Corona-Schutz "Selbst testen wird zum Brandthema"

von Julia Wittenhagen
Freitag, 20. November 2020
Corona-Schutz
"Selbst testen wird zum Brandthema"
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Mitarbeiter vor Ansteckung mit Covid-19 zu schützen, wird im Winter schwieriger: Die öffentlichen Testkapazitäten sind ausgeschöpft. Das Robert-Koch-Institut empfiehlt bei Erkältungssymptomen schon Isolation statt Test. Für manche Firmen lohnt es sich, selbst aktiv zu werden.

Gutschein-Anbieter Bonago etwa hat sein Kerngeschäft um Corona-Tests für Firmen erweitert. "Das war nicht ganz einfach", sagt Mark Gregg, Geschäftsführer von Bonago. "Wir mussten erst lernen, wie kompliziert der Einsatz von Medizinprodukten im Arbeitsumfeld ist." Gleich im März hat er Kontakt zu einem großen österreichischen PCR-Test-Labor aufgenommen.

Aus eigener Anschauung als Firmenchef weiß er, was für eine unproduktive Unruhe entsteht, wenn ein Kollege sich mit Covid-19 ansteckt, infizierte Verwandte hat oder aus einem Risikogebiet kommt. Damit der Hausarzt oder das Gesundheitsamts zum Test bitten, müssen bestimmte Kriterien nach Vorgaben des Robert-Koch-Instituts erfüllt sein. Diese werden laut neuer "Nationaler Teststrategie" seit Oktober enger gefasst. Ein Husten oder infiziertes Familienmitglied allein sind jetzt kein Grund mehr für einen Abstrich. Eigene Tests können daher für Unternehmen ein Weg sein, Mitarbeitern Unsicherheit zu nehmen und die Betriebsbereitschaft zu sichern.

"Wir kommen an den Punkt, an dem die Gesundheitsämter überfordert sind mit der Nachverfolgung und die öffentlich verfügbaren Labor- und Reagenzienkapazitäten ausgelastet sind", glaubt Gregg. Bonago habe sich durch den Kooperationspartner frühzeitig Kapazitäten gesichert. Testergebnisse aus dem Labor seien in 24 bis 48 Stunden da. Viele Mitbewerber für Firmentests hat Bonago noch nicht: Neben Flughafen-Testanbieter Cerascreen sind das vor allem regionale Labore. 
"Den Durchbruch im B2B-Einsatz brachte die neue Gurgelprobe im August, mit der die Mitarbeiter ohne medizinisches Personal Speichelproben fürs Labor vorbereiten können", erklärt Gregg. Das Verfahren ist einfach und in Österreich verbreitet: Die Testperson bekommt ein Fläschchen mit Kochsalzlösung gereicht. Die Flüssigkeit muss 60 Sekunden lang gegurgelt und anschließend in das Teströhrchen gespuckt werden. Die Kosten von 89 Euro pro Mitarbeiter lassen sich durch Pooling auf 20 Euro senken: Die Proben von fünf Mitarbeitern werden gebündelt abgegeben und untersucht. Erst wenn die Fünferprobe positiv ist, wird bei diesen fünf Mitarbeitern individuell nachgetestet. Ist sie negativ, hat man für das beruhigende Ergebnis 100 statt knapp 450 Euro ausgegeben. Alternativ bietet Bonago die üblichen PCR-Tests per Rachen- oder Nasenabstrich an, die aber vom betriebsärztlichen Dienst abgenommen werden müssen.

Aus der eigenen Lernkurve rund um Infektion, Datenschutz, Medizin- und Arbeitsrecht hat Bonago ein Info-Paket mit mehreren Referenten geschnürt und es bei einem virtuellen Treffen der Personaler-Community "HR Round Table" mit den Zuhörern geteilt. "Die Resonanz von rund 300 Anmeldungen zeigt, dass wir ins Schwarze getroffen haben", sagt Mark Gregg. Mit Beginn der zweiten Corona-Welle seien eigene Testkits zum Brandthema in Unternehmen geworden.

Wer sich mit Covid-19 infiziert, bei dem wächst im Verlauf der fünf- bis siebentägigen Inkubationszeit die Ansteckungsgefahr, lernen die Teilnehmer des HR Round Table. Die letzten beiden Tage sind besonders kritisch für Unternehmen, weil ihre Mitarbeiter die Infektion noch nicht bemerken. Sobald Symptome auftreten, wird die Ansteckungsgefahr noch größer, im Verlauf sinkt die Viruslast langsam wieder. Der PCR-Test, auf den die deutschen Gesundheitsämter setzen, bietet während des gesamten Infektionszyklus die größte Zuverlässigkeit. Antigen-Schnelltests, die jetzt zunehmend eingesetzt werden, schlagen bei wenig Virenlast der Probanden eventuell nicht an, filtern aber zumindest Superspreader heraus. Das sei im Unternehmen oder beim Konzertbesuch schon besser als nichts.

Drei Corona-Testverfahren für drei Zwecke

Die PCR-Testung ist das Standardverfahren in der Virendiagnostik. Es kann Erbmaterial der Viren durch starke Vervielfältigung selbst in geringen Mengen nachweisen. Dauer: vier bis fünf Stunden. Die Probe kann per Nasen-, Rachenabstrich oder per Gurgelprobe entnommen werden. und kostet 50 bis 140 Euro.


Der Antigen-(Schnell)Test weist die Eiweißstrukturen des Virus nach. Ist der Nasen-Rachen-Abstrich positiv, verfärbt sich der Teststreifen wie bei einem Schwangerschaftstest. Er ist schneller und günstiger als der PCR-Test, aber auch fehleranfälliger. Ein positives Antigen-Testergebnis muss mittels PCR-Test bestätigt werden.


Der Antikörper-Test weist Covid-19 nach der Infektion nach. Die Probe kann selbst entnommen und ins Labor eingeschickt werden.

Aus arbeitsrechtlicher Sicht spreche nichts dagegen, den Mitarbeitern Tests anzubieten, erklärt Rechtsanwalt Alexander Greth von der Kanzlei Simmons & Simmons. Diese könnten als Arbeitsschutz im Sinne der Fürsorgepflicht gesehen werden. "Es geht ja darum, Verdachtsfälle aufzuklären." Das Unternehmen profitiert gleich mehrfach: Es kann vermeiden, dass jeder Mitarbeiter mit Husten für mehrere Tage zu Hause bleibt. Es vermindert aber auch das Risiko, für vermehrte Covid-19-Ansteckungen im Unternehmen zu haften.

Kanzleikollege Fabian Huber erläutert Medizinrecht und Datenschutz: Das Bundesgesundheitsministerium erlaube die Abgabe von Probenentnahmekits an Laien, solange sie nicht selbst ausgewertet werden, sondern durch ein Labor. Zum Test zwingen könne man niemanden. Auch Sanktionen seien, wenn überhaupt, nur bei medizinischem Personal denkbar. Der Betriebsrat hat ein Mitspracherecht.

„Tests schaffen nicht nur Klarheit und schützen Kollegen, sondern optimieren den Arbeitsschutz in Unternehmen und tragen zur Haftungsvermeidung bei“
Alexander Greth, Rechtsanwalt Simmons & Simmons

Bislang hört man noch wenig von Covid-19-Tests in deutschen Firmen: Tönnies als gebranntes Kind setzt eigene Laborkapazitäten dafür ein und auch die Deutsche Post testet freiwillig. Österreich ist Deutschland beim Krisengeschehen immer einen Schritt voraus und so erklärt die Spar AG sehr offen, dass sie über den betriebsärztlichen Dienst Schnelltests organisiert habe, um in Produktionsstätten und Großhandelslagerhäusern die Mitarbeiter durchtesten zu können. Nach einem Partner für PCR-Tests sei man gerade auf der Suche.

Aldi Nord verlässt sich bislang auf sein Schutzkonzept, die Zahl der Infektionsfälle unter den Mitarbeitern sei äußerst gering. "Die derzeit verfügbaren Schnelltests liefern nicht die benötigte Genauigkeit und werden behördlich nicht anerkannt", erklärt Sprecher Christian Salmen. "Die deutlich zuverlässigeren PCR-Testungen sollten in dieser Situation vor allem dort eingesetzt werden, wo sie dringend benötigt werden: Bei konkreten Verdachtsfällen oder Teilen der Bevölkerung, die zu unmittelbaren Risikogruppen zählen oder in engem Kontakt stehen."

Ob ein Unternehmen testet oder nicht, muss im Gesamtkontext Risiken, Kosten, Kapazitäten betrachtet werden. Amazon USA blieb fast keine Wahl, nachdem mehrfach öffentlich mangelnder Arbeitsschutz kritisiert wurde: Rund 20 000 der 1,4 Mio. Mitarbeiter steckten sich bis Mitte September an, einige starben. Ab November werden nun durch intern aufgebaute Kapazitäten 50 000 US-Mitarbeiter pro Tag getestet.

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