Corona-Krise Was der Handel vor Ort macht

von Mathias Himberg
Freitag, 27. März 2020
In vielen Märkten sorgen Bodenmarkierungen vor Kassen und Theken dafür, dass Kunden Abstand halten.
imago images / Michael Weber
In vielen Märkten sorgen Bodenmarkierungen vor Kassen und Theken dafür, dass Kunden Abstand halten.
Corona-Krise
Was der Handel vor Ort macht
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Die selbstständigen Kaufleute halten in der Corona-Krise die Stellung. Sie verstärken den Gesundheitsschutz und werben Mitarbeiter aus anderen Branchen ab. Die LZ hat sich in den Märkten umgesehen.
So beliebt wie in der Corona-Krise war der Lebensmittelhandel schon lange nicht mehr. "Viele Kunden bedanken sich, dass wir für sie da sind", sagt Edeka-Kaufmann Max Aschoff aus Kassel. "Sie schenken den Mitarbeitern Schokolade, Pralinen und Blumen." Viele Selbstständige berichten von solchen Dankesbezeugungen. "Die Kunden loben uns, weil wir durchhalten", sagt der Edekaner Ralf Otterstedde aus Bad Sassendorf.

Kein Wunder: Während die meisten anderen Geschäfte geschlossen haben, bleibt der Supermarkt für Kunden ein Hort der Versorgung und Sicherheit. Das wissen die Menschen zu schätzen – spätestens, seit Kanzlerin Angela Merkel in ihrer Fernsehansprache die Kassiererinnen lobte. "Die Kollegen finden diese Wertschätzung klasse", beobachtet Aschoff. "Das bestärkt sie in ihrem Gruppengefühl als starkes Team, auf das die Kunden sich verlassen können."

Nur mit Einkaufswagen

Dabei ist der Einkauf in Aschoffs Markt derzeit nicht gerade atmosphärisch. Kunden dürfen, wie mittlerweile an vielen Standorten, nur einzeln mit einem Einkaufswagen eintreten. Darüber wacht ein Sicherheitsdienst. Dessen Angestellte desinfizieren die Griffe des Wagens bei der Übergabe, zusätzlich zur regelmäßigen Desinfektion jede halbe Stunde. Im Markt sorgen Bodenmarkierungen vor Kassen und Theken dafür, dass Kunden Abstand halten. Mitarbeiter weisen den Besuchern eine Kasse zu, Plexiglasscheiben schützen Kassiererinnen vor etwaigen Tröpfcheninfektionen. Alle Kollegen tragen Handschuhe, auf Wunsch auch Mundschutz.

"Wir tun alles, um Mitarbeiter und Kunden zu schützen", betont Aschoff und spricht damit aus, was Kaufleute in diesen Tagen zur Priorität erklärt haben. Überall werden Plexiglasscheiben und Trennwände eingezogen, Markierungen aufgeklebt, Zugangszahlen beschränkt - und das meistens schon vor Anweisungen von Kommunen und Ländern.

Infektionsschutz wird akzeptiert

Kritik am Infektionsschutz ist, anders als in den ersten Tagen der Krise, nur noch selten zu hören. "Für unsere Maßnahmen gibt es in der Kundschaft eine ganz große Akzeptanz", sagt Aschoff. Nur davon, die kompletten Öffnungszeiten zu nutzen, muss der Kaufmann seine Kunden noch überzeugen. Er hält seinen Markt weiterhin von 7 bis 23 Uhr geöffnet, damit sich der Andrang zeitlich verteilt.

Andere Kaufleute verkürzen indessen die Öffnungszeiten. Ihre Begründung: Die Mitarbeiter seien nach zwei Wochen wie im Weihnachtsgeschäft völlig ausgelaugt. "Wir müssen den Kollegen Erholungspausen gönnen und den Stress rausnehmen", sagt der Potsdamer Rewe-Händler Siegfried Grube. Er sperrt seinen Markt nur noch von 8 bis 20 Uhr auf – statt von 7 bis 22 Uhr. Manche Kaufleute öffnen auch deshalb kürzer, weil sie den Betrieb auf zwei Schichten umstellen, die unabhängig voneinander arbeiten. "Sollte sich jemand in der einen Schicht infizieren, bleibt die andere, um den Betrieb aufrechtzuerhalten", begründet Edeka-Kaufmann Marcus Ehrlich aus Isernhagen bei Hannover.

Neue Öffnungszeiten

Länger oder kürzer öffnen – diese Entscheidung hängt auch davon ab, wie viele Mitarbeiter noch da sind. "Das Team ist hoch motiviert, der Krankenstand normal", sagt der Rewe-Kaufmann Michael Glück aus Rengsdorf bei Koblenz. "Die Mitarbeiter geben wirklich Gas und zeigen keine Angst. Alle ziehen mit und hängen sich rein, vom Marktleiter bis zur Auspackhilfe."

Andere wie der Rewe-Selbstständige Dieter Schneider aus dem badischen Denzlingen registrieren hohe Krankenstände von 30 bis 35 Prozent. "Die Stimmung bei den Mitarbeitern ist angespannt", berichtet er. "Die Ansteckungsgefahr ist ein permanentes Thema." Mitarbeiter mit starkem Husten schickt Schneider vorsorglich nach Hause. "Außerdem müssen viele Eltern daheim auf ihre Kinder aufpassen, weil Kindergärten und Schulen geschlossen sind."

Schneider macht allerdings aus der Not eine Tugend. Er hat einen Aufruf im Internet verbreitet und kann sich vor Rückmeldungen kaum retten. "Wir bekommen täglich 60 bis 70 Bewerbungen", sagt er. Bislang hat er in seinen elf Märkten 15 zusätzliche Kräfte eingestellt, dazu 30 Geringverdiener. Hinzu kommen rund 100 Geringverdiener für seine Dienstleistungsfirma, die in seinen und anderen Märkten Regale einräumt. Schneider freut sich, dass sich auch Fachkräfte aus anderen Branchen wie Hotellerie und Gastronomie melden: "Die Krise ist für uns auch eine Chance, an qualifizierte Mitarbeiter zu kommen."

Kritik an der Kundschaft

Derzeit verzeiht die Öffentlichkeit den Händlern sogar, wenn sie ihre Kundschaft kritisieren – oder zumindest Teile davon. So ging ein Aushang von Dieter Hieber aus Südbaden um die Welt, in dem sich der Edeka-Händler deutlich gegen Corona-Partys junger Leute aus der Fridays-for-Future-Generation aussprach: "Vor einigen Wochen habt Ihr noch fleißig demonstriert und euch beschwert, dass man euch die Zukunft gestohlen hat. Aktuell sind viele von euch leider sehr unvernünftig, kaufen gruppenweise in unseren Märkten ein und machen kleine Privatpartys."

Für die Verbindung zu Fridays for Future bekam Hieber Kritik, doch für sein Eintreten gegen Corona-Partys noch mehr Lob. "Die Reaktionen waren zu 80 Prozent super. Das hat Runden gedreht ohne Ende." Dabei habe er nur Jugendliche davon abhalten wollen, einander zu infizieren – und später womöglich ältere, gefährdete Verwandte und Bekannte.

Ähnlich kritisch geht Rewe-Kaufmann Michael Glück das Thema Hamsterkäufe an. Er verlangt ab der zweiten Packung Toilettenpapier eine Spende von fünf Euro an Corona-Helfer in seinem Landkreis, ab der dritten Packung zehn Euro. "Die Nachricht auf Facebook bekam rund 7 Millionen Kontakte und wurde mehr als 80 000 mal geteilt", freut sich Glück. "Das war schon großes Kino."

Gehamstert wird zwar immer noch – aber immer weniger, weil die Kunden mittlerweile eingedeckt sind. Das berichten Kaufleute einhellig. "Das ist mehr oder minder vorbei", sagt Hieber. Kundenzahlen und Umsätze seien gegenüber den vergangenen zwei Wochen wieder zurückgegangen. "So langsam tritt eine Normalisierung im Ausnahmezustand ein", bestätigt Edeka-Kaufmann Aschoff.

Umsatzsprung

Bislang haben die Selbstständigen in der Krise deutlich mehr umgesetzt als üblich – Edeka-Kaufmann Osterstedde spricht von rund 40 Prozent plus. Doch ob am Ende mehr Gewinn stehen wird, darüber gehen die Meinungen auseinander. Denn gekauft wurden bislang vor allem niedrigmargige Artikel wie Toilettenpapier und Mehl. Hinzu kommen Kosten für Sicherheitsmaßnahmen und zusätzliche Mitarbeiter.

Mancher sorgt sich da schon um die Zukunft. "Wenn die Leute in Kurzarbeit sind und weniger Einkommen zur Verfügung haben, sparen sie künftig vielleicht am Essen und Trinken", mutmaßt Hieber. Rewe-Kaufmann Schneider ist noch pessimistischer: "Ich erwarte durch Corona einen deutlichen wirtschaftlichen Abschwung, dessen Folgen wir spüren werden."

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