Agiles Lernen Working out loud macht alle schlauer

von Julia Wittenhagen
Freitag, 25. Mai 2018
Expertenrunde: Podiumsdiskussion auf der Personal Süd mit Reiner Straub vom Fachmagazin Personalmanagement, Katharina Krentz von Bosch, Lukas Fütterer von Daimler und Sabine Kluge mit WOL-Erfahrung von Siemens (v.l.)
Julia Wittenhagen
Expertenrunde: Podiumsdiskussion auf der Personal Süd mit Reiner Straub vom Fachmagazin Personalmanagement, Katharina Krentz von Bosch, Lukas Fütterer von Daimler und Sabine Kluge mit WOL-Erfahrung von Siemens (v.l.)
Arbeiten, woran und mit wem man will – wenigstens für eine Stunde pro Woche: Nicht weniger verspricht "Working out loud". Artverwandt mit agilem Arbeiten und Wissensmanagement, aber kleiner dosiert und leichter umsetzbar. Einblicke von prominenten Anwendern.

Ein neues Schlagwort belebt die New- Work-Szene: Working out loud (WOL). Großkonzerne wie Bosch, Daimler und Siemens befinden die neue Arbeitsmethode für gut und treiben sie voran, kleinere Unternehmen folgen. Besonderer Charme von WOL ist das Hausgemachte: Vier bis fünf Mitarbeiter geschickt zusammenstellen, um interdisziplinär ein Projekt voranzutreiben in fester zeitlicher Struktur von zwölf mal einer Stunde pro Woche. Das kann man unkompliziert ohne Berater in dunklen Anzügen ausprobieren.

"Working out loud ist eine Haltung, eine Bewegung und ein Hype zugleich", erklärt Reiner Straub, der als Herausgeber des Fachmagazins Personalmanagement auf der Messe Personal Süd eine Podiumsdiskussion zum Thema leitete. Er übersetzt den Begriff mit "offen arbeiten". Seine Gäste gehören zu den allerersten Protagonisten der Bewegung in Deutschland.

Sie kennen den "WOL-Guru" John Stepper persönlich und haben seine zwölfwöchigen Circle in viele Praxisanwendungen gebracht. Es sind: Katharina Krentz, die im Zentralprojekt "Enabling Enterprise 2.0 @ Bosch" zuständig ist für das Thema "Corporate Community Management" bei Bosch, Lukas Fütterer, der als "Manager Employee Networking and Social Intranet" bei Daimler das Netzwerken schon im Titel führt und Sabine Kluge, die mit WOL-Erfahrung von Siemens heute als Beraterin unterwegs ist.

Am Anfang steht immer der Wunsch, an einem bestimmten Punkt weiterzukommen, erklärt Katharina Krentz. Dabei kann es um die Verbesserung von Fachwissen gehen etwa zur Blockchain, um Arbeitstechniken wie "Werkscontrolling in anderen Ländern" oder persönliche Skills wie "Veranstaltungen moderieren", erklärt sie. Das Intranet mache es dabei leicht, interessierte und spannende Leute für ein Projekt zu finden, an die man vielleicht selbst nie gedacht hätte.

WOL - Konzept für effizienten Wissensaustausch in digitalen Zeiten

•Begriff: Arbeitsmethode zur interdisziplinären Zusammenarbeit mit den fünf Kernelementen Sichtbarmachen der Arbeit, Vernetzen, Offenheit, Lernorientierung, Wachstum. "Promoter" ist John Stepper, ehemals Deutsche Bank.
Prinzip: Relevante, spannende Mitglieder und Experten für ein Netzwerk zu einem neuen Thema suchen (ist firmenintern, aber auch mit externen Teilnehmern möglich) und durch strukturierten Austausch mit diesen Teilnehmern ein Projekt voranbringen. Musterfall: 4-5 Personen, 12 Wochen, jeweils eine Stunde.
•Ziel: Menschen können ihre Themen durch Resonanz anderer effizienter voranbringen. Zudem fördert selbst bestimmtes Arbeiten Zufriedenheit und Spaß im Beruf.

Hilfsmittel: Buch von John Stepper, WOL-Netzwerke wie workingoutloud.de, herunterladbare Circle Guides. Bislang ist WOL eher durch Eigeninitiative geprägt als durch kommerzielle Beraterleistung.
•Anwender: Bosch, Daimler, Siemens und andere Großkonzerne.

"Als ich bei Bosch 2015 meinen ersten Aufruf startete, meldeten sich 50 Mitarbeiter." Mittlerweile haben 320 Circle à fünf Personen, also über 1200 Bosch-Leute WOL getestet. "Gestartet sind die Neugierigen. Jetzt geht es in die Breite", beobachtet Krentz. Bei Daimler wird WOL auf großen Führungskräftemeetings präsentiert. Sie sollen die selbst organisierte Form des Arbeitens "von oben" schützen, sagt Fütterer. "Fast der komplette Dax 30 nutzt schon WOL", weiß er.

Der Verdienst von Stepper sei es gewesen, "eine Methode zu entwickeln, wie man WOL lernen und umsetzen kann", sagt Katharina Krentz. Das Regelwerk dafür, sogenannte Circle Guides, sind im Netz frei verfügbar. Krentz kennt Stepper noch aus ihrer Zeit bei der Deutschen Bank, wo er IT-Manager war. Mittlerweile hat er sich mit Büchern und Vorträgen zu WOL selbständig gemacht.

"Mitarbeiter sind in ihrem Freiheitsdrang heute nicht zu stoppen", beobachtet Sabine Kluge. Bei vielen leide das Engagement an fehlender Mitgestaltung und Transparenz. WOL setze bei genau diesen Defiziten an: "Netzwerke schaffen Freiraum. Es geht um das mit und voneinander lernen in einem hierarchieübergreifendem Team mit einem ganz persönlichen Ziel."

Aus dem Publikum kommt die Frage, ob denn die Arbeitsteilung in Organisationen noch stimmt, wenn es Extra-Teams braucht, um in Fleißarbeit ein schwieriges oder neues Thema zu erarbeiten. "Wir wollen nicht Strukturen aufbrechen, aber der Ruf nach schneller Veränderungen kommt vom Markt", entgegnet Krentz. "Überall, wo Kundenkontakt besteht, sind der Umbau der Organisation, agiles Arbeiten, Innovationstechniken wie Design Thinking sehr gefragt."

Die Beraterin und Bloggerin Sabine Kluge sagt, man müsse beides tun: Mitarbeiter ermächtigen und Organisationen umbauen. Ob dabei WOL oder eine andere Innovationsmethode eingesetzt wird, sei ihr letztendlich egal. Auch Fütterer verwahrt sich, WOL zur nächsten Allzweckwaffe hochzustilisieren. "Besser ist es, Prozesse zu definieren, in denen diese Methode Sinn macht."

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