Die gläserne Decke bekommt Risse

von Redaktion LZ
Freitag, 21. Dezember 2012
Ambitioniert: Stefan Leitz sucht Sales-Nachwuchskräfte mit großem Karrierepotential
Ambitioniert: Stefan Leitz sucht Sales-Nachwuchskräfte mit großem Karrierepotential
LZnet. Unilever will den Verkauf attraktiver machen – für Einsteiger, Aufsteiger und besonders für Frauen. Der Konzern dreht dazu seit 2009 an vielen Stellschrauben. Inzwischen sind mehr als ein Drittel der Sales-Führungskräfte in Deutschland weiblich.
Unilever geht es wie vielen FMCG-Produzenten: Marketingleute bewerben sich in Scharen. Gerade Frauen finden den Bereich ansprechend. Bei 80 bis 85 Prozent liegt hier ihr Anteil im Management des Hamburger Unternehmens. Der Vertrieb indes leidet unter althergebrachten Vorurteilen. Das Klischee des Klinkenputzers ist offensichtlich nicht totzukriegen.

"Da hat sowohl unsere Branche als auch die Lehre bislang keinen guten Job gemacht", kritisiert Stefan Leitz, Vice President Customer Development bei dem Hamburger Nahrungsgüterriesen. Dabei sei Sales ein "sehr strategisches, internationales und intelligentes Geschäft", bricht der Top-Manager eine Lanze für das unterschätzte Ressort.

Vertrieb leidet unter Vorurteilen

Eine Bestandsaufnahme vor drei Jahren brachte die personellen Engpässe ans Tageslicht: "Für die Größe unserer Organisation hatten wir zu wenig Mitarbeiter mit großem Karrierepotenzial. Und Frauen fehlten fast komplett", so Leitz, der den Anspruch hat, Unilever Deutschland als eine der größten Ländergesellschaften auch zum Talent-Exporteur für den Konzern zu machen.

Um Sales-Laufbahnen gerade für Frauen attraktiver zu machen, eine neue Qualität von Mitarbeitern zu erreichen und die Talent-Pipeline insgesamt zu füllen, dreht Unilever seither an diversen Stellschrauben.

Nach außen wurden die Recruiting-Aktivitäten verstärkt. Headhunter sollen stets auch Kandidatinnen vorschlagen. An Unis und auf Kongressen trommelt der Konzern für seine Kultur und seine Karrieren.

Auf die Führungskräfte kommt es an

Auch intern soll ein neuer Geist einziehen. "Das Ganze hängt stark von den Führungskräften ab", weiß Leitz. Nur wer überzeugt davon sei, dass gemischte Teams bessere Ergebnisse erzielen, werde sich auch mit Nachdruck dafür einsetzen. Von einer gesunden Balance der Geschlechter" spricht Dr. Marina Stadler-Bodi, die als HR-Business Partner den Verkauf betreut.

Besonders stolz ist sie darauf, "dass es gelungen ist, Marketing-, Supply-Chain- und Finance-Experten für eine Karriere im Vertrieb zu begeistern". Um sich als frauen- und familienfreundlicher Arbeitgeber zu positionieren, setzt Unilever auf flexible Arbeitsmöglichkeiten statt rigider Präsenzkultur, einen Familienservice für Notfälle oder Mentoring.

Zu Kolleginnen in Elternzeit halte der Konzern inzwischen intensiv Kontakt, statt sie – wie früher – von der High-Potential Liste zu streichen, nennt Stadler-Bodi einen weiteren Ansatzpunkt.

Ausbalanciert: Marina Stadler-Bodi plädiert für ein ausgewogenes Geschlechterverhältnis
Inzwischen ist der Frauenanteil im Sales-Management von 16 Prozent (2009) auf 35 Prozent gestiegen. Wobei Qualität immer oberste Priorität habe. "Aber damit sind wir nicht zufrieden", zeigt sich Stadler-Bodi ambitioniert. Bis 2015 soll dass Geschlechterverhältnis ausgeglichen sein. Auf Direktorenebene sei das bereits erreicht, freut sich Leitz, an den vier Männer und vier Frauen berichten.

Den externen Talent-Pool füllen

Weiteres Ziel ist ein externer Talent-Pool. Dazu läuft ein europaweites Pilotprojekt, bei dem zu interessanten Kandidaten außerhalb Unilevers gezielt Kontakt aufgebaut wird. Man lernt sich kennen und schätzen – zum Beispiel beim gemeinsamen Kochen. Ein erstes derartiges Treffen mit fünf externen Marketeers fand bereits statt; ein Event für den Verkauf soll im ersten Quartal 2013 folgen.

Ein anderes Projekt sucht nach Ursachen dafür, dass in machen Ländergesellschaften "überdurchschnittlich viele Verkaufsexpertinnen Unilever verlassen", um in anderen Companys anzuheuern. "Wir wollen verstehen, was diese Unternehmen besser machen als wir", sagt Leitz.

Doch nicht nur der Vertrieb soll weiblicher werden – auch die Ressorts Supply Chain und Engineering kommen dran. In diesen Männerdomänen sind die Herausforderungen sogar noch größer. Eines jedenfalls steht fest: Bei Unilever hat die gläserne Decke Risse bekommen.

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