Nestlé "Wir suchen den echten Dialog"

von Redaktion LZ
Freitag, 23. März 2012
Plädiert für eine Vertrauenskultur: Nestlé-Personalchef Peter Hadasch.
Nestlé
Plädiert für eine Vertrauenskultur: Nestlé-Personalchef Peter Hadasch.
LZnet. Seit November 2011 ist Peter Hadasch Personalvorstand bei Nestlé Deutschland. Im Interview mit der LZ erklärt der Jurist, wie Nachhaltigkeit das Arbeitgeberimage prägt und was ein Foodkonzern mit der katholischen Kirche und der Bundeswehr gemeinsam hat.
Lebensmittel Zeitung: Herr Hadasch, welche Akzente wollen Sie in der Personalarbeit setzen?

Peter Hadasch: Wir haben in den vergangenen Jahren die Technik der Personalarbeit sehr intensiv verbessert. Personaldatenerfassung, Bewertungssystem, Karriereplanung sind nur einige Stichworte. Ich möchte diese Technik stärker mit Inhalten unterfüttern. Die Frage ist: Wozu nutzen wir die ganzen Daten? Was soll am Ende dabei herauskommen? Wir erwarten von unseren Mitarbeitern, dass sie eine gute Performance bringen, motiviert sind und sich werteorientiert einbringen. Wir stellen schließlich Lebensmittel her, die außer der technischen Funktion der Ernährung auch eine emotionale Wertigkeit haben.

LZ: Wie wollen Sie diese Komponente stärken?

Hadasch: Indem wir den Mitarbeitern ihre Verantwortung verdeutlichen und die Sinnlichkeit der Produkte vermitteln, etwa in Kochkursen. So beteiligen wir sie an dem sozialen Leben, für das wir Produkte herstellen.

LZ: Zu den Ansprüchen der jungen Generation an Arbeitgeber gehört auch eine nachhaltige Unternehmensphilosophie. Was bedeutet das für Nestlé?

Hadasch: Diese Haltung ist heute auf jeden Fall vorhanden. Und sie ist für uns wichtig. Wir wenden uns an Studenten und Bewerber, die über diese Themen nachdenken. Wir wollen keine Mitarbeiter, denen das gleichgültig ist. Wir sind zwar weder eine Kirche noch eine Umweltstiftung, sondern ein Wirtschaftsunternehmen, das am Ende auch Geld verdienen will. Aber als Unternehmen tragen wir vom Anbau der Rohstoffe bis zur Beseitigung der Verpackung Verantwortung.

LZ: Ist das bei den Nachwuchskräften angekommen?

Hadasch: Für Hochschulabsolventen ist es sehr wichtig, in einem Unternehmen zu arbeiten, bei dem sie ihr Selbstbild auch zum Teil von dem Image des Arbeitgebers ableiten können. Insgesamt stelle ich immer wieder fest, dass Einsteiger positiv überrascht sind von dem, was sie bei uns tun können. Viele haben sehr konservative Vorstellungen über Unternehmen und gehen nicht davon aus, dass ein Konzern mit fast 330000 Mitarbeitern jedem einzelnen die Möglichkeit gibt, sich über Nachhaltigkeit Gedanken zu machen.

LZ: Auf Ihrer Karriere-Website heben Sie die Zusammenarbeit mit der "Fair Labor Association" hervor. Wie ist das Feedback?

Hadasch: Nestlé ist das erste Lebensmittelunternehmen, das diese Partnerschaft eingegangen ist. Dabei geht es um internationale Nachhaltigkeits-Standards, die wir eingehen, und die überprüft werden können. Für Studienabgänger rangiert soziale Fairness bei den Prioritäten noch vor Umweltmaßnahmen. Sie wollen bei einer Firma arbeiten, die auf diesem Gebiet eine saubere Weste hat. Sie informieren sich intensiv dazu, über die Website, aber auch in Social Networks, Blogs und Communities.

LZ: Das lässt sich schwer kontrollieren, wie der 2011 erschienene Greenpeace-Kitkat-Spot auf Youtube zeigt. Was lernen Sie daraus?

Hadasch: Das waren bittere Learnings. Wir haben uns der Situation damals nicht richtig gestellt, sondern versucht, das Problem auf traditionelle Weise mit unseren Juristen zu lösen. Mit dem größten Foodhersteller der Welt aber wird sich die Öffentlichkeit immer befassen, und das nicht nur freundlich. Das können und wollen wir nicht verhindern, denn wir wollen eine offene und transparente Welt. Und es wird immer Dinge geben, die sich optimieren lassen.


LZ: In Sachen Social Media ist Nestlé recht zurückhaltend. Wollen Sie nachlegen?

Hadasch: Wenn wir etwas in diese Richtung unternehmen wollen, dann mit Inhalt gefüllt und sinnvoll. Es wird derzeit viel Klamauk getrieben, viel kommuniziert, aber wenig mitgeteilt. Wir dagegen wollen mit Bewerbern, Mitarbeitern und Kunden in einen echten Dialog treten. Das ist sehr viel schwieriger, als ein technologisches Feuerwerk abzubrennen. Es ist mit viel Aufwand verbunden, wenn man mehr bieten will als Schülerzeitungsniveau. Man muss die richtige Sprache und den richtigen Tonfall finden.

LZ: Sie suchen Menschen, die nachdenken. Welche weiteren Eigenschaften brauchen Bewerber?

Hadasch: Wir rekrutieren heute die Führungskräfte der nächsten Generation. Das müssen Menschen sein, die in ihren Köpfen zukunftsfähig sind. Und wer sich heute nicht über die Umwelt oder soziale Belange Gedanken macht, der wird das auch in den nächsten dreißig Jahren nicht tun. Was wir überdies benötigen, sind Mitarbeiter, die kulturelle Weltoffenheit an den Tag legen. Schließlich sind wir in 180 Ländern tätig.

LZ: Waren Sie selbst für Nestlé im Ausland unterwegs?

Hadasch: Ich selbst habe mein Berufsleben in Deutschland verbracht, aber die gesamte Nestlé-Welt läuft seit 25 Jahren über meinen Schreibtisch. Ich habe ununterbrochen mit Mitarbeitern aus allen Ländern und Kulturen zu tun. Die Probleme finden nicht irgendwo weit weg, sondern in unserem Unternehmen statt. Denn es sind unsere Mitarbeiter, die in Guatemala oder China beschäftigt sind.

LZ: Wie steht es mit Soft Skills?

Hadasch: Bewerber sollten in das Netz einer Vertrauenskultur passen, die wir hier pflegen. Für uns ist es wichtig, Kollegen zu haben, die mehr auf einander setzen, als auf die Fähigkeit einer Organisation. Große Unternehmen wie unseres sind immer latent überorganisiert. Als Gegenpol braucht man Mitarbeiter, die Vertrauen entgegenbringen und genießen. Denn das macht diese großen Strukturen für alle Beteiligten persönlicher. Wer bei uns etwas erreichen möchte, sollte nicht als erstes aufs Organigramm schauen, sondern über ein Netzwerk von Menschen verfügen, die er auch mal anrufen kann.

LZ: Damit sprechen Sie ein Problem an, dass alle Großunternehmen kennen dürften.

Hadasch: Und nicht nur die. Der Bundeswehr oder der katholischen Kirche geht es sicher ähnlich. Egal, was man "herstellt", ob Sicherheit, Glauben oder Lebensmittel: Man zieht auf einmal komplexe Strukturen hinterher, in denen sich der Einzelne nicht mehr wirklich zurechtfindet.

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