Corona-Rückblick Das Futterhaus "Wir sind bei Euch, reicht als Botschaft"

von Julia Wittenhagen
Freitag, 07. August 2020
Nettes Feedback: Das Futterhausteam aus Hamburg Harburg bedankt sich mit einem Foto bei der Zentrale für das Durchhaltepaket.
Das Futterhaus
Nettes Feedback: Das Futterhausteam aus Hamburg Harburg bedankt sich mit einem Foto bei der Zentrale für das Durchhaltepaket.
Corona-Rückblick Das Futterhaus
"Wir sind bei Euch, reicht als Botschaft"
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Beim Städtebummel im Urlaub scheinen der Lockdown und die heiße Phase der Hamsterkäufe in weite Ferne gerückt. Doch bei vielen Händlern wirken der Kundenansturm und das Chaos der ständig sich verändernden Corona-Schutzbestimmungen im Frühjahr nach. Was sich dadurch bei Das Futterhaus verändert hat, berichtet Personalchefin Britta Beste.

"Wir haben Corona in drei Phasen erlebt", sagt Britta Beste, Bereichsleiterin Personal und Personalentwicklung bei Das Futterhaus. Der Zoofachhändler gehört mit rund 400 Filialen zu den führenden Anbietern in Deutschland. Zuerst habe man sich orientiert, dann rückte die Krankheit über Italien näher, Angst und Unsicherheit wuchsen. "Als Corona dann richtig in Deutschland ankam, waren wir in der komfortablen Situation, zu den Grundversorgern zu gehören." Es gab an vielen Standorten einen großen Umsatz-Push, der dazu beitrug, Verluste in Märkten mit Centerlage oder reduzierten Öffnungszeiten in Folge von Quarantäne oder fehlender Kinderbetreuung, auszugleichen. "Auf der einen Seite freute uns der Ansturm, auf der anderen Seite waren wir völlig überwältigt. Die Hamsterkäufe im LEH spiegelten sich 1:1 bei Tiernahrung wider und verlagerten sich nicht ins Netz",sagt Beste.

„Ein Mitarbeiter beantwortete 100 Anrufe am Tag. Aber so haben wir viel engeren Kontakt zu Märkten bekommen, mit denen wir sonst nicht in so intensivem Austausch standen“
Britta Beste, Das Futterhaus
Britta Beste: Bereichsleiterin Personal und Personalentwicklung bei das Futterhaus.
Das Futterhaus
Britta Beste: Bereichsleiterin Personal und Personalentwicklung bei das Futterhaus.

Das einzelhandelsspezifische Problem sei gewesen: "Wir haben viele Mütter, viele Teilzeitkräfte, auch Alleinerziehende, denen die Kinderbetreuung fehlte. In unserer typischen Das Futterhaus-Mentalität haben wir kurzerhand gesagt: Bringt sie mit." In der Zentrale wurde der große Schulungsraum aufgeräumt, und Britta Beste engagierte kurzerhand die Tochter einer Mitarbeiterin als Babysitterin. "Das lief mehrere Tage so, auch in den Märkten. Dort haben wir Kolleginnen vorgeschlagen, sich abzuwechseln bei der Kinderbetreuung. Wir haben sehr praktisch gedacht." Die Zentrale unterstützte die Märkte nach Kräften: Die Unternehmenskommunikation versorgte mit täglicher Information. Mit den Geschäftsführern wurden Videoclips gedreht, in denen sie sich direkt an die Mitarbeiter wandten und auch selbst zeigten, wie man sich schützt. Der Vertrieb packte Durchhaltepäckchen für die Marktteams.

Gute Stimmung: Auch das Marktteam Wolfsburg freut sich über Nervennahrung.
Das Futterhaus
Gute Stimmung: Auch das Marktteam Wolfsburg freut sich über Nervennahrung.

Die Online-Akademie war sehr gefragt wegen des Materials zum Umgang mit Corona und musste mit vielen neuen Zugängen ausgestattet werden. "Alle Zentralabteilungen haben einen tollen Job gemacht und wir haben gutes Feedback für unsere transparente Kommunikation bekommen – über Kununu, über Whatsapp-Gruppen oder in Form von direkten Rückmeldungen an die Geschäftsführung. Das war sehr schön", sagt Britta Beste schlicht.

"Nach dem depressiven Lockdown baten wir die Mitarbeiter auch um lustige eigene Videos. Manche haben sogar getanzt oder Lieder eingesungen und hochgeladen." Was dadurch weitervermittelt wurde, war die Botschaft ‚Wir sind gut drauf und haben Spaß an der Sache‘. "Dadurch bildete sich ein unglaublicher Grundzusammenhalt, wir saßen schließlich alle in einem Boot und die gegenseitige Wertschätzung ist gewachsen: Die Märkte merkten, die Zentrale kümmert sich", fasst Britta Beste das Erlebte zusammen. Trotz der Mehrbelastung durch die Umsetzung der Hygienemaßnahmen und dem Ansteckungsrisiko für Mitarbeiter mit Vorerkrankungen, fehlten von fast 900 Mitarbeitern im direkten Zahllauf nur 26. Eltern mit kleinen Kindern und Risikopatienten bekamen eine Woche Urlaub geschenkt. "Wir haben nicht auf Krankmeldungen oder Nacharbeiten gepocht und bis jetzt keine Kurzarbeit und keine Gehaltseinschränkungen erzeugt."

Besondere Zeiten: Das Futterhaus Osnabrück malt sich im Corona-Modus
Das Futterhaus
Besondere Zeiten: Das Futterhaus Osnabrück malt sich im Corona-Modus

Die Personalabteilung bot sich als ständiger Ansprechpartner für alle Probleme an. Sie reichten von Kinderbetreuung, dem Wunsch nach anderen Schichten bis zur Arbeit selbst. "Wir haben mit jedem so lange gesprochen, wie er es brauchte. Das war ein enormer Aufwand. Einer meiner Mitarbeiter beantwortete 100 Anrufe am Tag. Aber so haben wir auch viel engeren Kontakt zu Märkten bekommen, mit denen wir sonst nicht in so intensivem Austausch standen."

Jetzt, im Sommer, bezeichnet Britta Beste die Lage als entspannt. "Privat kann ich sagen: Wenn man nicht selbst auf Abstand achtet, hat man keine Chance. Bei Das Futterhaus sind wir noch vorsichtig mit Lockerungen. Wir versuchen, das Bewusstsein zu schaffen, dass es noch nicht vorbei ist." Dazu gehören Kontrollen im Aufenthaltsraum, reduzierte Besuche von extern und Bewerbungsgespräche per Videokonferenz. "Das hat sich jetzt gut eingebürgert und wird Bestand haben. Wir haben viele Mitarbeiter mit Home-Office-Plätzen und Tunneln zu den Systemen ausgestattet, um die Büromannschaften auszudünnen und quasi eine Ersatzmannschaft zu haben, falls wir in der Zentrale Quarantänefälle haben. Das belassen wir auch erst einmal so." Home-Office sei früher bei Das Futterhaus nur im Einzelfall möglich gewesen, jetzt habe es viel mehr Normalität erlangt. "Viele Mitarbeiter haben natürlich dadurch auch erfahren, dass Zuhause der Stressabbau durch Kollegen fehlt und sie lieber im Büro arbeiten." Daher füllen sich langsam wieder die Flure. "Wir achten aber sehr auf Mindestabstand, lassen Türen offen und tragen Mundschutz." Wichtig sei jetzt, diejenigen, die psychisch belastet sind, etwa weil der Partner arbeitslos geworden ist, gut weiter mitzunehmen. Auch Kinderbetreuung bleibe ein Problem.

Das Futterhaus

•1987 eröffnet Herwig Eggerstedt den ersten Markt in Pinneberg.
•Heute zählen 343 Märkte in Deutschland und 42 in Österreich zur Gruppe.
•Die meisten werden von 135 Franchisepartnern geführt.

••Mitarbeiter insgesamt: 2 500.
•Mit Andreas Schulz und und Kristof Eggerstedt führt die zweite Generation das Familienunternehmen zusammen mit Klaus Meyer-Kortenbach.
•Der Kieler Lebensmittelhändler Bartels + Langness ist seit 1999 Mitgesellschafter (49 Prozent).
•2019 stieg der Umsatz mit 19 neuen Märkten um 9,3 Prozent auf 401 Mio. Euro.

Was sich durch die Corona-Welle bei Futterhaus verändert hat? "Die Kommunikation untereinander ist viel lockerer und direkter geworden." So wurde die Online-Akademie-Plattform, zu der jeder Mitarbeiter und Franchisepartner Zugang hat, dafür genutzt, Sprachnachrichten und kleine selbst gedrehte Filme einzustellen mit Tipps, wie man beispielsweise Kunden zum Abstand halten bringt. "Die Marktleiter waren begeistert und haben berichtet, dass die Mitarbeiter im Pausenraum gern die Sprachnachrichten und Videos anklickten."

Manchmal habe schlicht die Zeit gefehlt, sich auf Befindlichkeiten zu fokussieren. Das habe die Distanz zwischen Mitarbeitern und Geschäftsführung verkleinert.

"Führungskräfte, die ehrlich und direkt zu den Mitarbeitern gesprochen und auch zugegeben haben, manche Dinge noch nicht zu wissen, haben gute Resonanz bekommen. ‚Wir sind bei Euch‘, reicht manchmal als Botschaft", weiß Beste. Denn das schaffe Vertrauen. "Diese Offenheit hat im Unternehmen eine Einigkeit geschaffen, Barrieren niedergerissen und die – schon vorhandene – andere Art der Kommunikation ausgebaut. Ich hoffe, dass daraus viel Positives gelernt wurde und dies im Alltag auch beibehalten wird."

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