Gesundheitsmanagement Ferrero hält seine Beschäftigten fit

von Redaktion LZ
Donnerstag, 13. November 2014
Genauer planen: Ferrero hat für das Werk Stadtallendorf ein Belastungskataster erstellt.
Andreas Trepte
Genauer planen: Ferrero hat für das Werk Stadtallendorf ein Belastungskataster erstellt.
LZnet/Christiane Düthmann. Ferrero investiert in die Gesundheit seiner Mitarbeiter am Standort Stadtallendorf. Ein "Belastungskataster" für alle Maschinen erleichtert die Personalplanung. An einer Produktionslinie läuft ein Pilotprojekt zum Thema Ergonomie. Die Ergebnisse präsentierten Betriebsrat und Produktionsleitung auf einem Workshop interessierten Branchenkollegen.
Beim Thema Gesundheitsförderung lässt sich Ferrero in die Karten gucken. Der Süßwarenkonzern ist mit seinem Werk in Stadtallendorf Projektpartner der Brancheninitiave TiL (Transfer innovativer Lösung), mit der sich Hersteller für den demografischen Wandel rüsten (s. Kasten).

"Mit 4.740 Mitarbeitern im Werk wurde dieses Jahr" ein neuer Höchststand erreicht", sagt der Betriebsratsvorsitzende Friedhelm Lierse. Produktionsspitzen fangen 1.500 Saisonkräfte ab. Sie sind nicht als Leiharbeiter angestellt, sondern Ferrero-Mitarbeiter, die nach Tarif bezahlt werden, erläutert Sven Klingelhöfer, Leiter der Produktionswerke.

Der Altersdurchschnitt in der Belegschaft liegt bei 52 bis 53 Jahren. Fluktuation gebe es kaum. Zum Teil arbeiten Familienangehörige aus zwei oder drei Generationen im Werk, dem größten Produktionsstandort außerhalb Italiens. Betriebszugehörigkeiten von mehr als 35 Jahren sind keine Seltenheit.

Um herauszubekommen, wo die Beschäftigten in puncto Gesundheit am Arbeitsplatz der Schuh drückt, hat Ferrero die Mitarbeiter befragt. "Können Sie sich vorstellen, unter den derzeitigen körperlichen und psychischen Belastungen bis zur Rente zu arbeiten?" Die Ja- und Nein-Stimmen auf diese zentrale Frage verteilten sich fifty-fifty. Es gibt also Handlungsbedarf.

Belastungskataster vereinfacht Personalplanung

In Zusammenarbeit mit der Berufsgenossenschaft erstellte das Unternehmen im Rahmen der obligatorischen Gefährdungsanalyse ein "Belastungskataster" für alle Maschinen im Werk. Es zeigt beispielsweise das Gewicht, dass an diesem Arbeitsplatz gehoben werden muss.

Auf der anderen Seite werden alle gesundheitlichen Einschränkungen seitens der Mitarbeiter nun in standardisierter Form über den Werksarzt erfasst. Ferrero beschäftigt rund 250 Schwerbehinderte am Standort. Hinzu kommen 160 "leistungsgewandelte" Beschäftigte.

Das Belastungskataster vereinfacht die Personaleinsatzplanung. "Wenn man heute im SAP-System einen Mitarbeiter aufruft, sieht man auf Knopfdruck, in welchen Bereichen dieser einsetzbar ist", sagt Klingelhöfer.

Erfahrungsaustausch "Für eine zukunftsorientierte Personalpolitik in der Nahrungs- und Genussmittelindustrie" lautet der programmatische Titel des TiL-Projekts, das noch bis Januar 2016 läuft. TiL steht für "Transfer innovativer Lösungen". Im Mittelpunkt stehen Erhalt und Förderung der Arbeits- und Beschäftigungsfähigkeit. Die beteiligten Unternehmen lassen sich dabei in die Karten schauen und profitieren auf diese Weise voneinander. Im Rahmen der Initiative "Neue Qualität der Arbeit" wird der Erfahrungsaustausch branchenübergreifend organisiert. Als Pilotunternehmen beteiligen sich neben Ferrero unter anderem folgende Hersteller am TiL-Projekt: Unilever, Heppenheim; British American Tobacco, Hamburg; Bitburger Braugruppe, Bitburg; Danone, Ochsenfurt; Griesson – de Beukelaer, Polch; Intersnack, Köln; Hochwald, Thalfang.

Ein weiteres zentrales Thema in der Gesundheitsförderung ist Ergonomie. An ein und derselben Maschine arbeiten Menschen von 1,50 bis 2 Meter Größe. "Dafür müssen wir intelligente Lösungen finden", so der Produktionsleiter. Eine Arbeitsgruppe nahm sich der Problematik an. Als Pilotprojekt ließ sie die Arbeitsplätze an der "Rocher"-Produktionslinie durch Experten der AOK per Kamera analysieren.

"Die Hauptbelastungen der Kollegen liegen im Bereich Nacken, Schulter und Rumpf", nennt Betriebsrat Lierse ein Ergebnis. Am 19. November wird Ferrero die Produktionslinie für zwei Stunden komplett stoppen. Dann bekommen die Mitarbeiter das Video zu sehen. Physiotherapeuten werden sie vor Ort beraten und ihnen passende Übungen zeigen.

Verhaltens- und Verhältnisprävention

"Es geht uns um Verhaltens- und Verhältnisprävention", sagt Lierse. Man wolle die Mitarbeiter für Gesundheitsthemen sensibilisieren, aber auch die Anlagen in Sachen Ergonomie weiter optimieren. Das Ergonomie-Projekt soll auch auf andere Linien transferiert werden.

Auch das Thema Schichtarbeit steht auf der Tagesordnung. Derzeit werden hauptsächlich Standardmodelle genutzt: drei Schichten an fünf, oder auch an sieben Tagen in der Woche. "Das wollen wir um Varianten erweitern", gibt Klingelhöfer die Marschrichtung vor. Dabei will das Unternehmen Produktionserfordernisse und arbeitsmedizinische Erkenntnisse unter einen Hut bekommen, aber auch die Wünsche der Beschäftigten berücksichtigen.

Doch die vertragen sich nicht immer mit dem, was gesund ist. So favorisieren etliche Beschäftigte auch über lange Zeiträume gerade die nicht besonders gesundheitsförderliche Dauernachtschicht, denn sie bringt durch steuerfreie Zulagen viel Geld ein. Auch die von Eltern gewollte Vereinbarkeit von Familie und Beruf führt nicht immer zu Lösungen, die Arbeitsmediziner empfehlen: Wenn Vater und Mutter im Werk arbeiten, dann gerne "gegenschichtig".

Es ist noch Überzeugungsarbeit zu leisten. "Wir wollen attraktive Anreize schaffen, damit die Beschäftigten mitmachen", sagt Lierse. Er sucht Freiwillige, die bereit sind, neue Modelle auszuprobieren. "Wir sind dabei, das Eis zu brechen", gibt er sich optimistisch. Zusätzlich kompliziert wird die Gemengelage durch den Werkslinienverkehr, der die Beschäftigten aus 50 Kilometern Umkreis zur Arbeit bringt. Damit der Busfahrplan funktioniert, darf es nicht zu viele Varianten bei Schichtbeginn und -ende geben.

 

 

 

 

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