Beauty Alliance-Geschäftsführer im Interview "Es wird einen Konzentrationsschub geben"

von Annette C. Müller
Donnerstag, 02. April 2020
Frank Haensel (li.) und Christian Lorenz, Geschäftsführer der größten deutschen Parfümerie-Kooperation Beauty Alliance, befürchten einen Konzentrationsschub wegen der Corona-Krise.
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Frank Haensel (li.) und Christian Lorenz, Geschäftsführer der größten deutschen Parfümerie-Kooperation Beauty Alliance, befürchten einen Konzentrationsschub wegen der Corona-Krise.
Beauty Alliance-Geschäftsführer im Interview
"Es wird einen Konzentrationsschub geben"
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Corona setzt auch den Parfümerie-Handel durch Ladenschließungen und ausbleibende Kunden unter Druck. Douglas hat als Erster Kurzarbeit angemeldet. Wie eng es für die inhabergeführten Parfümerien wird, berichten die Beauty Alliance-Geschäftsführer Christian Lorenz und Frank Haensel im LZ-Interview.

Die Corona-Krise hat den Parfümeriehandel kalt erwischt. Mit der Schließung ihrer Läden bangen viele selbstständige Parfümeriehändler um ihre wirtschaftliche Existenz. Die Beauty Alliance, die mit mehr als 1100 angeschlossenen Parfümeriegeschäften und 820 Mio. Euro Außenumsatz die größte deutsche Parfümerie-Kooperation ist, befürchtet "im schlimmsten Fall ein Massensterben für den gesamten Handel", wenn nicht schnell und unbürokratisch Liquidität in den Handel fließe. Die LZ sprach mit den beiden Beauty Alliance-Geschäftsführern Christian Lorenz und Frank Haensel.

Corona hat auch den Parfümerie-Handel infiziert. Douglas hat als Erster Kurzarbeit angemeldet. Wie eng wird es für die inhabergeführten Parfümerien?

Christian Lorenz: Auch der inhabergeführte Parfümeriehandel wurde von der Corona-Krise überrannt und musste quasi von einem Tag auf den anderen über 1100 Standorte schließen. Nahezu alle angeschlossenen 242 Mitglieder und auch die Beauty Alliance-Zentrale haben Kurzarbeit für die stationären Parfümerien und die Verwaltung beantragt.

Der stationäre Nonfoodhandel steht damit still. Wie lange arbeiten sie kurz?

Lorenz: Beauty Alliance empfiehlt ihren Mitgliedern, Kurzarbeit bis zu einem Jahr anzumelden. Denn es kann sein, dass die Wiedereröffnungen aufgrund einer neuen Pandemie nur von kurzer Dauer sein werden und in Wellenbewegungen verlaufen.

Halten Ihre Parfümeriehändler überhaupt so lange durch?

Frank Haensel: In der Parfümeriebranche brennt der Baum, sie muss bei null Umsätzen Mieten und Warenlieferungen zahlen. Wenn nicht schnell und unbürokratisch Liquidität in den gesamten Handel fließt, droht im schlimmsten Fall ein Massensterben.

Lorenz: Ohne Hilfe haben unsere Parfümerie-Händler je nach Größe eine Überlebenszeit von wenigen Wochen bis hin zu zweieinhalb Monaten, aber nicht ein halbes Jahr. Ein großer Teil der Parfümerien kann somit schnell insolvent werden, auch wenn dies durch die Entschärfung des Insolvenzrechtes nun erst ab dem 1. Oktober angemeldet werden muss.

Der Staat will mit Krediten und Soforthilfen helfen. Kommt dies denn rechtzeitig an?

Haensel: Der gesamte Mittelstand aller Branchen befindet sich in dieser Notsituation in einer unglaublichen Unsicherheit, ob und wann er Unterstützung bekommt oder nicht. Soforthilfen werden jetzt von unseren Parfümerien in Anspruch genommen, da sie schneller ankommen.
Doch die Kreditvergaben sind ein Problem. Die Politik hat in der Theorie mit den Kreditlinien für den Mittelstand über die KfW-Bank vieles gut gemacht, aber faktisch funktioniert das nicht wirklich. Denn der Mittelstand muss bei den Darlehen über seine Hausbank gehen, die mit großem bürokratischem Aufwand den Antrag weiterreicht an die KfW. Bis das entschieden ist, sind etliche Händler pleite. Wir gehen von einem Konzentrationsprozess aus.

Wird zu viel kostbare Zeit verschenkt?

Haensel: Exakt. Die Kreditvergabe ist ein wahnsinniger Flaschenhals, die Hausbanken sind aufgrund der Flut der Antragsstellungen massiv überlastet. Sinnvoller wäre es für Unternehmen, direkt an die KfW heranzutreten. Und irgendwann nach dem Ende der Krise kommt noch das Problem, dass Händler die staatlichen Hilfen zurückzahlen müssen.

Konzerne wie Adidas haben angekündigt, Mieten nicht mehr zu zahlen und dafür verbale Prügel der Politik und sozialen Netzwerke bekommen. Wie gehen Sie mit laufenden Mieten um?

Haensel: In der Not werden sich sicherlich etliche im gesamten Handel fragen, wie schone ich Liquidität. Und da kommen einige auf die skurilsten Überlegungen.

Lorenz: Unsere Alliance-Gesellschafter sind natürlich jetzt mit ihren Vermietern im Gespräch. Dabei kristallisiert sich heraus, dass die kleinen Vermieter Verständnis für die Lage des Händlers haben und stimmen einer Reduzierung oder auch vorübergehenden Aussetzung der Miete zu. Doch es gibt auch einige große Vermieter wie beispielsweise Einkaufscenter, die auf ihrer Miete bestehen und gleich Anwaltsschreiben schicken.

Wird die Situation verschärft, weil der Parfümeriefachhandel unterfinanziert ist?

Lorenz: Nein, unsere inhabergeführten Parfümerien sind gesund und haben Rücklagen, doch diese fressen sich jetzt in null Komma nichts auf.

Auch deshalb hat die Beauty Alliance einen Brief an die Industrie geschrieben?

Lorenz: Jeder Händler schreibt gerade Briefe an die Industrie aufgrund der offenen Forderungen für Warenlieferungen. Jetzt kommt es auf die guten Verbindungen zur Industrie an, die natürlich auch massiv Umsatz verliert. Doch die Rentabilität der Industrie ist eine ganz andere als die des Handels.

Haben Sie eine Verlängerung der Zahlungsziele auf 90 Tage eingefordert?

Lorenz: Nein, das muss der Brief der Konkurrenz sein. Wir haben die Industrie angeschrieben und sie um Hilfe gebeten und diese nicht verlangt. Das ist nicht unser Stil. Wir setzen auf Solidarität.

Die Industrie steht aber auch unter Druck und reagiert auf die Briefe der Händler allergisch….

Lorenz: Im Prinzip sitzen Industrie und Handel durch die Krise im gleichen Boot. Es sind reihenweise Bestellungen storniert worden, da wir derzeit nichts stationär verkaufen können. Erste Lieferanten unterstützen uns bei der Verlängerung der Zahlungsziele, so gut sie können. Wir bedanken uns für jede einzelne Hilfestellung, denn das ist nicht selbstverständlich.

Krisen haben auch Chancen. Gewinnt das Onlinegeschäft nun an Stärke?

Lorenz: Der Onlinebereich im Beautygeschäft springt noch nicht so stark an, wie viele hofften. Noch herrscht eine gewisse Kaufzurückhaltung, das ist bislang nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Wir arbeiten daran, mehr Beauty Alliance-Mitglieder für unseren Onlineshop parfümerie.de zu gewinnen. Sie können sich dort über eine Subdomäne und unter ihrem Namen aufschalten.

Haensel: Das haben bislang zu wenige unserer Parfümerien gemacht. Der stationäre Handel ist nach wie vor wichtig. Aber der Onlinekanal ist gerade in Krisenzeiten ein probates Mittel, Umsatz zu machen und Kunden zu halten.

Coronavirus (Symbolbild)
imago images / ZUMA Press

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