Ausbildungsmarkt 2018 Hoffen auf Last-Minute-Azubis

von Julia Wittenhagen
Freitag, 03. August 2018
Anreize setzen : Bei Tegut werden angehende Handelsfachwirte mit einer Segeltörn belohnt. Fast alle haben vorher ihre Ausbildung bei Tegut gemacht.
Tegut
Anreize setzen : Bei Tegut werden angehende Handelsfachwirte mit einer Segeltörn belohnt. Fast alle haben vorher ihre Ausbildung bei Tegut gemacht.
Der Ausbildungsmarkt gilt auch 2018 als schwierig. Der Einzelhandel zieht viele Register bei der Nachwuchsgewinnung, um das steigende Lehrstellenangebot zu besetzen. Doch die heiß ersehnten Bewerbungen trudeln noch später ein als bisher.

Gute Nachrichten zum Ausbildungsmarkt 2018 hat die Bundesagentur für Arbeit derzeit nur für Bewerber: Wer jetzt noch eine Stelle sucht, hat bessere Chancen als im Vorjahr. Von Oktober 2017 bis Juli 2018 wurden vier Prozent mehr Ausbildungsstellen gemeldet als im Vorjahreszeitraum (531 400). Die Bewerberzahlen liegen dagegen mit 501 900 zwei Prozent unter denen des Vorjahres. Da der Handel mit seinen großen Ausbildungsberufen, Kaufleute im Einzelhandel und Verkäufer, für ein Zehntel des Lehrstellenangebots steht, treffen ihn diese Trends eins zu eins.

So meldet der HDE genau an dem Tag, an dem für viele Azubis das Ausbildungsjahr beginnt, dass noch knapp 16 000 Stellen für angehende Kaufleute im Einzelhandel (von 35 000 ursprünglich angebotenen) sowie rund 12 000 Lehrstellen für Verkäuferinnen und Verkäufer (von ursprünglich 22 000) offen sind. Das sind 4 000 mehr als im Vorjahr. Selbst im brandneuen Ausbildungsberuf Kaufmann/Kauffrau im E-Commerce zählt man am 1. August noch 400 Vakanzen.

Natürlich gibt es Ungenauigkeiten, weil besetzte Stellen nicht gleich aus dem System genommen werden. Dennoch ist ein neuer Rekord an unbesetzten Ausbildungsplätzen in Sicht. Passend zum Langzeittrend, denn in Deutschland hat sich diese Zahl von 2009 bis 2017 auf 48 900 verdreifacht. Ungefähr ein Zehntel entfiel auf den Handel mit 3 400 Ausbildungsstellen für Einzelhandelskaufleute und 2 400 für Verkäufer/ Verkäuferin.

Nun wissen erfahrene Ausbilder, dass es für Panikmache noch zu früh ist: "Wenn wir bisher gedacht haben, dass Bewerbungseingänge immer später werden, so wurden wir in diesem Jahr eines Besseren belehrt. Später geht immer noch", erklärt Benjamin Brähler, der als Leiter Berufsbildung bei Tegut dieses Jahr gern 330 junge Leute unter Vertrag nehmen möchte, 20 Prozent mehr als im Vorjahr. "Aus unserer Sicht wird man sich in Zukunft auf mehr Experimente einlassen müssen: auf spannendere Lebensläufe, noch kurzfristigere Einstellungen, sehr späte Bewerbungen und noch individuellere Anfragen." Viele Bewerber wüssten sehr genau, wie wertvoll ihre Arbeitskraft für den Handel ist und positionieren sich entsprechend selbstbewusst. "Wir denken, dass der klassische Ausbildungsstart zum 1. August oder 1. September mittelfristig nicht mehr zu halten ist. Es wird in Zukunft anderer Modelle der Einstellung bedürfen, um eine unterjährige Ausbildung zu jeder Zeit starten zu können. In dieser Richtung wird der Handel mit Sicherheit führend sein", ist Brähler überzeugt.

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Aldi Süd hat rund 2 100 Ausbildungsplätze in Verkauf, Büro, Logistik und IT zu vergeben und beschreibt die Besetzung als echte Herausforderung. "Die Ausbildungsplätze im Verkauf werden in der Regel erst kurz vor dem Ausbildungsstart besetzt, während die dualen Studienplätze meist frühzeitig vergeben werden", sagt Sprecherin Anamaria Preuss. Interessenten für ländlich gelegen Filialen zu finden, sei schwierig, da es die meisten jungen Menschen eher in die Städte zieht. "In den großen Ballungsgebieten wiederum herrscht meist ein Überangebot an Ausbildungsplätzen, was die Rekrutierung von passenden Nachwuchskräften nicht einfacher gestaltet." Sehr ernst nimmt Aldi Süd die Ratgeberrolle von Eltern und Lehrern und bindet sie gezielt über Schulkooperationen und Praxistage ein.

Bei Globus wird die Suche nach Auszubildenden in den traditionellen Handwerksberufen immer schwieriger, berichtet Karina Demminger, Bereichsleiterin Mitarbeiterentwicklung bei Globus. Im Vergleich dazu klappe die Besetzung der Ausbildungsstellen zum Einzelhandelskaufmann/-frau in den Märkten ganz gut, "insbesondere, da unsere Azubis selbst für das Berufsbild werben". Sie erstellen Kurzvideos für die sozialen Netzwerke und stellen ihren Betrieb interessierten Bewerbern auch selbst vor.

Media-Markt hat 2018 erstmals deutschlandweit in eine Ausbildungskampagne unter dem Motto "Ohne Dich" investiert. Mit Sätzen wie "Ohne Dich ist dies nur ein Handy, mit Dir..." appelliert sie an die Technikbegeisterung der Jugend, die es nun an den Kunden zu vermitteln gilt. Herzstück ist die Microsite www.mediamarkt.de/ohne-dich mit Verkäufer-Test, Bewerbungs-Tipps und offenen Stellen. "Durch die Kampagne konnten wir deutlich die Quantität und die Qualität der eingegangen Bewerbungen steigern", sagt eine Sprecherin.

Mit rund 17 150 Auszubildenden in fast 40 Berufsbildern gehört Edeka zu den größten Ausbildern Deutschlands. Für eine Aussage zur Besetzungsquote 2018 sei es noch zu früh, heißt es dort, aber getan habe man viel: Seit Anfang letzten Jahres läuft kanalübergreifend die Kampagne "Mach was aus Dir!". Gleichzeitig wurde begonnen, Edeka-Ausbildungsstellen auf Stellenportalen zu platzieren. "Seit der ersten Jahreshälfte 2018 testen wir mit einem weiteren Dienstleister die Bewerbung per Handy-Video."

Social Media nutzen: Schräges Edeka-Video ist beliebt.
LZ-Screenshot
Social Media nutzen: Schräges Edeka-Video ist beliebt.

Einen Supercoup in puncto Last-Minute-Aktivierung landete Edeka im Juni mit einem schrägen Video der Youtuber Slavik und Wadik oder "Ost Boys". Die Rapper-Persiflage sorgte innerhalb einer Woche für eine Million Views auf Facebook und 170 000 auf YouTube. "Mit der Kampagne möchte Edeka zeigen, dass das Unternehmen einen Platz in der Lebenswelt der jungen Zielgruppe hat", heißt es.

Empathie für die Sorgen und Nöte, Spaßfaktor, Incentives: Der Einstieg ins Arbeitsleben wird den Youngstern nach Kräften versüßt. Tegut lädt angehende Handelsfachwirte zur Segeltörn ein, Rewe International organisiert für seine Azubis Persönlichkeitsseminare.

Auch monetäre Anreize zeigen Wirkung. So erhöhte Kik nach dem Azubigehalt im letzten Jahr jetzt die Vergütung für das Abiturientenmodell und für duale Studenten um acht Prozent. Mit der Bewerberzahl sei man hochzufrieden: 2017 stieg die Zahl der Azubi- und Fachwirtstellen um 18 Prozent auf 944. Die Bewerberzahl hielt Schritt: Sie wuchs um 18 Prozent auf über 17 000, und zwar vor allem über Online-Kanäle. "Wir würden uns freuen, wenn wir zukünftig noch mehr Abiturienten für uns begeistern könnten", sagt Jörg Oudshoorn, der den Bereich Personalentwicklung leitet.

Mit wachsender Abiturientenquote steigt automatisch die Qualifikation der Bewerber für eine Ausbildung, erkennt der Berufsbildungsbericht 2018. Abiturienten und Studienabbrecher sind eine genauso begehrte wie anspruchsvolle Zielgruppe, die um bestimmte Ausbildungsprofile einen Bogen macht.

Der brandneue Lehrberuf Kaufmann/-frau im E-Commerce stößt genau bei diesen gut Qualifizierten auf großes Interesse, weiß Katharina Weinert, die die Abteilung Berufsbildung beim HDE leitet. Online-affine Händler schrieben das Profil 2018 erstmals aus und hängen es bislang recht hoch auf: So vergibt Media-Markt-Saturn nur in der Zentrale in Ingolstadt acht Plätze, dm zwei in der Zentrale in Karlsruhe. Für Katharina Weinert ist das vollkommen in Ordnung. "Die Relation zwischen Ausbildern, Fachpersonal für E-Commerce und Azubis muss stimmen. 1  000 Ausbildungsplätze im Jahr eins wären ein guter Start." Sie hat über 85 Informationsveranstaltungen in Deutschland abgehalten und weiß, dass manchen Unternehmen der Vorlauf fehlte, um 2018 schon an den Start zu gehen. Dazu gehören interne Abstimmungsprozesse, die Eignungsprüfung bei der IHK genauso wie die Information, welche Berufsschule die Ausbildung anbietet und wie man den Unterrichtsbesuch an entfernten Orten organisiert. Hat sich das eingependelt, ist Weinert sicher, "werden Angebot und Nachfrage kräftig wachsen".

Noch eine Option bei der Azubi-Gewinnung ist, dort zu suchen, wo noch nicht alle anderen fischen: Der Berufsbildungsbericht listet eine Fülle von Programmen auf, die sich an Migranten, Flüchtlinge, Lernschwache, Spätstarter oder junge Europäer richten. Ganz nebenbei stößt man dabei auf millionenschwere öffentliche Fördertöpfe.

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