Coronavirus Konstruktiv durch die Krise

von Julia Wittenhagen
Freitag, 20. März 2020
Harry Gatterer: Der Geschäftsführer des Zukunftsinstituts liebt es, gesellschaftliche Trends mit unternehmerischen Entscheidungen zu verknüpfen.
Zukunftsinstitut
Harry Gatterer: Der Geschäftsführer des Zukunftsinstituts liebt es, gesellschaftliche Trends mit unternehmerischen Entscheidungen zu verknüpfen.
Coronavirus
Konstruktiv durch die Krise
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Der Coronavirus stellt berufliche und private Pläne vieler Menschen auf den Kopf und erzeugt ein hohes Stresslevel. Keine Schule mehr offen, Innenstädte und Büroflure verwaist, dafür viele neue Herausforderungen. Harry Gatterer vom Zukunftsinstitut gibt Tipps, wie wir aus der Alarmzone in einen Zustand positiver Energie kommen.

Herr Gatterer, was genau treibt unseren Stresspegel gerade in die Höhe?

Unsere Gesundheit ist in Gefahr. Viele Informationen prasseln auf uns ein, gleichzeitig fehlt echtes Wissen über unser Risiko und wie wir es mindern. Präventiv wird das öffentliche Leben eingeschränkt, was massive Auswirkungen auf die Wirtschaft hat. Die Unternehmen erleiden Umsatzeinbrüche, aber die Kosten laufen weiter. Es gibt Förderprogramme, in denen Geld keineswegs verschenkt, sondern Liquidität durch Kredite gesichert wird. Nach der Krise werden viele Firmen hochgradig verschuldet sein, was die Wirtschaft zu einer anderen macht. Das ruft Angst und Sorgen bei den Menschen hervor – oder Hyperreaktionen der Gelassenheit. Beides ist normal.

Warum?

Wenn etwas in unserer Umgebung sich massiv verändert, reagieren wir als erstes emotional. Unsere Gefühle wirbeln die Wahrnehmung der Welt durcheinander.

Das Home-Office macht es nicht leichter, mit seiner Gefühlslage klarzukommen, oder?

Es setzt eine hohe Kultur von Vertrauen und Selbstkompetenz voraus – trotz des eigenen Gefühls-Wirrwarrs. In Österreich haben wir ja schon die Ausgangssperre. Da baut sich ein Druckkessel auf.

Wie fängt man den Stress ein und verwandelt ihn in positive Energie?

Wir Menschen haben Gefühle als Alarmanlage dafür, was um uns herum schief läuft. Sie liefern aber kein Konzept. Wenn wir aus dem Affekt handeln, powern wir uns komplett aus und kommen keinen Millimeter weiter. Besser ist es, die Ratio einzuschalten und mit Modellen neue Weltbilder zu konstruieren. Das geht mit einem weißen Blatt Papier, auf dem wir zum Beispiel uns und die Kollegen in Beziehung setzen. Wie kommunizieren wir, was ist zu tun? So kommen wir zu Übersicht, Ruhe und konstruktiver Energie. Für uns selbst und für die Firma. Den Vor-Sicht-Modus nenne ich das.

Im Sinne von, Auf-Sicht-fahren?

Ja genau. Unsere Modelle sind unvollständig, weil uns Informationen fehlen. Damit muss man jetzt leben. Wir müssen jeden Tag schauen, ob sich etwas ändert. Einen Schritt machen und dann den Plan wieder neu bewerten. Wenn man das zum Ritual macht, kann man anders in den Tag schauen.



Was bedeutet die Krise für Führungskräfte?

An ihnen wird es liegen, Pläne zu vermitteln. Wir brauchen Führungskräfte, die glaubwürdig vermitteln können, dass sie eine Idee haben. Nicht im Sinne von 1:1, wie es geht, sondern vom grundsätzlichen Vorgehen. Und es kommt auf unheimlich transparente Kommunikation an. Man sollte seine Leute nicht zwei Tage lang in ihrem Home-Office werkeln lassen, ohne sich auszutauschen und darüber zu sprechen, wie man die Lage einschätzt. Das gibt Sicherheit in der Unsicherheit.

A propos transparent: Wie nehmen Sie die Politiker wahr, die in dieser Krise sehr ernst vor die Kameras treten, ohne wie in früheren Zeiten vor allem Zuversicht und Kontrolle zu vermitteln?

Die Situation ist für alle spürbar unvergleichbar. Man kann den Politikern förmlich ansehen, wie sehr die Krise an ihnen zehrt. Zumal sie am letzten Donnerstag schon wussten, von welchen Einschränkungen sie erst an den Folgetagen erzählen, um die Bevölkerung nicht in Panik zu versetzen. Jede Entscheidung rund um den Coronavirus, führt dazu, dass Menschen sterben oder nicht sterben. Das ist purer Stress. Zumal Politiker sich ja auch fragen müssen, warum sie die ersten Signale nicht wahrgenommen haben.

Jeder Kundenkontakt birgt Ansteckungsrisiken. Eine Kassiererin im Supermarkt sagte mir heute, es kämen schon längst nicht mehr alle Kollegen. Wird sich durch die Krise auch das kollegiale Miteinander verändern?

Das glaube ich schon. Wo das ganze System herunter fährt, gibt es zwei gleichstarke Entwicklungsstränge: Die Solidarität wächst, aber auch die Sorge ums Eigene. Schon vor zwei Jahren hat uns eine Untersuchung in Deutschland gezeigt, dass 50 Prozent der Befragten zur Ich- und 50 zur Wir-Kultur neigen. Das Zukunftsinstitut hat daraus vier Post-Corona-Szenarien entwickelt.

Können wir auf einen Digitalisierungsschub hoffen?

Ja, das ist fix. Wir werden nicht 100 Prozent auf Home-Office umstellen, aber auf die Möglichkeit dazu! Jede Krise zeigt, worauf man vorbereitet war und dazu gehörte die Remote-Society definitiv nicht. Aber wir werden das nachholen, Mindset und Regeln ändern, und technisch nachrüsten.

Das wäre dann ein kleiner Lichtblick für die Post-Corona-Zeit?

Ja, über die erzwungene Zeit der Isolation werden wir uns an vielen Ecken neu begegnen. Wer seine Zeit plötzlich nur im Home-Office, allein, mit Familie oder Mitbewohnern verbringt, erlebt eine ganz neue Situation. Die Kollegen und das normale Leben werden wir danach mit anderen Augen sehen.

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