenarbeiten wollen. Jeder soll wissen, dass es auf ihn persönlich ankommt. Über Gewohntes und Grenzen hinauszugehen, bringt Entwicklung. Das kommt gut an. Vor ein paar Jahren sagten 97 Prozent der Mitarbeiter, dass sie sich wohl fühlen und einen Sinn erkennen, in dem was sie tun. Das ist fast ein Traumwert. Zufriedenheit steht und fällt damit, dass man nah dran ist an Menschen, frühzeitig Tendenzen erkennt und Unzufriedenheit gar nicht erst aufkommen lässt, indem man Hürden klein hält, wer mit wem sprechen darf.

Ist der Streit mit Alnatura für Bewerber ein Thema? Motto, jetzt streiten sich die Gutmenschen vor Gericht?

Nein, das glaube ich nicht. Unterschiedliche Ansichten, auch wenn Sie auf dem Gerichtsweg zu klären sind, sind ja nicht ungewöhnlich. Entscheidend für uns ist, dass wir ein vielfältiges Sortiment haben, besonders auch im Bereich Ernährung, das unsere Kunden schätzen. Julia Wittenhagen/lz 40-17

Christian Harms zu Aussagen der Mitarbeiter auf Kununu

" Ich lebe dm. Bester Arbeitgeber ever." Das freut mich natürlich. Wenn man morgens aufsteht und gerne zur Arbeit kommt, sind die Rahmenbedingungen stimmig.
"Jeder Mitarbeiter der Arbeitsgemeinschaft dm erhält jederzeit Zugang zu allen relevanten Kennzahlen der Arbeitsgemeinschaft, die er für die erfolgreiche, eigenverantwortliche Arbeit benötigt." Unser Ideal ist es, 38 000 Unternehmer im Unternehmen zu haben. Für die Entscheidungen, die jeder Einzelne zu treffen hat, wollen wir ihm alle nötigen Daten liefern: In der Filiale sind das Verkaufsdaten, Stückerträge, Leistungen und Aufwendungen, auch aus der Vergangenheit. Bei uns planen die Filialen selbst für vier Monate im Voraus Umsätze, Deckungsbeiträge, ihre Aufwendungen und damit auch das wirtschaftliche Ergebnis. Zahlen für die Geschäftsleitung kumulieren wir aus den Einzelplanungen. Neue Mitarbeiter finden die Transparenz bei uns außergewöhnlich.
"Wir haben keine Zeit mehr für die Kunden, die Regale sind leer oder nicht aufgeräumt, Etiketten fehlen. Ich schäme mich und hab ein schlechtes Gewissen [.... ] Setzt nicht immer mehr auf Zahlen. Wir sägen uns den Ast ab, auf dem wir sitzen." Dem würden wir nachgehen, wäre es nicht anonym. Seit Jahren versuchen wir, Mitarbeiter von den Aufgaben zu entlasten, die nichts mit dem Kunden zu tun haben. Ich hoffe, dass das nur ein temporärer Zustand war.
"Führungskräfte werden meiner Ansicht nicht ausreichend entlohnt, Gehaltsverhandlungen sind sinnlos, selbst bei sehr guter Leistung." In der Einkommensordnung ist hinterlegt, dass das Einkommen mindestens einmal jährlich überprüft wird –angestoßen von der Führungskraft. Wir zahlen branchenüblich und mehr durch Entgeltbestandteile wie betriebliche Altersvorsorge, Urlaubs- und Weihnachtsgeld. Auch im Verteilzentrum gilt seit Jahr und Tag der Einzelhandelstarif.

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