Corona-Pandemie Boom zwingt E-Food zum Spagat

von Jens Holst
Mittwoch, 08. April 2020
Auch Liefer-Marktführer Rewe bekommt den Boom zu spüren.
Jörg Rode
Auch Liefer-Marktführer Rewe bekommt den Boom zu spüren.
Corona-Pandemie
Boom zwingt E-Food zum Spagat
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Die Online-Lebensmittelhändler mühen sich, der rasant gestiegenen Nachfrage gerecht zu werden und satteln bei der Logistik drauf. Amazon Fresh und Rewe bieten ihre Liefer-Flatrates nicht mehr an, Dienstleister Liefery plant ein Instacart-Modell.

Die stark gestiegene Nachfrage im Online-Lebensmittelhandel ist für die Anbieter Fluch und Segen zugleich. Verfügbare Zeitfenster sind bei Lieferdiensten momentan fast flächendeckend Mangelware – und das teilweise auf Wochen hinaus. Viele Anbieter halten mit zusätzlichen Logistik-Kapazitäten dagegen und passen ihr Angebot an, um die Kunden nicht zu verärgern und die Infrastruktur zu entlasten.

Selbst Amazon hat mit der großen Nachfrage zu kämpfen. Wie die meisten anderen Online-Anbieter warnt der Konzern Kunden seines Fresh-Lieferdienstes vor eingeschränkter Verfügbarkeit von Artikeln und Zeitfenstern. Nun geht er noch einen Schritt weiter: Die Fresh-Mitgliedschaft, die für knapp 8 Euro im Monat unbegrenzte Zustellung bietet, können Prime-Kunden seit einigen Tagen vorübergehend nicht mehr abschließen. Stattdessen rät Amazon, die Einzellieferung für 4,99 Euro zu wählen – sofern es Zeitfenster gibt.

Auch Rewe versucht, die Logistik nicht noch stärker zu belasten. So hat der Händler seine Liefer-Flatrate für die kostengünstige Zustellung derzeit aus dem Angebot genommen. dm wählt derweil einen anderen Weg, um lange Lieferzeiten für den Paketversand des Online-Shops abzufedern und die Online-Logistik zu entlasten: Seit Anfang der Woche kommissioniert der Händler Online-Bestellungen auch im Gros seiner rund 2 000 Filialen, wo sie der Kunde sechs Stunden nach der Order abholen kann. Der Express-Service soll auch dazu beitragen, den Andrang auf der Fläche zu verringern.

Lebensmittel-Nachfrage im Netz steigt rasant

Die massive Veränderung im Kundenverhalten zeigt sich auch in den Zahlen des E-Commerce-Verbands BEVH. Während die Nachfrage in den meisten Kategorien seit Beginn der Krise spürbar sinkt, geht sie bei Food steil nach oben. So verzeichnet der Verband im März bei Lebensmitteln ein Nachfrage-Plus von 56 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat, bei Drogeriewaren waren es knapp 30 Prozent. Ein Großteil davon dürfte bei Amazon.de gelandet sein, denn der Konzern hatte sich bei Wareneingang und -versand ab Mitte März auf die stark nachgefragten Sortimente konzentriert. Die Priorisierung gilt laut einem Sprecher weiter, aber nicht mehr so streng: "Je nach Kapazität lagern wir aber auch andere Produkte unserer Verkaufspartner in den Logistikzentren ein."

Bei Amazon führte das zu Lieferverzögerungen bei anderen Waren. Aber auch die Online-Lebensmittelhändler haben durch die Corona-Pandemie Mühe, schnell auf den Boom zu reagieren. In der Branche heißt es, dass aufgrund der Krise Logistik-Mitarbeiter aus Osteuropa in Berliner Standorten fehlen – das traf etwa Windeln.de. Rewe sieht ein Hindernis auch darin, dass zusätzliche Fahrzeuge derzeit weder kurzfristig verfügbar noch fahrbereit seien, da die Zulassungsstellen geschlossen sind.

Liefery will auch Picking übernehmen

E-Food-Experte Dominique Locher verweist darauf, dass die Händler allein wegen des Schutzes von Mitarbeitern und Kunden nicht unbeschränkt mehr Personal in der Logistik einsetzen könnten. "E-Food steht in den meisten Ländern noch für einen geringen Prozentsatz des Gesamtmarktes – mit entsprechenden Strukturen bei den Anbietern", sagt der Ex-LeShop-Chef. "Auf den Ansturm der vergangenen Wochen und die plötzliche Vervielfachung der Kundennachfrage konnte deshalb kein Händler wirklich vorbereitet sein."

Wie Picnic mitten in der Krise ein neues Logistikzentrums zu eröffnen, bleibt die Ausnahme. Vielerorts helfen Logistik-Dienstleister wie Liefery aus. Geschäftsführer Nils Fischer registriert derzeit einen Nachfrageanstieg um 30 Prozent pro Woche. "Die E-Food-Anbieter haben ihre Kapazitäten durch die Bank weg bereits stark erhöht", so Fischer, dessen Unternehmen etwa für Rewe, Hellofresh und Getnow arbeitet. Der limitierende Faktor sei offenbar weniger die Logistik, "sondern stärker, die Masse an Bestellungen aus dem Lager herauszubekommen". Fischer will den Händlern deshalb "ähnlich wie bei Instacart" auch das Picking der Bestellung im Markt anbieten. "Das würde die Logistikzentren des Handels ein Stück weit entlasten."

Abholservice
imago images / photothek

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