Bitburger „Belastungen reduzieren“

von Redaktion LZ
Freitag, 24. Juni 2011
„Strategisch aufstellen“: Personalchef Theo Scholtes rüstet sein Unternehmen für die Zukunft.
Bitburger
„Strategisch aufstellen“: Personalchef Theo Scholtes rüstet sein Unternehmen für die Zukunft.
LZnet. Eine älter werdende Belegschaft stellt Bitburger vor große Herausforderungen. Mit welchen Maßnahmen sich die Braugruppe demografiefest macht, schildert Personalleiter Theo Scholtes.
Lebensmittel Zeitung: Herr Scholtes, der demografische Wandel beschäftigt alle Personaler. Was kommt auf Bitburger zu?

Theo Scholtes: Der Fachkräftemangel wird zwar oft als das größte Problem angesehen, viel einschneidender bei uns ist aber die Verschiebung der Altersstruktur in den Unternehmen. Natürlich ist es auch für Bitburger wichtig, weiterhin qualifizierte Mitarbeiter zu bekommen, aber da helfen uns einige Rahmenbedingungen.

LZ: Als da wären?

Scholtes: Wir sind einer der größten Arbeitgeber in der Region und bekannt für gute Sozialleistungen und ein motivierendes Arbeitsumfeld. Und wir haben eine starke Marke – das alles sind Parameter, die Bitburger für Bewerber nach wie vor attraktiv machen.

LZ: Doch Ihre Mitarbeiter werden immer älter.

Scholtes: Das ist die eigentliche Herausforderung. Durch die Markt- und Absatzentwicklung in den letzten Jahren konnten wir weniger junge Leute einstellen als in der Vergangenheit. Zudem werden die Menschen zukünftig länger arbeiten. Das bedingt eine Verschiebung der Altersstruktur. Unsere Belegschaft wird älter.

LZ: Wie hoch ist das Durchschnittsalter heute?

Scholtes: Es liegt bei 45,8 Jahren. 44,6 Jahre sind es im kaufmännisch-vertrieblichen und 47,5 Jahre im gewerblich-technischen Bereich. Es gibt an unseren Standorten Bad Köstritz oder Wernesgrün sogar Abteilungen, deren Durchschnitt über 50 oder sogar über 55 Jahre liegt.

Zur Person

Zur Person

Theo Scholtes (55) ist ein Quereinsteiger in die Personalerriege. Nach seiner Bundeswehrzeit studierte der gebürtige Bitburger Politik, Deutsch und Sport, wurde Realschullehrer und bereits mit 33 Jahren Schulleiter. 1993 kam er als Referent für Personalentwicklung bei Bitburger. Seit 2008 ist der langjährige ehrenamtliche Bürgermeister und Marathonläufer Personalleiter der Braugruppe.



LZ: Sind die Folgen der Alterung im gewerblichen Bereich gravierender?

Scholtes: Das hängt sehr stark vom individuellen Arbeitsplatz ab. Ein Außendienstmitarbeiter im Vertrieb, der 45 Jahre lang mit dem Auto unterwegs ist, hat einen sehr anstrengenden Job. Auch jahrelange Bildschirmarbeit kann erhebliche Belastungen mit sich bringen, die sich im Alter verstärkt bemerkbar machen.

LZ: Sind ältere Kollegen bei Bitburger häufiger krank?

Scholtes: Der Krankenstand bei den Über-50-Jährigen ist höher als bei Mitarbeitern unter 50. Das ist aber normal und hängt weniger damit zusammen, dass die Menschen häufiger erkranken, sondern dass sie länger krank sind und die Genesung länger dauert.

LZ: Was hat Sie dazu bewogen, sich dem Pilotprojekt "Lebensphasenorientierte Personalpolitik" anzuschließen?

Scholtes: Nach unserem Zusammenschluss zur Bitburger Braugruppe haben wir 2008 unser eigenes Projekt "Herausforderung Zukunft" gestartet. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt die Personalleitung übernommen und wollte einen Überblick über die nächsten zehn Jahre gewinnen. Denn es ist klar, dass wir uns für die Zukunft in der Personalarbeit stärker strategisch aufstellen müssen. Zudem wollte ich all das, was wir an Initiativen schon hatten, unter einem Namen bündeln und weiterführen. Das Pilotprojekt passte genau dazu. Gereizt hat uns vor allem die Möglichkeit, uns mit anderen Unternehmen über Ideen und Best-Practice-Modelle auszutauschen.

LZ: Und hat es sich gelohnt?

Scholtes: Es war für uns auf jeden Fall ein Gewinn. Wir haben viele Anregungen bekommen, und viele eigene weitergeben können. Das Bewusstsein der Belegschaft für demografische Themen hat sich geschärft.

LZ: Lassen Sie uns über konkrete Vorhaben sprechen. Was verbirgt sich beispielsweise hinter der "Bitburger Übergangsrente"?

Scholtes: Wir wollen Mitarbeitern über 55, die es aufgrund dauerhafter Belastung am Arbeitsplatz voraussichtlich nicht bis zum Renteneintritt schaffen, ein Angebot machen. Dazu haben wir gemeinsam mit unserem Betriebsrat ein Modell entwickelt, das dem Mitarbeiter erlaubt, früher zu gehen, weil er vom Austritt bis zum Start der gesetzlichen Rente versorgt ist.

LZ: Für wen kommt es in Frage?

Scholtes: Voraussetzung ist ein ärztliches Gutachten und ein Belastungsnachweis. Wer etwa lange Jahre bei Wind und Wetter oder im Drei-Schicht-Betrieb gearbeitet hat, unterlag diesen hohen Belastungen. Finanziert wird das Modell durch das Unternehmen und durch Entgeltverzicht des Betroffenen. Mehrere Mitarbeiter haben bereits einen entsprechenden Vertrag unterschrieben, und wir sind mit weiteren im Gespräch.

LZ: Welche Aktivitäten gibt es in puncto Gesundheitsmanagement?

Scholtes: Wir führen regelmäßig Gesundheitstage durch und haben einen eigenen Gesundheits- und Sozialbetreuer im Unternehmen, der sich gezielt um diese Themen kümmert. In Zusammenarbeit mit Krankenkassen initiieren wir Vorsorge- und Aufklärungsinitiativen. Wir bieten kalorienärmere Gerichte in der Kantine an. Und wir haben vor drei Jahren etwas gestartet, das zuerst belächelt wurde, aber heute der Renner ist: "Bit-Fit im Büro." Einmal in der Woche kommen Physiotherapeuten zu uns, die Tipps für rückenschonendes Arbeiten geben und Kurzmassagen anbieten – für den Mitarbeiter kostenfrei. Ich bin sicher, dass sich so etwas langfristig rechnet. Außerdem motiviert es die Belegschaft.

LZ: Bitburger produziert im Schichtbetrieb. Wie lassen sich diese Belastungen entschärfen?

Scholtes: Neuere arbeitsmedizinische Erkenntnisse besagen, dass man in einer bestimmten Art und Weise und am besten im schnellen Wechsel zwischen Früh-, Spät- und Nachtschicht rollieren sollte. Das ist allerdings organisatorisch äußerst kompliziert umzusetzen und spiegelt sich deshalb noch nicht in unseren Modellen wider. In einem Pilotprojekt probieren wir nun ein halbes Jahr lang ein neues Konzept mit eben diesen schnellen Wechseln aus. Daran sind mehrere Kollegen in der Logistik beteiligt. Je nachdem, wie das Ergebnis ausfällt, werden wir dann über eine Umsetzung im größeren Rahmen nachdenken. Zudem haben wir einen Leitfaden "Besser leben mit Schichtarbeit" erstellt.

LZ: Woher stammen die zugrundeliegenden Erkenntnisse?

Scholtes: 2010 haben zwei freiwillige Gruppen von Mitarbeitern im Schichtdienst ihr Arbeits-, Schlaf-, Ess- und Trinkverhalten über einen längeren Zeitraum protokolliert. Das wurde wissenschaftlich begleitet und ausgewertet.

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