CEOs der Top 50 in Europa Generationswechsel im Handel läuft

von Silke Biester
Freitag, 04. September 2020
.
Fotos: Globus Holding; Fedra; Presse & Cie; Carrefour; Schmidt/Imago K. Ree; Future Image/Imago; Reporters/Imago; Rosendahl; Walgreens Boots Alliance
.
CEOs der Top 50 in Europa
Generationswechsel im Handel läuft
:
:
Info
Abonnenten von LZ Digital können sich diesen Artikel automatisiert vorlesen lassen.
Im europäischen Lebensmittelhandel ist der Generationswechsel an der Spitze in vollem Gange. Klaus Halsig von der internationalen Personalberatung Heidrick & Struggles hat die Spitzenpositionen der Top-50 analysiert. Was das über die Branche sagt, erläutert er im Gespräch mit der LZ.

Noch sind die CEOs der größten Handelsunternehmen Europas mit knapp 57 Jahren durchschnittlich etwas älter als in anderen Branchen. 18 von insgesamt 52 Vorstandschefs waren zum Stichtag der Analyse (1. Juli) älter als 60 Jahre, nur acht jünger als 50. Klaus Halsig, Partner der Personalberatung Heidrick & Struggles, hat die Führungsspitzen der Handelskonzerne unter die Lupe genommen. Seine Analyse liegt der LZ exklusiv vor. „Die Besetzung der obersten strategischen und operativen Position ist ein Spiegel der Unternehmen und der Welt, in der sie sich bewegen“, sagt er. „Das offenbart viel über die Branche, ihre Kultur und Innovationsbereitschaft.“

Ein außergewöhnlich großer Teil der Händler wird von Unternehmern geführt. 16 der untersuchten 50 Firmen sind Familienunternehmen, elf davon werden von Gründern oder einem Mitglied der Eigentümerfamilie geleitet. Chefs wie Juan Alfonso Roig von Mercadona in Spanien, Drogerieprimus Dirk Roßmann oder auch Stefano Pessina, Miteigentümer von Walgreens Boots Alliance, haben längst die 70 überschritten. Die Patriarchen haben ihre Firmen groß und erfolgreich gemacht und entscheiden auch heute noch über die strategischen Weichenstellungen.

„Die Branche ist geprägt von Selfmademen, die ihre Firma unternehmerisch entwickelt haben“
Klaus Halsig, Heidrick & Struggles

Es werden Altersgrenzen überschritten, die bei börsennotierten Firmen schwer vorstellbar wären. Auch der Norweger Odd Reitan, der Franzose Michel-Édouard Leclerc sowie der Belgier Jozef Maria Colruyt tragen persönlich den Unternehmensnamen und kratzen am Rentenalter. Allerdings werden Nachfolgemanager häufig bereits aufgebaut.

Sowohl bei dm-Drogeriemarkt als auch bei Globus hat der Generationswechsel an der Spitze dagegen bereits stattgefunden: Seit Ende vergangenen Jahres leitet Gründersohn Christoph Werner den Drogeriefilialisten. Und Matthias Bruch trägt mit 36 Jahren als Jüngster in der Riege seit 1. Juli offiziell die Verantwortung für das SB-Warenhaus-Unternehmen. Zur Nachfolgegeneration zählen auch Edgard Bonte, Auchan, Alexandre Bompard, Carrefour, sowie die Aldi-Topmanager Torsten Hufnagel, Aldi Nord, und Matthew Barnes, Aldi Süd.

„Es sind insbesondere die CEOs der zehn größten Unternehmen des europäischen Lebensmittelhandels, die auf junge Vorstandschefs setzen“, stellt Halsig fest. Seit 2018 wurden insgesamt 16 Vorstandsspitzen erneuert. In diesen Firmen wurde der Generationswechsel in jüngerer Zeit umgesetzt. Dabei bleibt die erste Riege nahezu frauenfrei. Einzig Maura Latini ist seit 2019 Chefin von Coop Italia.

„Die Branche ist geprägt von Selfmademen, die ihre Firma unternehmerisch entwickelt haben“, beschreibt Halsig die Lebensläufe. Es wurde lange kein gesteigerter Wert auf besondere Universitätsabschlüsse gelegt. Mit den Jüngeren verändert sich das Bildungsniveau: Fast alle in den vergangenen zwei Jahren Berufenen haben studiert, die Master- und Promotionsquote steigt. „Diese Entwicklung ist bedeutend, weil der oberste Manager als Peer das Management prägt“, so Halsig. Zudem zeigt es, dass die Führung des Lebensmittelhandels zunehmend komplexer wird.

Die Amtszeit an der Spitze liegt mit mehr als 8,6 Jahren deutlich über der Verweildauer eines CEO in börsennotierten Konzernen von nur fünf bis sechs Jahren. „Das sorgt einerseits für Kontinuität und die Verfolgung langfristiger Strategien, wirft aber anderseits die Frage nach der Innovations- und Veränderungsfähigkeit auf – gerade in Zeiten, in denen Geschäftsmodelle sich wandelnden Marktbedingungen anpassen müssen“, gibt der Branchenbeobachter zu bedenken.

Nur rund 20 Prozent der Top-Positionen werden von außen besetzt. „Das kann darauf hinweisen, dass intern niemand passte“, weiß Halsig. „Oder aber es steht eine Kursänderung an.“ Der Personalberater unterstützt den Nachfolgeprozess unabhängig davon. Gelegentlich gelten interne als Benchmark für externe Kandidaten und umgekehrt. „Je höher die Position, desto wichtiger ist die Treffgenauigkeit und kulturelle Passung.“ Deshalb habe Heidrick & Struggles die Methodik zu deren Beurteilung kontinuierlich verbessert. Das eigene, digitale „Connect-Portal“ ermögliche auch international einen schnellen Überblick.

Mit zunehmender Internationalität der Händler wächst der Bedarf an Führungskräften mit entsprechendem Hintergrund und Sprachkompetenz. Ein Drittel der aktuellen Chefs haben mindestens eine berufliche Station im Ausland absolviert. Zwölf dagegen haben ihr gesamtes Berufsleben in dem Unternehmen verbracht, das sie heute leiten.

Sie haben Fragen oder Anmerkungen zu diesem Artikel?
Schicken Sie eine Email an die Redaktion.

Hier können Sie die Nutzungsrechte an diesem Artikel erwerben.

Anzeige

Meistgelesen

stats