Paradigmenwechsel Begeisterung als Wettbewerbsvorteil

von Silke Biester
Freitag, 28. Mai 2021
Voraussetzung für Erfolg: Begeisterung entsteht zwischen Menschen.
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Voraussetzung für Erfolg: Begeisterung entsteht zwischen Menschen.
Paradigmenwechsel
Begeisterung als Wettbewerbsvorteil
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Die Wirtschaft steht am Wendepunkt, ist der Wirtschaftsphilosoph Christoph Quarch überzeugt. Um künftige technologische und ökologische Herausforderungen meistern zu können, braucht es den richtigen "Geist" im Unternehmen. Im Gespräch mit der LZ erklärt er, worauf es ankommt.

Man sieht ihn nicht und doch ist er immer da, er steht nicht im Geschäftsbericht und hat dennoch – positiv oder negativ – erheblich zum Ergebnis beigetragen: Der vorherrschende Geist sorgt für begeisterte oder entgeisterte Mitarbeiter. Sind Unternehmen sich nicht bewusst, welcher Geist durch ihre Flure weht, kann Christoph Quarch helfen, "diese Ressource sichtbar zu machen oder hinein zu bringen", beschreibt der Wirtschaftsphilosoph seine Expertise. Im Handel hat er mit dm-Drogerie und Tegut zusammengearbeitet. "Man sollte den Spirit so versprachlichen, dass jeder Mitarbeiter ihn versteht und sich möglichst damit identifizieren kann", sagt er. "Kein Business-Sprech, sondern authentisch, sodass es die Menschen emotional erreicht."

Schon als kleiner Bub hat Christoph Quarch erfahren, was es heißt, wenn Mitarbeiter sich voll mit ihrem Arbeitgeber identifizieren: Sein Vater war "Henkelaner". "Es gab diesen Henkel-Spirit, alle Mitarbeiter haben sich absolut zugehörig gefühlt. Das war Teil ihrer Identität", erinnert er sich. Allerdings sei dieser Geist mit dem Börsengang verloren gegangen. "Heute versucht man ihn – wie in vielen anderen Unternehmen – mit viel Aufwand wieder herzustellen."

Weit verbreitet seien Missverständnisse, wie das funktioniert. Zwar wird viel über Kulturwandel gesprochen und geschrieben. Doch vielfach konzentrieren sich Verantwortliche auf neue Methoden und Technologien, angetrieben von Zielorientierung und Effizienz. Beispiel New Work: Flache Hierarchien und agile Managementmethoden werden eingeführt. "Doch es läuft sich mit der Zeit lahm, weil man versäumt hat, die Methoden mit neuem Geist zu unterfüttern", erläutert er. "Man muss es richtig machen, sonst ist das Investment verloren."

„Neben das monetäre Wachstum gehörtdas menschliche Wachstum“
Christoph Quarch

Veränderung sei ausschließlich durch Menschen erreichbar. Deshalb sollten Manager das Unternehmen nicht als Maschine verstehen, sondern als einen Ort, an dem die Mitarbeiter ihr Potenzial entfalten. "Menschen lassen sich nicht optimieren", stellt Quarch klar. "Sie sind soziale, schöpferische und emotionale Wesen."

In seinem aktuellen Buch "Begeistern! Wie Unternehmen über sich hinaus wachsen" gibt er Anregungen, wie ein positiver Geist wachsen kann. Häufig wird dieser von einer zentralen Person ins Unternehmen getragen. In Familienbetrieben wird der Gründergeist oft lange gepflegt. Damit dies gelingt, empfiehlt er, "Erfahrungsräume" zu schaffen, in denen es anders zugeht als im rationalen Arbeitsalltag. Wer das Büro als Lebensraum versteht, der kulturelle Werte sichtbar macht und die Kommunikation darzu anregt, kann Begeisterung möglich machen. "Das kostet nicht viel, der Effekt ist enorm."

Auch Zeiten und Situationen ohne Zielvorgaben helfen, die Gemeinschaft zu stärken. "Das größte Begeisterungspotenzial hat das Spiel", erläutert Quarch. Dort herrscht eine andere Logik als in der funktionalen Business-Welt. Workshops können Keimzellen sein, um die Organisation als etwas begeisterndes zu erfahren. Auch Firmenfeiern, bei denen nicht nur die "geistlose Kultur exzessiven Alkoholkonsums" sondern verbindende Werte gepflegt werden, gehören dazu. "Man soll sich freuen, in den Unternehmens-Raum eintreten zu dürfen", beschreibt er und ergänzt, dass dies auch virtuell stattfinden kann, wie in der Corona-Krise. Wenn die Atmosphäre stimmt, können selbst Arbeiten begeistern, die eigentlich nicht so toll sind.

Zum Weiterlesen: Praktische Tipps und philosophische Einordnungen.
Quelle: Quarch
Zum Weiterlesen: Praktische Tipps und philosophische Einordnungen.

Begeisterung dürfe nicht als Motivationstechnik missverstanden werden. Gerne zitiert Quarch dm-Gründer Götz Werner: "Man kann Mitarbeiter nicht motivieren, sondern bestenfalls ein Umfeld schaffen, in dem Begeisterung entstehen kann." Künstlich herstellen lässt sie sich nicht. "Wer das versucht, erreicht Konditionierung oder Manipulation", beschreibt der Philosoph den feinen Unterschied. "Solche Tricks werden früher oder später durchschaut, die Mitarbeiter fühlen sich missbraucht. Die Folge ist Entgeisterung!"

Menschlichkeit wird im digitalen Wandel zur Voraussetzung für ökonomischen Erfolg, meint er. "Neben das monetäre Wachstum gehört das menschliche Wachstum." Vertrauen, Verbindlichkeit und Zugehörigkeit gelte es zu kultivieren. Allerdings sei der Ansatz für manche Manager befremdlich, weil diese noch in einem anderen "Mindset" zuhause sind. Transformationsprozesse hätten sich aber auch in der Vergangenheit am Menschen orientiert: Der Aufbruch der Renaissance wurde durch die Entdeckung eingeleitet, dass es ein Leben vor dem Tod gibt. Die alten Griechen haben innerhalb von 50 Jahren alles erfunden, was die europäische Kultur bis heute prägt.

Der Wirtschaftsbeobachter ist überzeugt: "Wir steuern auf einen Paradigmenwechsel zu." Denn die Grundlagen der heutigen Wirtschaft wurden bereits Mitte des 18. Jahrhunderts gelegt. "Die Matrix aktuellen Denkens stammt aus der englischen Aufklärung", ordnet Quarch ein: Das Menschenbild, das Verständnis von Politik, die Wirtschaftsregeln. "Das neoliberalistische Denken war sicher über eine Strecke hinweg segensreich. Doch wenn Organisationen mit der technologisch und ökologisch notwendigen Entwicklung schritthalten wollen, dann braucht es einen neuen Geist, um Veränderung zu ermöglichen."

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