Digitalisierung Ein Onlineshop ist kein Hexenwerk

von Julia Wittenhagen
Freitag, 19. Februar 2021
Anaï s Causse: Eine der „Filles“ der Berliner Feinkosthandlung „Maître Philippe et filles“ war schon vor der Pandemie on- und offline unterwegs. Der Shop hat bundesweit für Zusatzumsätze gesorgt.
Hans Scherhaufer; Screenshot: LZ
Anaï s Causse: Eine der „Filles“ der Berliner Feinkosthandlung „Maître Philippe et filles“ war schon vor der Pandemie on- und offline unterwegs. Der Shop hat bundesweit für Zusatzumsätze gesorgt.
Digitalisierung
Ein Onlineshop ist kein Hexenwerk
:
:
Info
Abonnenten von LZ Digital können sich diesen Artikel automatisiert vorlesen lassen.
Viele Einzelhändler dürfen seit zwei Monaten ihre Türen nicht öffnen. Wer nun online verkauft, muss sich viel Wissen in kürzester Zeit aneignen. Digitale Fitness kostet Mut, Zeit und Geld. Doch es gibt Unterstützung.

Anais Causse, Mitbetreiberin des Feinkostladens Maître Philippe et Filles in Berlin-Wilmersdorf, wusste schon vor Corona, wie es geht. Wie man Online-Kunden für feine Ententerrine im Glas, bunte Fischkonserven oder edle Weine aus Frankreich und Portugal begeistert. Rezepte, Fotos und Stories zu Produkten, Erzeugern und der Familie Causse transportieren auf der Webseite und in Newslettern die Herkunft der hochpreisigen haltbaren Produktpalette. Käse- und Wurstspezialitäten bietet Maître Philippe ausschließlich im Geschäft an. "Mit dem Frischeversand gab es nur Ärger", sagt Causse.

Seit zehn Jahren sammelt die Händlerfamilie Erfahrungen im Onlinegeschäft, sie gehörte zu den ersten Nutzern der kanadischen Shop-Software Shopify in Deutschland. "Mein Vater ist extrem technikaffin und hat sehr früh am digitalen Auftritt gefeilt", erklärt Causse. Zum Glück, denn seit dem ersten Lockdown läuft der Online-Shop, "so gut, als hätte man einen Schalter umgelegt". Maître Philippe habe frankophile Neukunden aus ganz Deutschland gewonnen. Auch Stammkunden bestellen zur Kontaktvermeidung online, obwohl der Lebensmittelladen nie von Schließung betroffen war. Familie Causse wusste, an welchen Schrauben zu drehen war: "Wir haben Agenturen dafür bezahlt, dass wir bei Google unter den ersten Treffern für französische Feinkost gerankt werden", sagt die Händlerin. Auch gute Bewertungen trugen dazu bei, dass vor Weihnachten vier Mitarbeiter fürs Pakete packen eingestellt wurden. 2019 reichten zwei. 

Mehr dazu

Mut zum E-Commerce "Technische Barrieren im Kopf "

"In einen Onlineshop muss man genauso viel Herzblut stecken wie in seinen Laden", ist Anais Causse überzeugt. Das Zusammenspiel aus Fotos, Produktbeschreibungen, Storytelling, Verpackung bis hin zum Umgang mit Reklamationen erfordere viel Zeit. Die größte Herausforderung sind dabei für sie nicht technische, sondern rechtliche Fragen. "Um dem deutschen Lebensmittelrecht zu genügen, kleben wir beispielsweise nüchterne weiße Etiketten mit Angabe der Inhaltsstoffe auf die hübschen französischen Produkte." Abmahnungen können einem das Genick brechen. Daher nutzt sie die Rechtsberatung des Händlerbunds, der Anlaufstelle für rund 80 000 Shopinhaber ist.

Wen der Lockdown zum Onlineverkauf treibt, muss sich solches Erfahrungswissen in kürzester Zeit aneignen. "Unsere Erfa-Gruppen haben enormen Zulauf", berichtet etwa Clarissa Köhler vom Mittelstand 4.0-Kompetenzzentrum Handel. Der HDE führt die mit Bundesmitteln geförderte Mittelstandsinitiative, die ihr kostenloses Schulungsangebot in der Krise massiv ausgebaut hat. Fast täglich finden Webinare und Erfa-Gruppen statt zu Themen wie Aufbau des Online-Shops, Warenwirtschaft, Verkauf über Plattformen. Best-Practice-Geschichten werden gesammelt. Mit dem neuen "Digitalnavi" und "Fitness-Check für den Online-Shop" möchte das Kompetenzzentrum das komplexe Thema E-Commerce beherrschbar machen. Daneben bieten Großhändler und digitale Dienstleister von Google bis Tante-E viel Input. 

Digitalisierungshilfen

Im Zuge der Lockdowns gibt es viele Anlaufstellen für Unterstützung beim Online-Verkauf. Ein Auszug:

•Das Kompetenzzentrum Handel bietet viele Informationen, Tools und persönlichen Austausch
•Der BEVH listet eine Fülle von Händleriniativen, lokalen Plattformen und Notprogrammen der Software-Partner auf
•"Gemeinsam digital" gibt einen Überblick über Fördermittel speziell zur Digitalisierung

Elke Scherbaum tastet sich gerade auf Instagram und Facebook an den Online-Verkauf heran. Im ersten Lockdown präsentierte sie ausgewählte Schuhe und Kleidungsstücke aus ihrem Kölner Laden 39einhalb auf Veedel-Shopping, einer Plattform für die Kölner Südstadt. "Weil über unsere Gemeinschaftsinitiative auch im Fernsehen viel berichtet wurde, habe ich tatsächlich bundesweit ein paar Stücke verkauft." Dieser Effekt habe sich leider gelegt. Einen eigenen Online-Shop hätte sie gern zukünftig als Service, "für meine jungen Kundinnen". Allerdings fehle ihr das Knowhow dafür – und das Geld sowieso. 90 bis 95 Prozent der Umsätze sind weggebrochen. "Wenn ich online gehe, soll es gut laufen. Und dafür muss ich eine Agentur bezahlen." Das Timing könnte gut sein, denn in der Krise wurden diverse digitale Förderprogramme aufgelegt. Einen Überblick gibt das Mittelstandsportal "Gemeinsam digital".

Van Nord Store: Seit Dezember online
Screenshot: LZ
Van Nord Store: Seit Dezember online

Nicht unterschätzen sollte man die zeitliche Investition in einen Onlineshop: "Es dauert ewig, wenn man es gut machen will, obwohl wir ein durchdachtes Shopsystem nutzen", sagt Andrea Ennen. Seit Dezember zeigt sie in ihrem "Van Nord Store" online, was sie an Schmuck, Geschenken und Wohnaccessoires sonst Nähe Ku‘damm verkauft. Eine Freundin hat ihr die Produkte eingepflegt, sie kümmert sich um Fotos und Versand. Der Shop habe ihr bis Weihnachten etwas geholfen, mittlerweile wird aus ganz Deutschland bestellt. "Es hängt viel davon ab, wieviel Zeit man selbst in Newsletter, Instagram und Facebook steckt." Ohne Marketing laufe nichts. Auch die Kundenfragen zu beantworten, die Bürokratie, das Verpacken koste Zeit. "Und wie das gehen soll, wenn wir wieder aufhaben, muss ich mir gut überlegen."

Schlagworte zu diesem Artikel:

Sie haben Fragen oder Anmerkungen zu diesem Artikel?
Schicken Sie eine Email an die Redaktion.

Hier können Sie die Nutzungsrechte an diesem Artikel erwerben.

Meistgelesen

stats