Lidls Vergütungsoffensive "Handel soll Tarifverantwortung übernehmen"

von Julia Wittenhagen
Freitag, 29. November 2019
Gute Bezahlung: Macht Lidl auch in der neuen Arbeitgeberkampagne zum Thema
Lidl
Gute Bezahlung: Macht Lidl auch in der neuen Arbeitgeberkampagne zum Thema
1000 Euro im ersten Lehrjahr, 12,50 Euro mindestens pro Stunde: Mit seiner Vergütungsoffensive erhöht Lidl nicht nur das Lohnniveau im eigenen Haus, sondern treibt andere Händler mit der Forderung nach Orientierung an den Tarifverträgen vor sich her. Die erste Reaktion kommt von Aldi Süd.

Schlechte Bezahlung gehört zu den Gründen dafür, dass dem Handel Mitarbeiter fehlen. 50 000 Stellen sind allein bei den 50 größten Händlern vakant, zeigte kürzlich eine EHI-Studie. Lidl hat daraus Konsequenzen gezogen. "Im März 2019 haben wir den freiwilligen Mindesteinstiegslohn auf 12,50 Euro pro Stunde angehoben, ab Januar 2020 erhöhen wir die Azubivergütung monatlich um 50 Euro pro Lehrjahr", erklärt Jens Urich, Geschäftsleiter Personal, bei Lidl. Er glaubt fest daran, durch faire Bezahlung die besseren Mitarbeiter zu bekommen. Gleichzeitig macht er sich öffentlich dafür stark, dass die ganze Branche ihre Leute besser bezahlt, um in Zeiten des Fachkräftemangels attraktiver und zukunftsfähiger zu werden: "Wir würden uns primär wünschen, dass die Unternehmen im Handel wieder vermehrt ihre Tarifverantwortung annehmen. Wenn das nicht geschieht, fordern wir eine Allgemeinverbindlichkeit der Tarifverträge", sagte er der LZ im Interview. Starker Tobak aus dem Munde eines Lidl-Managers. Bislang waren Discounter weder für beste Arbeitsbedingungen noch Gewerkschaftsnähe bekannt. "Arbeit muss sich lohnen", legt Urich noch einen drauf, "in diesem Fall sind wir uns mit Verdi einig."

Jens Urich: Der Geschäftsleiter Personal bei Lidl will den Handel attrakiver machen durch bessere Bezahlung der Mitarbeiter.
Lidl
Jens Urich: Der Geschäftsleiter Personal bei Lidl will den Handel attrakiver machen durch bessere Bezahlung der Mitarbeiter.

Direkt bedanken mag sich Orhan Akman, Verdi-Bundesfachgruppenleiter Einzelhandel, bei Urich dafür nicht. "Das wäre der Sache nicht angemessen, denn wir reden über etwas, was eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein sollte: Dass Menschen, die hart arbeiten, auch von ihrem Lohn leben können." Der Trend zum Tarifausstieg seit Ende der 1990er sei skandalös und habe dazu geführt, dass "der extrem harte Verdrängungs- bzw. Vernichtungswettbewerb von den Unternehmen auch über die Personalkosten gnadenlos auf dem Rücken der Beschäftigten ausgetragen wird".

Insofern nehme Verdi "sehr wohl positiv zur Kenntnis, dass sich eine Unternehmensgruppe derart öffentlich für eine Rückkehr zur Allgemeinverbindlichkeit einsetzt". Dafür hat Orhan nicht nur soziale, sondern auch ökonomische Argumente: "Damit hätten große und kleine Unternehmen die gleichen Ausgangsbedingungen." Zugleich könne der Trend gestoppt werden, "dass der Handel sich selbst das Wasser abgräbt, wenn es um die Gewinnung von händeringend gesuchtem Nachwuchs und qualifiziertem Personal geht". Außerdem schade Tarifflucht am Ende der gesamten Gesellschaft, weil die öffentliche Hand den Ausgleich für "Dumpinglöhne und Armutsrenten" leisten müsse.

Der HDE hat als Arbeitgeberverband naturgemäß einen anderen Blick auf Bezahlung und Tarifautonomie: Ja, die Tarifbindung im Einzelhandel sei rückläufig. Nur 36 Prozent der Beschäftigten arbeiteten in einem tarifgebundenen Unternehmen. De facto würden sich aber viele Händler an den Tarifen orientieren, so dass drei Viertel der Beschäftigten auf diesem Niveau bezahlt würden, argumentiert der Verband.

Kassierer gesucht: Je niedriger die absolute Lohnhöhe, umso leichter können Arbeitgeber mit besserer Bezahlung Leute abwerben.
Bert Bostelmann / bildfolio
Kassierer gesucht: Je niedriger die absolute Lohnhöhe, umso leichter können Arbeitgeber mit besserer Bezahlung Leute abwerben.

Die vertragliche Tarifbindung steige erst dann wieder, wenn beispielsweise durch Öffnungsklauseln praxisnahe und zeitgemäße Tarifverträge erarbeitet werden können, heißt es im Positionspapier des HDE vom 11.11.19. Eine staatlich angeordnete Allgemeinverbindlichkeit dagegen stelle einen massiven Eingriff in die Tarifautonomie der Sozialpartner dar. Zudem könnte sie die Rolle der Gewerkschaften schwächen, "weil die tariflichen Ansprüche dann auch für nicht gewerkschaftlich organisierte Arbeitnehmer gelten". Der Einzelhandel zahle gutes Geld für gute Arbeit, konstatiert der HDE mit Blick auf das Durchschnittsgehalt eines Vollzeitbeschäftigten von 2 982 Euro. Mit 17,54 Euro liege es deutlich über Mindestlohn von 9,19 Euro.

Kann man so pauschal argumentieren, wenn Fachkräftemangel in vielen Branchen herrscht? Schwierig, glaubt Tim Böger, Geschäftsführer der Vergütungsdatenbank Compensation Partner. Der Dienstleister führt sowohl für Unternehmen Gehaltsvergleiche durch als auch für Privatpersonen mit dem führenden Gehaltsportal Gehalt.de. "Die Einkommen im Einzelhandel gehören zu den geringsten im Branchenvergleich", sagt Böger. Schwierig, glaubt auch Jens Urich von Lidl, der vor der Abwanderung des Personals in andere Branchen warnt. Die Erhöhung des internen Mindest-Stundenlohns auf 12,50 Euro bezeichnet er daher als "logischen Schritt im Hinblick auf gestiegene Kosten für Wohnraum und sonstige Lebenskosten".

LZ-Grafik

Böger weist daraufhin, dass Beschäftigte in traditionell schwächer vergütenden Branchen wie Einzelhandel und Pflege viel stärker schon auf kleine Gehaltserhöhungen reagieren als die Kollegen in besser zahlenden Branche wie etwa Automobil, "da sie den Lebensstandard merklich verbessern können". Lidls Ansatz, in ganzseitigen Anzeigen mit hoher Vergütung um die besten Fach- und Führungskräfte zu werben, könne also Erfolg haben. "Das Nachsehen haben kleine und mittelständische Unternehmen, die bei solchen Gehältern nicht mithalten können." Dass ein großer Player ein höheres Lohnniveau im Handel anstoßen kann, glaubt er nicht. Eher, dass sich die Schere weiter öffnet zwischen Einzelkämpfern und Filialisten. Wie groß die Spanne jetzt schon ist, belegen Zahlen von Gehalt.de (siehe Tabelle): 25 Prozent der Fachkräfte in großen Handelsbetrieben verdienen mit mehr als 50 000 Euro fast doppelt so viel wie das Viertel der Schlechtbezahltesten bei kleinen Händlern.

Natürlich bleibt es Azubis und Arbeitnehmern überlassen, ob sie ihren Arbeitgeber nur nach der harten Währung Geld aussuchen oder auch Image und Arbeitsklima eine Rolle spielen. Aber selbst da legt Lidl nach: Der neue Arbeitgeberauftritt "Lidl muss man können" (siehe LZ 36) besetzt explizit Themen wie Teamgeist, Umwelt und Nachhaltigkeit.

Einfach aussitzen sollten andere Händler das wachsende Gehaltsgefälle besser nicht. Sondern zumindest noch deutlicher kommunizieren, was sie als Arbeitgeber in die Waagschale werfen können: "Wir haben ein paar mehr Leute zur Unterstützung auf der Fläche", kontert ein Vollsortimenter den Vorstoß der Schwarz-Gruppe. "Und hoffen, dass Bewerber nicht nur auf die Leistungen schauen, sondern auch die Anforderungen, die sie bei Lidl erwarten." Aldi Süd wird seinem größten Mitbewerber – auch um gute Mitarbeiter – das Feld jedenfalls nicht tatenlos überlassen: "Wir haben uns entschieden, das Gehalt unserer Auszubildenden mit Beginn des neuen Ausbildungsjahres im August 2020 anzuheben", heißt es dort am Freitag. Und zwar exakt auf die 1 000, 1 100 und 1 250 Euro, die Lidl vorgibt. Auch beim Mindest-Stundenlohn von 12,50 Euro könne Aldi Süd mithalten: "Damit schaffen wir wieder Chancengleichheit am Markt."

Sie haben Fragen oder Anmerkungen zu diesem Artikel?
Schicken Sie eine Email an die Redaktion.

Hier können Sie die Nutzungsrechte an diesem Artikel erwerben.

Meistgelesen

stats