Dieter Schwarz Stiftung beschenkt TU München Bildungswunder in Heilbronn

von Redaktion LZ
Freitag, 02. März 2018
Vertragspartner: Der Präsident der TU München, Wolfgang A. Herrmann (v.l.), Peter Frankenberg, von der Gesellschafterversammlung der Dieter Schwarz Stiftung mit Geschäftsführer Reinhold R. Geilsdörfer, Oliver Lenzen, Hochschule Heilbronn, und Gunther Friedl, Dekan der Fakultät für Wirtschaftswissenschaften der TUM
Vertragspartner: Der Präsident der TU München, Wolfgang A. Herrmann (v.l.), Peter Frankenberg, von der Gesellschafterversammlung der Dieter Schwarz Stiftung mit Geschäftsführer Reinhold R. Geilsdörfer, Oliver Lenzen, Hochschule Heilbronn, und Gunther Friedl, Dekan der Fakultät für Wirtschaftswissenschaften der TUM
Jeder dritte Wirtschaftsprofessor der Technischen Universität München (TUM) wird bald von der Dieter Schwarz Stiftung finanziert. Ohne diese Spende hätte die renommierte Uni wohl keine Dependance in Heilbronn eröffnet und die Heimat des Lidl- und Kaufland-Gründers würde nicht Universitätsstadt. Was steckt hinter dem Bildungsgeschenk?

Wäre Dieter Schwarz nicht schon längst Ehrenbürger der Stadt Heilbronn, am 7. Februar 2018 wäre es so weit gewesen: An diesem Tag schenkte der öffentlichkeitsscheue Multimilliardär der 120 000-Einwohner-Stadt die Dependance einer der renommiertesten deutschen Universitäten. Der durch die fulminante Expansion von Lidl und Kaufland reich gewordene Unternehmer beglückt seine Heimstadt für viele Jahre mit mehr Studenten, die mittelständisch geprägte Region mit mehr Absolventen.

Was ist geschehen? Die Dieter Schwarz Stiftung und die TU München unterzeichneten an diesem Tag ein Vertragswerk über eine der umfangreichsten Stiftungen in der deutschen Hochschulgeschichte. Denn noch nie hat ein privater Spender die Zusage gegeben, 30 Jahre lang 20 Stiftungsprofessuren einschließlich Mitarbeitern, Gebäude, Ausstattungs-, Betriebsaufwand und sogar Pensionen zu finanzieren. Ohne dass Summen genannt werden: Es geht um einen dreistelligen Millionenbetrag.

Zur Einordnung: Dafür, dass die Privat-Universität WHU Otto Beisheim School of Management den Metro-Gründer im Namen trägt, sollen seinerzeit 50 Millionen D-Mark geflossen sein. Die Jacobs Foundation spendete 200 Millionen Euro, bevor die International University Bremen zur Jacobs University wurde. Metro unterstützt die WHU noch immer, hat sich gerade an der neu gegründeten Code University für IT engagiert und übernahm 2016 eine Stiftungsprofessur an der Hotelierfachschule in Lausanne. Aber meist geht es um gezielten Kontakt und Austausch. Niemand beteiligt sich bislang so stark an den laufenden Kosten einer Uni.

Dieter Schwarz Stiftung

Seit sich Dieter Schwarz 1999 aus dem operativen Geschäft zurückzog und die nach ihm benannte Stiftung gründete, gibt er Geld für Bildung aus. Die Stiftung finanziert sich aus Ausschüttungen der Unternehmen Lidl Stiftung GmbH & Co KG und Kaufland Stiftung GmbH & Co KG, beide Neckarsulm. Seit 2011 gehört der Bildungscampus mitten in Heilbronn zu den zentralen Projekten. Vision ist, dort von der frühkindlichen Erziehung bis zur beruflichen Weiterbildung das ganze Spektrum lebenslangen Lernens abzubilden.

Der Geldregen hat strukturelle Auswirkungen: Die Zahl der BWL-Professuren an der TU München schnellt von 36 auf 56 hoch, von denen 13 in Heilbronn angesiedelt sein sollen. Damit wird die TUM School of Management auf einen Schlag zur mit Abstand größten BWL-Fakultät Deutschlands und überholt bekanntere Standorte. Den Grund dafür kann TU-Sprecher Ulrich Marsch schnell erklären: "Wir bieten nicht die gleiche BWL an wie Mannheim oder Stuttgart. TUM-BWL kombiniert Management und Technologie."

Zweites Novum: Erstmals eröffnet eine deutsche Hochschule eine Dependance in einem anderen Bundesland. Kritiker fragen sich: Darf ein privater Spender so viel Einfluss nehmen auf die Hochschullandschaft? "Ja", heißt es bei der begünstigten TU München. Die eigene Technologieprägung passe nicht nur ideal zu den fixierten Themen Digitalisierung, Familienunternehmen und Entrepreneurship, sondern auch zum Standort Heilbronn. Hier gebe es ein hochattraktives Umfeld für Kooperationen mit dem Mittelstand, mit Hidden Champions des verarbeitenden Gewerbes, die oft im Familienbesitz seien und in puncto Nachfolge, Finanzierung, Digitalisierung besondere Herausforderungen zu meistern hätten. "Damit beschäftigen sich nur wenige Unis", sagt TU-Sprecher Ulrich Marsch. Auch die TU sei in München auf Großkonzerne fokussiert. "Mit dem neuen Campus Heilbronn schließen wir also eine Lücke im Portfolio, ohne dass es den bayerischen Steuerzahler etwas kostet", zeigt er sich begeistert, und freut sich über "Planungssicherheit für 30 Jahre".

Zu den Statuten der Dieter-Schwarz-Stiftung gehört, "nur dort tätig zu werden, wo Wirtschaft und Gesellschaft Anforderungen stellen, die staatliche Organe nicht oder nicht ausreichend erfüllen können". Für den Geschäftsführer der Stiftung, Reinhold R. Geilsdörfer, ist diese Bedingung erfüllt: "Wir wären in Heilbronn nicht erfolgreich gewesen, wenn wir das Land darum gebeten hätten, uns eine universitäre Einrichtung aufzubauen. Also sind wir als Stifter in die Bresche gesprungen, weil wir glauben, dass eine Universität eine große Bedeutung für die Region hat." Heilbronn bekomme neue Attraktivität für Studierende, die Hidden Champions bessere Chancen, ihren Bedarf an exzellenten Fachkräften zu decken.

Im ersten Schritt starten in Heilbronn zum Wintersemester 2018/19 zwei englischsprachige Studiengänge: Der weiterbildende Masterstudiengang "Management & Innovation" für Ingenieure und der Masterstudiengang "Management" für besonders qualifizierte Bachelorabsolventen aus den Ingenieur- und Naturwissenschaften. Zu Beginn werden es weniger als 100 Studenten sein, 1 000 sollen in sieben Jahren in Heilbronn an der TU München studieren können. Den technischen Part werden sie am TU-Standort Garching absolvieren. Damit der Ortswechsel kein Standortnachteil wird, baut die Stiftung bereits in Garching und Heilbronn Studentenwohnheime.

Das Vertragswerk wurde lange verhandelt. Seit August haben die Großkanzleien Noerr (für die Stiftung) und Clifford Chance (für die TU) um Finanzierungsdetails und Absprachen gerungen. Die Freiheit von Lehre und Wissenschaft will verteidigt werden, so willkommen neue Hörsäle und Lehrmittel gerade staatlichen Universitäten auch sein mögen . Bislang gehörte die TU München mit 16 Stiftungsprofessuren noch nicht einmal zu den Top Ten der begünstigten Hochschulen in Deutschland. "20 auf einen Streich" katapultieren sie an die Spitze, wo bislang maximal 25 Professoren auf das Konto von Unternehmen oder Stiftungen gingen.

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Der Campus wächst

Geballtes Wissen: Nach der Dualen Hochschule (DHBW), ihrer Master-Einheit (CAS), der Hochschule Heilbronn (HHN) und der privaten Graduate School (GGS) bezieht ab Herbst auch die TU München den Campus der Dieter Schwarz Stiftung. Außerdem sind dort eine pädagogische Akademie (aim) untergebracht, ein Science Center für jedermann (Experimenta) sowie die Dieter Schwarz Stiftung (DSS) und der Dienstleister für die Schwarz-Gruppe (SZD). Im Bau befinden sich derzeit ein Start-up-Center sowie eine neue Mensa und Bibliothek für alle.
Die TU wird die vierte Hochschule auf dem Campus sein: "Die Duale Hochschule Baden-Württemberg mit einem Campus Heilbronn würde es gar nicht geben, wenn die Dieter Schwarz Stiftung sich nicht eingebracht hätte und den Aufbau durch eine Co-Finanzierung unterstützt hätte", erklärt Reinhold R. Geilsdörfer. 2014 fand auch die Zentrale für duale Masterstudiengänge im Land hier "optimale Bedingungen" für eine Ansiedlung vor. "Die Hochschule Heilbronn gäbe es natürlich auch ohne uns, aber auch hier war die Vereinbarung mit dem Land, dass wir kostenfreie Flächen stellen, wenn das Land die Studierendenzahlen ausbaut", erklärt Geilsdörfer. Die private German Graduate School ist zu 100 Prozent von der Stiftung finanziert. Trotz subventionierten Teilnehmergebühren soll sie in der TUM aufgehen.

Gebaut wird derzeit jedoch nicht nur für die TUM, sondern auch die Umsiedlung weiterer 2 500 BWL-Studenten der Hochschule Heilbronn. Dort freut man sich mächtig über die Raumspende, denn die Kapazitäten für die rund 8 500 Studierenden sind knapp. Von der neuen Mensa, der neuen Bibliothek und dem Gründungscenter werden alle Studierenden und Lehrenden profitieren. Wenn 2020 die Bauarbeiten abgeschlossen sind, können rund 10 000 Studierende den Bildungscampus beleben. 3 800 sind es derzeit.

Eine boomende High-Tech-Region bekommt mehr Absolventen, Talente aus dem Ländle mehr Studienplätze und die TU München ein größeres Spielfeld: Für Ulrich Müller "gibt es nur Gewinner". Er ist für politische Analyse beim Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) zuständig. Es wurde von der Bertelsmann Stiftung mit dem Ziel gegründet, Ansehen und Autonomie der deutschen Universitäten zu stärken.

Das Risiko einer privaten Spende ist ihm bewusst. Es liege darin, dass öffentliche Hochschulen für Privatinteressen eingespannt werden. "Im konkreten Fall sehe ich diese Gefahr aber nicht", sagt Müller. "Die TU München hat schon 2011 einen "TUM Fundraising Code of Conduct" verabschiedet. Der hält fest, dass Geldgeber auf inhaltlichen Einfluss verzichten müssen." Grundsätzliche Einwände hat dagegen Andreas Keller von der Bildungsgewerkschaft GEW: "Eine Stiftung ist ein Steuersparmodell für Unternehmen", sagt er. "Der sauberere Weg wäre: Unternehmen wie Lidl bezahlen ganz normal Steuern. Dann kann der Staat mehr Geld in Forschung stecken."

Lesen Sie dazu das Interview mit Stiftungs-Geschäftsführer Reinhold R. Geilsdörfer in der LZ 09-18 Jetzt im E-Paper lesen

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