Arbeitgeberimage "Die Branche verliert bei der Digitalisierung den Anschluss“

von Silke Biester
Freitag, 04. Mai 2018
Holger Koch, Geschäftsführer Trendence Institut
Trendence
Holger Koch, Geschäftsführer Trendence Institut
Herr Koch, im Ansehen job-interessierter Wirtschaftsstudenten schneiden die Automobil- und die Beratungsbranche regelmäßig besser ab als Handel und FMCG-Industrie. Was machen die Unternehmen besser?
Absolventen haben eine ganze Reihe an Kriterien im Kopf, die bei der Entscheidung für oder gegen einen Arbeitgeber eine wichtige Rolle spielen. Die Automobilhersteller und die Beratungen schaffen es sehr gut, genau diese Kriterien glaubhaft zu besetzen. Die Autobauer stehen bei Absolventen für attraktive Produkte, eine sichere Anstellung und ein hohes Einstiegsgehalt, überzeugen also vor allem die Bodenständigen. Die Beratungen punkten mit Karriere- und Entwicklungsmöglichkeiten und Verantwortungsübernahme. Handel und FMCG-Industrie schaffen es nicht oder nur in geringem Maße, diese Kriterien zu besetzen, im Gegenteil: Absolventen hegen viele Vorbehalt. Die Unternehmen dieser Branchen gelten als langweiliger und schwächer als die Autobauer oder Beratungen.
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Welche Folgen wird es für die Konsumgüterbranche haben, wenn ausgerechnet Absolventen mit digitalem Mindset in andere Bereiche streben?
Die Konsumgüterbranche wird den Anschluss bei der Digitalisierung verlieren. Das hat Auswirkungen auf alle Bereiche im Unternehmen, angefangen bei der Produktentwicklung, Beschaffung und Produktion bis hin zum Vertrieb. Schlussendlich werden sie Schwierigkeiten bekommen, effizient zu wirtschaften. Die Unternehmen, die mit der Digitalisierung am besten Schritt halten oder ihr gar voraus sind, schaffen sich Wettbewerbsvorteile – alle anderen werden es schwer haben.

Was empfehlen Sie Unternehmen, die Probleme haben, Kandidaten mit digitalem Know-how anzulocken?
Unternehmen müssen eine Arbeitswelt schaffen, in der sich Digitals zu Hause fühlen. Und das heißt: Flexibilität schaffen, sowohl in puncto Arbeitszeiten, Homeoffice und agilem Arbeiten als auch bei der Bezahlung. Digitials sind flexibler, belastbarer und leistungsbereiter als ihre Kommilitonen. Das wollen sie auch honoriert wissen, nicht nur durch ein höheres Grundgehalt, sondern auch durch leistungsbezogene Boni. Sie schätzen eine Start-up-Atmosphäre. Gerade in Konzernstrukturen ist es nicht leicht, diese Atmosphäre herzustellen. Viele Unternehmen setzen deshalb Innovation Labs oder ähnliche kleinere Organisationen auf, die unabhängig vom Konzern agieren und damit den Digitals viel Freiheit, Gestaltungsspielraum und Verantwortung bieten.

Das Absolventenbarometer zeigt: Amazon ist der Händler, der mit Abstand die meisten Bewerbungen bekäme, insbesondere von Digitals. Womit kann der Online-Riese als Arbeitgeber punkten?
Amazon überzeugt die Absolventen mit seinem unternehmerischen Erfolg, seiner Innovationskraft und einem internationalen Umfeld. Aber auch ein hohes Maß an Eigenverantwortung, gute Führung und attraktive Dienstleistungen überzeugen. All das sind Kriterien, die gerade für Digitals bei der Wahl ihres Arbeitgebers noch mal schwerer wiegen als bei Non-Digitals.

Auch Discounter wie Aldi Süd und Lidl können den Nachwuchs besser für sich begeistern als andere. Warum?
Beide Unternehmen sprechen den Nachwuchs sehr aktiv an. Lidl ist sehr präsent an den Hochschulen und auf Karrieremessen, und schafft es in der persönlichen Kommunikation mit den Absolventen sehr gut, das zu kommunizieren, wofür sie stehen: Eigenverantwortung, schnelle Karriere und gute Gehälter für Berufseinsteiger. Bei Aldi Süd ist das sehr ähnlich. Die Absolventen haben sie bei den diesjährigen trendence Employer Branding Awards sogar für ihr hervorragendes Hochschulmarketing und das Personalmarketing im Social Web nominiert. Und auch ihr Projekt „Blackbox“ ist für den Innovationspreis nominiert. Mit der Blackbox ist Aldi Süd auf Karrieremessen unterwegs. In dieser völlig dunklen Box führt Aldi Süd Bewerbungsgespräche, bei denen die Bewerber nicht, welchem Unternehmen sie sich vorstellen, noch ihr Gegenüber sehen können. Dadurch, dass die meisten Sinne im Dunkeln ausgeschaltet sind, können sich die Bewerber im Gespräch auf das Wesentliche konzentrieren und überzeugen. Im Anschluss erfolgt natürlich eine Auflösung. Das hinterlässt Eindruck bei den Absolventen und begeistert.

Wie erklären Sie sich, dass dagegen fast alle FMCG-Hersteller an Attraktivität eingebüßt haben?
Die FMCG-Hersteller sind recht selektiv in der Ansprache der Bewerber und stellen aktuell nicht so viele Absolventen ein wie expansivere Branchen. Absolventen bewerben sich lieber bei Unternehmen, wo sie sich auch gute Chancen ausrechnen.

Sie hatten in der diesjährigen Studie einen Schwerpunkt zum Thema Führung. Was haben Sie festgestellt?
Zum einen stellen wir seit einigen Jahren fest, dass ein guter Führungsstil schon bei der Entscheidung für einen Arbeitgeber immer wichtiger wird. 97 Prozent der Absolventen, die im Handel oder bei Konsumgüterherstellern arbeiten wollen, achten bei der Jobwahl auf den Führungsstil. Ähnliche Ergebnisse liefert übrigens auch unsere Studie Young Professionals Barometer: Ein schlechter Führungsstil ist der Hauptgrund für Unzufriedenheit im Job und schließlich für Kündigungen. Zum anderen haben wir ermittelt, welche Eigenschaften und Qualifikationen ein guter Chef aus Sicht der Absolventen mitbringen muss. Chefs im Handel und in Konsumgüterindustrie müssen organisieren und motivieren können, aber auch empathisch sein, mit Konflikten umgehen können und kritikfähig sein. Es sind also vor allem die Softskills die zählen.

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