Corporate Social Reponsibility Kik hat aus Imageschaden gelernt

von Julia Wittenhagen
Freitag, 20. Juli 2018
Lieferanten-Audit : Bei Kik prüft erst CSR die Sicherheits- und Sozialstandards der Lieferanten vor Ort, dann bekommt der Einkauf die Freigabe.
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Lieferanten-Audit : Bei Kik prüft erst CSR die Sicherheits- und Sozialstandards der Lieferanten vor Ort, dann bekommt der Einkauf die Freigabe.
Viele westliche Textilanbieter kaufen in Billiglohnländern ein. Für schlechte Arbeitsbedingungen bei ihren Lieferanten sind sie formal nicht verantwortlich. Doch der Weckruf kam, als Fabriken in dem Rana Plaza-Gebäude 2013 nahe der Hauptstadt von Bangladesch einstürzten und 1  138 Menschen starben. Seitdem können sich Kik und Co ihrer Verantwortung nicht mehr entziehen. CSR-Leiter Ansgar Lohmann über Neuanfang und Networking.

Herr Lohmann, Sie haben nach einem der größten Unglücke der internationalen Textilindustrie 2013 den Job als Leiter CSR bei Kik übernommen. Was hat sie daran gereizt?

Ich kam im Juli 2013 nicht als CSR-Leiter zu Kik, sondern als Leiter Umwelt und Supply Chain. Meine Aufgabe war es, Transparenz über die Akteure in der Lieferkette herzustellen und meine Motivation, bei dem fünftgrößten deutschen Textilhändler den Beweis anzutreten, dass Gut und Günstig auch im Bereich der Produktion in asiatischen Ländern zusammengeht. Sicher gab es einen Zusammenhang mit den Unfällen, weil das vorher übliche Subcontracting allen europäischen Bekleidungsunternehmen die Kontrolle von Standards in den Fabriken der Lieferanten erschwerte. Aber die Aufarbeitung der Unglücke oblag damals vor allem der Geschäftsleitung. Als diese den Fokus auf die Reorganisation der Lieferkette auch in puncto Brandschutz, Gesundheit und Sicherheit bei identifizierten Vertragspartnern legte, wurde mir die Gesamtleitung des CSR-Bereichs übertragen und im April 2014 direkt dem Vorsitzenden der Geschäftsführung unterstellt.

Welche Vorkenntnisse hatten Sie?

Ich habe Logistik und Betriebsinformatik studiert und war vorher bei anderen Textilunternehmen im Bereich Supply Chain und Beschaffung tätig. Das kommt meinem Bereich direkt zugute, weil wir sehr prozessorientiert arbeiten: Wenn der Einkauf einen neuen attraktiven Lieferanten vorschlägt, stattet CSR der Fabrik einen Einlistungsbesuch ab, bei dem wir Mindestkriterien wie Brandschutz, Verbot von Kinderarbeit und elektrische Sicherheit prüfen. Geben wir dem Einkauf die Freigabe, erfassen Prüffirmen für uns zwei bis drei Tage lang genau, inwiefern unsere Sozial- und Umweltstandards eingehalten werden. Dann wird ein Korrekturplan erstellt, der in einem bestimmten Zeitplan abzuarbeiten ist. Eine unabhängige Trainings- und Qualifizierungsfirma schult und kontrolliert das.

Ansgar Lohmann: Leitet den Bereich CSR bei Kik.
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Ansgar Lohmann: Leitet den Bereich CSR bei Kik.

Wie oft sind Sie selbst vor Ort?

Zwei bis dreimal im Jahr bereist unser Team – aufgeteilt nach Ländern – die Fabriken. CSR ist bei Kik also keine Schönwetterabteilung, sondern eine Einheit, die sehr nah an den operativen Prozessen und sehr nah an den Lieferanten ist. Ich selbst bin vier bis fünf Monate im Ausland. Schließlich möchten die Lieferanten von uns ernst genommen werden und mit uns über ihre Probleme sprechen. Von Deutschland aus geht das nicht.

Die CSR-Abteilung hat zwölf Mitarbeiter in Bönen und neun in Bangladesch, die auch Indien, Pakistan, Kambodscha und Myanmar betreuen. Haben andere Textilhändler in Deutschland vergleichbar große Einheiten?

Ja, wenn sie einen vergleichbaren Umsatz haben, schon. 2013 haben 200 westliche Unternehmen nach dem Unglück in Rana Plaza gemeinsam mit den großen Dachgewerkschaften das Brandschutzabkommen Accord gegründet, um die Produktion in Bangladesch sicherer zu machen. In der Folge mussten alle Unterzeichner Mitarbeiter einstellen, die die neuen Standards auch kontrollieren. Kik ist außerdem Mitglied im deutschen Textilbündnis für Nachhaltigkeit, welches auch Sozialstandards, existenzsichernde Löhne, die Verwendung nachhaltiger Naturfasern, Umweltstandards, Chemikalien, Korruption, Lieferkettentransparenz umfasst. Unsere Aufgabe ist es, diese Dinge mit dem Einkauf abzugleichen, der das Augenmerk natürlich auf anderen Faktoren hat. Bei den kleineren Textilunternehmen betreut der Einkauf CSR mit. Man kann sich vorstellen, dass da Interessenskonflikte vorprogrammiert sind.



Können Sie Ihren Beitrag zum Erfolg von Kik beschreiben?

Wir entwickeln den Pool der Lieferanten kontinuierlich weiter und machen sie sicherer in puncto Brandschutz, Sozial- und Umweltstandards. Alle 500 Lieferanten durchlaufen jedes Jahr ein Audit, 300 bis 350 besuchen wir jedes Jahr vor Ort. Dadurch verstetigen sich die Prozesse. Mit 50 Prozent der Fabriken arbeiten wir schon länger als fünf Jahre zusammen. Das ist extrem wichtig für Lieferanten. Sie investieren erst, wenn sie langfristige Zusagen bekommen.

Kik wurde viel Schuld aufgeladen im Zuge der Fabrikunglücke in Pakistan und Bangladesch. Hat der Imageschaden auch konkreten wirtschaftlichen Schaden angerichtet?

Nein, die Umsätze brachen nicht ein, weil das Thema nicht im Fokus der europäischen Konsumenten steht, die bei Kik einkaufen. Sie setzen den Preis an erste Stelle. Weder Umwelt-Labels noch Nachhaltigkeit interessieren sie besonders. Außerdem: Kik war nie so stark, dass nur wir Veränderungen bei den Lieferanten in den Herkunftsländern hätten durchsetzen können. Unsere Motivation war, gemeinsam mit anderen Textilunternehmen die Produktionsbedingungen in Asien zu verbessern, dabei Expertise zu teilen und von den Besten zu lernen. Dabei sind wir auch in guten Kontakt mit NGOs und Gewerkschaften gekommen. Gemeinsam kann man etwas verändern, alleine nicht.

BESsere Arbeitsbedingungen in BangladesCh

Viele Textilanbieter ließen in Rana Plaza fertigen. Kik stand 2013 aber besonders unter Druck, weil nach dem Unglück für Kik gefertigte Ware in den Ruinen gefunden wurde. Ein Umdenken begann: 200 Unternehmen unterzeichneten ein internationales Abkommen zur Verbesserung des Brandschutzes und der Gebäudesicherheit in Bangladesch (Accord). Dem trat Kik genauso bei wie dem deutschen Bündnis für nachhaltige Textilien. Der Schulterschluss von Textilunternehmen, Verbänden und NGOs habe die Produktion viel sicherer gemacht, glaubt Kik-Manager Ansgar Lohmann. Auch Primark Deutschland-Chef Wolfgang Krogmann referierte erst kürzlich beim St. Galler Handelsforum über die neue Einkaufsethik der Textilbranche.
Das erste Accord-Bündnis lief Ende Mai aus. Die Sicherheit soll sich verbessert haben, die Bezahlung der Arbeiter nicht. Tritt Kik in der Fortsetzung für mehr Mitarbeiterrechte ein?

Ja, Vereinigungsfreiheit und betriebliche Bündnisse stehen im Fokus der Verlängerung von Accord. 85 Prozent der Sicherheitsmängel sind abgearbeitet. Bangladesch ist jetzt das sicherste südasiastische Produktionsland. Das ist eine Errungenschaft. Aber auch aus unserer Sicht ist das Lohnniveau gering. Eine zehnprozentige Gehaltssteigerung trägt Kik deshalb mit. Aber das ist Sache der Regierung, die im Dezember über eine Erhöhung der Mindestlöhne entscheiden will. An diese Adresse hat das deutsche Textilbündnis mit dem HDE appelliert.

Worauf sind Sie als CSR-Leiter stolz?

Wir kennen unsere Lieferanten und haben es als erstes deutsches Bekleidungsunternehmen geschafft, eine Auditorenhaftung durchzusetzen. Die Dienstleister, die für uns prüfen, ob etwa genug Feuerlöscher vorhanden sind, sollen im Ernstfall auch für die Richtigkeit haften. Dieses Konzept wollen wir in das Nachhaltigkeitsbündnis tragen. Was unsere Mitgliedschaft dort angeht: Zuerst mussten die Discount-Anbieter gegen Vorbehalte ankämpfen. Wir sind aber überzeugt, dass man günstig produzieren kann ohne Sicherheitsstandards zu verletzen. Wir haben die Herausforderung angenommen, dies den Mitbewerbern zu demonstrieren. Dabei konnten die anderen auch von uns profitieren.

Was gehört noch auf die To-do-Liste?

Den verbesserten Brandschutz nach Pakistan und weitere Länder zu tragen und das Umweltmanagement zu verbessern. Es geht um erhöhte Sensibilität gegenüber Plastik, Abfall, Chemikalien, Energie und Wasser. Angelaufen ist schon unsere freiwillige Meldung beim Auswärtigen Amt für den Nationalen Aktionsplan für Wirtschaft und Menschenrechte, in dem deutsche Unternehmen zeigen, dass sie UN-Standards für Nachhaltigkeit erfüllen. Wir fühlen uns da sicher, freuen uns auf den Erfahrungsaustausch und wollen gern eine Vorreiterrolle einnehmen.

Wäre es zu Beginn Ihrer Tätigkeit bei Kik denkbar gewesen, dass Sie bei einem Gesprächsforum "Entwicklung" dabei sind, das die Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ) gemeinsam mit den Medien initiiert?

Nein! Öffentliche Auftritte wurden früher von uns vermieden. Aber ich glaube, wir haben einiges anders gemacht und die richtigen Themen angepackt. Das wurde gewürdigt. Wir sind selbstbewusster geworden und haben in den letzten drei Jahren offener kommuniziert. Für Branchenkenner ist es ohnehin ein offenes Geheimnis, dass hochpreisige Markenhersteller genau die gleichen Fabriken nutzen wie günstige Anbieter. Die Herausforderungen betreffen also alle Anbieter, unabhängig davon, zu welchem Preis sie ihre Textilien verkaufen. Unser Ziel ist es nicht, Kik als Nummer eins in puncto Nachhaltigkeit zu positionieren, aber im Mittelfeld.

Welches sind die auf Deutschland gerichteten Themen der CSR-Abteilung?

Als erstes Bekleidungsunternehmen haben wir bereits 2015 die Plastiktaschen abgeschafft. Das wurde vom HDE wohlwollend aufgenommen, hier waren wir Zugpferd. Wir bilanzieren die CO2-Emissionen und sind Mitglied im Umwelt- und Energieausschuss des HDE.

Kik hat sich verbessert im Arbeitgeberranking des LZ-Schwesterblattes TextilWirtschaft. Wodurch?

In puncto soziale Verantwortung schneiden wir in dem Ranking besser ab als vergleichbare Anbieter. Wir greifen viele Vorschläge aus den Teams auf zum Energie und Ressourcen sparen. Nicht zuletzt ist Kik fünftgrößter deutscher Textilanbieter, wächst kontinuierlich und bietet daher sichere Arbeitsplätze und viele Aufstiegschancen.

Glauben Sie, dass der Imageschaden von damals heute noch bestimmte Bewerber von Kik fernhält?

Nein, von den Kollegen aus dem Personalbereich weiß ich, dass das nicht so ist. Wir haben im letzten Jahr 17 Prozent mehr Bewerbungen im Bereich Aus- und Fortbildung bekommen und konnten 18 Prozent mehr Azubis einstellen. Auch dank vieler Medienberichte über die Veränderungen in der Textilbranche hat das Thema in Vorstellungsgesprächen oder auf Jobmessen stark nachgelassen.

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