Unilever stellt sich dem Alter

von Redaktion LZ
Freitag, 06. Juli 2012
Unilever will auch in der Produktion flexiblere Arbeitszeiten ermöglichen.
Unilever
Unilever will auch in der Produktion flexiblere Arbeitszeiten ermöglichen.
LZnet. Unilever stellt die Weichen für eine langfristig wettbewerbsfähige Personalstruktur. Bei einer gemeinsamen Veranstaltung mit der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) präsentieren Geschäftsleitung und Betriebsrat erste Ergebnisse.
Systematisch will sich Unilever in Deutschland, Österreich und der Schweiz auf die Veränderungen in der Belegschaft einstellen. Den Anfang hat eine Demografie-Analyse gemacht: "In manchen Bereichen des Unternehmens haben wir festgestellt, dass die Hälfte der Mitarbeiter heute 50 Jahre oder älter sind. In weniger als zehn Jahren werden es 95 Prozent sein", beschreibt Jochen Wenderoth eine Erkenntnis, die das Management aufhorchen ließ.

Der Director Human Resources weiß, dass der wirtschaftliche Erfolg künftig auch von der Beschäftigtensituation abhängt. Zum einen gelte es deshalb Arbeitsbedingungen zu bieten, die 67-Jährigen gerecht werden. Zum anderen werde es immer schwieriger, gute Nachwuchskräfte einzustellen.

Standortbezogene und individuelle Lösungen

Um die Attraktivität als Arbeitgeber weiter voranzubringen, seien intelligente Modelle gefragt, die sowohl Raum für standortbezogene als auch für individuelle Lösungen bieten. Dabei reiche es nicht aus, nur die Bedürfnisse der wachsenden Zahl älterer Beschäftigter in den Mittelpunkt zu stellen, ergänzt Hermann Soggeberg, Vorsitzender des Konzernbetriebsrats. Stattdessen müssten lebensphasenorientierte Lösungen her, um die Bindung aller Mitarbeiter ans Unternehmen zu erhalten.

Der Konzern setzt in administrativen Bereichen wie etwa der Hamburger Zentrale, wo es überwiegend Büroarbeitsplätze gibt, schon seit längerem auf flexible Arbeitszeitmodelle. In den Produktionsbetrieben sind individuelle Ansätze wie Teilzeit, Jobsharing oder Homeoffice aber bisher kaum ein Thema gewesen.

Das soll in Zukunft anders werden: Management und Betriebsrat haben im April eine Konzernbetriebsvereinbarung geschlossen, die die Umsetzung beschleunigen soll. Diese Richtlinie für alle Standorte umfasst sieben Bausteine: Analyse, Demografie-Kultur, Organisation, Rekrutierung, Qualifizierung, Gesundheitsmanagement und die Unilever-Zusatz-Rente, die in Ergänzung zur Betriebsrente einen flexiblen Übergang in den Ruhestand ermöglichen soll.

Flexibler Übergang in den Ruhestand

Der arbeitsorganisatorische Rahmen soll künftig die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ebenso berücksichtigen wie auch dem Leistungsvermögen älterer Mitarbeiter gerecht werden. Grundsätzlich gehe es um die Wertschätzung aller Altersstufen gleichermaßen. Eine generationenübergreifende Entwicklungskultur müsse auch das lebenslange Lernen älterer Mitarbeiter beinhalten, heißt es. Durch den Fachkräftemangel gewinne die Qualifizierung an Bedeutung.

Darüber hinaus soll das bestehende Gesundheitsmanagement weiter ausgebaut werden. "Es geht nicht darum, dass Ältere von den Nachtschichten ausgenommen werden", erklärt der Personaler Wenderoth, "sondern darum, die Nachtschichtfähigkeit lange zu erhalten." Ansonsten müssten schließlich die Jüngeren den entstehenden Mangel ausgleichen.

Soggeberg betont, dass es im wachsenden Wettbewerb um die besten Köpfe nicht mehr angesagt sei, regelmäßig eine Kostendebatte zu führen, wenn es um die Mitarbeiter geht. Vielmehr seien langfristige Personalentwicklung und Planung mit entsprechenden Investitionen in die Mitarbeiter gefragt. Flexible Konzepte mit mehr Selbstbestimmungsmöglichkeiten des Einzelnen seien begrüßenswert. Die Details dazu sollen nun an den Standorten entwickelt werden.

Notwendiger Paradigmenwechsel

"Das Beispiel Unilever sollte in der gesamten Ernährungsindustrie Schule machen", lobt der NGG-Vorsitzende Franz-Josef Möllenberg die Initiative. Grundsätzlich müsse ein Paradigmenwechsel in der Branche stattfinden: "Früher ist man davon ausgegangen, immer olympiareife Belegschaften mit jungen Mitarbeitern zu führen, die nie krank werden.

Diese Denkweise müssen die Unternehmen durchbrechen und der Realität anpassen", stellt der Gewerkschafter klar. Insbesondere in der Lebensmittelproduktion, wo die Beschäftigten mit Hitze, Kälte, Nässe und Nachtschichten konfrontiert sind, gelte es, die Gesunderhaltung zu fokussieren.

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