Chance und Risiko Kriterien für den Jobwechsel

von Silke Biester
Freitag, 06. November 2020
Wer die Konsumgüterwirtschaft einmal für sich entdeckt hat, bleibt ihr sehr häufig treu. Nicht unbedingt allerdings auch dem Arbeitgeber, bei dem der Karriereweg startete.
Chance und Risiko
Kriterien für den Jobwechsel
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Zwar werben viele Unternehmen damit, junge Talente gezielt weiter zu entwickeln und ihnen reichlich Karrieremöglichkeiten anzubieten. Dennoch können die Ansichten darüber, ob man selbst zu den besonders Talentierten gehört, unterschiedlich ausfallen. Das Gefühl fehlender Perspektiven im eigenen Haus fördert das Interesse, sich neu zu orientieren.

Doch wohin? Young Professionals mit bis zu zehn Jahren Berufserfahrung in Handel oder E-Commerce zieht es zuallererst zu den Online-Riesen. Fast ein Drittel (31,7 Prozent) dieser Gruppe würde eine Bewerbung zu Amazon schicken und fast ein Viertel (23,2 Prozent) zu Zalando. Als beliebte Handelsarbeitgeber folgen die Rewe Group und dm-Drogeriemarkt, die das Interesse von 17 Prozent wecken. Das zeigt eine Sonderauswertung des Young-Professionals-Barometers 2020, die das Trendence-Institut vor einiger Zeit für die LZ gemacht hat. Die bevorzugten neuen Arbeitgeber derer, die bei FMCG-Herstellern gearbeitet haben, heißen Apple, Adidas, Unilever, Procter & Gamble und Beiersdorf.

Offensichtlich stützt auch die Strahlkraft der Marke das Interesse an einem Arbeitgeber. Als wichtigste Faktoren für die Wahl des neuen Jobs nennen die Befragten ein faires Gehalt, attraktive Aufgaben, persönliche Entwicklung, guten Führungsstil, Wertschätzung der Mitarbeiter und Kollegialität. Dies bestätigt die unter Personalverantwortlichen verbreitete Erkenntnis: "Mitarbeiter bewerben sich bei einem Unternehmen, doch sie kündigen wegen des direkten Vorgesetzten."

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Grund genug, dass sich zahlreiche Arbeitgeber die gezielte Entwicklung der Unternehmenskultur auf die Fahnen geschrieben haben. Dumm allerdings für die Kandidaten, dass sich von außen schwer einschätzen lässt, inwieweit Employer Branding lediglich als Marketing-Tool genutzt wird oder ob die angepriesenen Werte tatsächlich im Arbeitsalltag gelebt werden. Auch die Ergebnisse der Trendence-Studie zeigen eher das Image der Betriebe, also eine auf Vermutungen basierende Außenansicht.

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Innenansichten offenbart dagegen die Plattform Kununu, auf der Mitarbeiter ihren Arbeitgeber bewerten. Zwar wenden Kritiker ein, dass es sich dabei oft um Einzelmeinungen handle. Dennoch sollte bedacht werden, dass kritische Individualerfahrungen glaubwürdiger werden, wenn sie sich hundertfach wiederholen. Arbeitgeber sollten Kununu schon deshalb ernst nehmen, weil potenzielle Bewerber sich dort vorab schlau machen. Beispielsweise wurden die aktuellsten 4 665 Bewertungen zu Lidl satte rund 3,5 Millionen Mal   mal aufgerufen.

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Auch von Kununu liegt der LZ eine exklusive Sonderauswertung vor. die die Top-10-Händler sowie die Top-10-Lieferanten des Handels genauer unter die Lupe nimmt. Diese Rankings stellen sich deutlich anders dar: Amazon beispielsweise erhält nur 3,28 von fünf möglichen Sternen und wird von 58 Prozent der Bewerter weiterempfohlen. Spitzenreiter sind dagegen die Globus-Fachmärkte mit 4,22 Sternen und einer Empfehlungsrate von 82 Prozent. Auch Edeka Südwest (73 Prozent), die Rewe Group und Lidl (beide 70 Prozent) schneiden recht gut ab. Unter den Lieferanten überzeugen vor allem Dr. Oetker (82 Prozent Weiterempfehlung), Procter  &  Gamble (80), Ferrero (71) sowie Nestlé und Tchibo mit 70 Prozent begeisterten Beschäftigten.

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Oft ist der Unternehmenswechsel mit einem deutlicheren Karriereschritt verbunden als der Verbleib auf gewohntem Terrain. Insbesondere beim Gehalt gibt es mit dem Wechsel meist einen Sprung. Denn viele Unternehmen sind eher bereit, etwas draufzulegen, wenn sie einen externen Kandidaten ins Haus locken wollen, als wenn ein bestehender Mitarbeiter einen Schritt nach vorne macht.

Das Gehalt spielt immer eine Rolle. Doch ein wesentlicher Punkt wird bei der Jobsuche oft unterschätzt: Wie viel bleibt vom ausgezahlten Geld nach Abzug der Lebenshaltungskosten in der Region des potenziellen Arbeitgebers übrig? Selbst fette Gehälter relativieren sich in beliebten Regionen wie Berlin, München oder Hamburg. Der aktuelle Gehaltsreport von Stepstone und Handelsblatt zeigt, dass vermeintlich mäßig attraktive Standorte wie Holzminden und die Vulkaneifel die Rangliste der frei verfügbaren Einkommen mit Abstand anführen.

Die Arbeitgeber der Konsumgüterwirtschaft schneiden in dem Branchenvergleich ausgesprochen gut ab und gehören zu den wenigen, bei denen sich die Gehälter selbst in der Corona-Krise noch positiv entwickeln. Insbesondere die Nahrungsmittelindustrie ist häufig in ländlichen Regionen zu Hause, was Personalverantwortliche bei der Mitarbeitersuche zumeist als Standortnachteil empfinden.

Dabei liegt der Vorteil auf der Hand: Wie viel Lebensqualität lässt sich von 106 Euro erkaufen, die vom durchschnittlich gezahlten Jahresgehalt(!) im Landkreis München nach Abzug von Steuern, Sozialabgaben und Lebenshaltungskosten übrig bleiben? Von den 16 760 Euro, die am Jahresende bei gleicher Rechnung in der Vulkaneifel übrig sind, lässt sich deutlich großzügiger Spaß haben. Unternehmen wie Gerolsteiner werden sich vor Bewerbungen bald wohl nicht mehr retten können.

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