Berufsanfang Relaunch für Coops Ausbildung

von Julia Wittenhagen
Freitag, 14. August 2020
Erstes Lehrjahr bei Coop: Die Jugendlichen werden in Gruppen auf 91 ausgewählte Basis-Verkaufsstellen verteilt.
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Erstes Lehrjahr bei Coop: Die Jugendlichen werden in Gruppen auf 91 ausgewählte Basis-Verkaufsstellen verteilt.
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Relaunch für Coops Ausbildung
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Neben dem Erlernen bewährter Praxis sollen die Auszubildenden bei Coop künftig stärker eigene Lösungen suchen und ausprobieren dürfen. Die Schweizer Handelsgruppe hat ihre Ausbildung komplett umgestellt. Zunächst betrifft das nur die Supermärkte und damit 800 der 1 000 neuen Berufsanfänger. Die Leiterin der Berufsbildung national, Annika Keller-Markoff, berichtet.

Frau Keller-Markoff, Coop spricht davon, die Ausbildung zu revolutionieren. Womit?

Wir haben ein neues handlungsorientiertes Ausbildungskonzept entwickelt, das unsere Lernenden besser darauf vorbereitet, auf Veränderungen zu reagieren. Alle Inhalte sind digital aufbereitet. Damit soll es leichter werden, sich selbstständig Fachwissen anzueignen und auf relevante Informationen zuzugreifen. Bisher mussten unsere Lernenden Inhalte und Fettgehalte einer Milch auswendig lernen. Jetzt sollen sie wissen, wo sie die Informationen finden. In Zukunft werden Handlungskompetenzen wichtiger als Fachwissen: Produkte, Märkte, Kundenwünsche ändern sich schnell, viele Routineaufgaben entfallen.

Auch der Ablauf der Ausbildung ändert sich komplett.

Das erste Lehrjahr verbringen jeweils acht bis zwölf Lernende in 91 ausgesuchten großen Coop-Supermärkten gemeinsam. Das macht den Start für die Jugendlichen einfacher und sie lernen voneinander. Für die professionelle Betreuung haben wir eine neue Funktion kreiert namens Basis-Ausbildner. Diese coachen die Lernenden im ersten Jahr, arbeiten aber auch mit, damit die Lernenden nicht im Seminarraum, sondern im Kundenkontakt ihren Beruf erlernen. Das Schaffen dieser neuen Funktion war uns wichtig, da mit dem neuen Ausbildungskonzept auch eine neue Haltung einhergeht. Bisher galt: Ich bilde aus und kontrolliere. Davon wollen wir wegkommen. Der Berufsbildner soll Spielräume geben, die Jugendlichen anleiten, sie aber ihre eigenen Erfahrungen machen lassen, sie üben lassen. Die Lernenden sollen aus ihren eigenen Fehlern lernen und nicht nur Leistungsziele abhaken. Für das zweite und dritte Lehrjahr wechseln die Lernenden in eine benachbarte Ausbildungsfiliale, wo sie ihr Wissen vertiefen und gemäß ihren Stärken gefördert werden.

Annika Keller-Markoff - Leiterin Berufsbildung national
Lucian Hunziker
Annika Keller-Markoff - Leiterin Berufsbildung national

Wie war der Ablauf vorher?

Bisher war man die zwei oder drei Jahre in der gleichen Verkaufsstelle eingesetzt, unterbrochen von einem vier- bis sechsmonatigen Stage im zweiten Jahr. Diese Unterbrechung ist seit zehn Jahren ein Erfolgsmodell, weil man mit dem Wechsel seine Flexibilität und Anpassungsfähigkeit an ein anderes Team stärkt. Daher wollten wir dieses Element im neuen Konzept beibehalten.



Was genau möchte Coop mit dem neuen Ausbildungskonzept verbessern?

Bereits heute bestehen bei uns 97 bis 98 Prozent der Lernenden ihren Abschluss. Das ist super. In Zukunft werden flexible Mitarbeitende immer wichtiger und auch Coop-Spezifika wie beispielsweise die Funktion unserer Systeme müssen sitzen. Da fehlte es bislang manchmal an Übung, an Umsetzungskompetenz. Hier wollen wir mehr Freiheiten geben, beispielsweise indem den Lernenden die Warenbestellung für eine Verkaufsaktion übertragen wird. Wir testen dieses Modell jetzt im Lebensmittelbereich. Wenn es gut funktioniert, möchten wir es gern auch in andere Formate übernehmen.

Was sind die Vorteile für Lernende?

Mit dem neuen Ausbildungskonzept sind sie gerüstet für die Zukunft. Sie lernen einzustehen für ihre Fähigkeiten und Kompetenzen. Ein Mensch darf nicht stehenbleiben. Auch die Basis-Ausbildner bilden sich stetig fort. Wir haben sie geschult, und ihre Begeisterung ist enorm. Die neue Funktion ist reizvoll für sie, weil sie Zeit bekommen für die Arbeit mit den Jugendlichen.

Glauben Sie, dass das neue Konzept auch die Attraktivität einer Ausbildung im Einzelhandel erhöht?

Wir besetzen unsere Lehrstellen stets gut. Das neue Ausbildungskonzept haben wir bereits in den Vorstellungsgesprächen thematisiert. Vor Vertragsunterzeichnung haben wir die Eltern telefonisch informiert, gerade auch darüber, dass im Vertrag kein Ort mehr steht. Denn wenn sich jemand extrem gut in der Beratung macht, bei Fleisch oder Fisch etwa, möchten wir im Vertiefungsjahr gern bei der Filialauswahl darauf eingehen. Natürlich schauen wir dabei auf den Wohnort.

Wie geht es nach der zwei- oder dreijährigen Ausbildung weiter?

Unser Ziel ist es, 65 bis 68 Prozent der Jugendlichen weiter zu beschäftigen. Wir fördern weitere Ortswechsel durch Sprachaufenthalte, Wanderjahre oder Saisonstellen, etwa in St. Moritz und Interlaken. Dafür muss man sich teilweise von Zuhause lösen. Das liegt nicht allen Jugendlichen.

Inwiefern hat Corona bislang die Ausbildung beeinflusst?

Unsere Lernenden aus verschiedenen Verkaufskanälen und Berufen haben einen ganz tollen Einsatz gebracht bei der Lebensmittelversorgung, obwohl sie in der Abschlussprüfungsphase waren und auf Online-Lernen umstellen mussten. Ich hatte teilweise Diskussionen, weil sie lieber in die Verkaufsstelle gehen wollten als in die Schule. Wir haben fast alle Ausbildungsbausteine digital oder analog aufrecht erhalten, und auch dieses Jahr haben 97 Prozent der Lernenden bestanden. Die aktuelle Situation erfordert weiterhin Anpassungen. Letzte Woche haben wir unsere Einführungs-Events mit Masken und Abstand durchgeführt. Das neue Konzept mit seinen digitalen Instrumenten kommt also zum rechten Zeitpunkt.


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