Digitalisierungshelfer Türen auf für Netzwerkpartner

von Julia Wittenhagen
Freitag, 14. Dezember 2018
Foto: Shutterstock
Die Erweiterung der Unternehmenskompetenz und -kapazität durch Austausch mit intelligenten Partnern kann Wachstum extrem beschleunigen. Jürgen Morath von Accenture gibt Tipps zur Umsetzung.

Das schnelle, situationsabhängige Vernetzen mit anderen Unternehmen, Hochschulen, Organisationen, um mit Know-how von außen schneller und kreativer neue Lösungen zu entwickeln, gehört zu den beliebtesten Empfehlungen in Sachen Digitalisierung.

Der Nestlé-Workshop zum Thema Social Media ist so ein Beispiel für neue Wege bei der Partnersuche: Um den Mitarbeitern ungefilterte Einblicke zu geben, wie Jugendliche Instagram, Whatsapp und Co nutzen, lud Nestlé im September zum dritten Mal zwei Schulklassen nach Frankfurt ein. Die Schüler konnten kompetenter als jeder Medientrainer beantworten, wo sie Jobs suchen, wo Kochrezepte, welche Werbung nervt und welche Kanäle sie nur privat nutzen. Klingt simpel, setzt aber Offenheit und Demut voraus: Gestandene Mitarbeiter des weltweit größten Nahrungsmittelkonzerns gestehen sich ein, dass sie Input von Schülern gut gebrauchen können.

Noch ungewöhnlicher ist die Kooperation der ewigen Konkurrenten Aldi Süd und Lidl mit Starbuzz, einem Accelerator für E-Commerce und Logistik mit Sitz in Mülheim an der Ruhr. Beide Discounter haben Nachholbedarf in Sachen Online-Handel und treten hier als Mentoren am gleichen Ort in den Austausch mit jungen Gründern.

"75 Prozent der Unternehmen gehen davon aus, dass ihre Industrie in fünf Jahren nicht wiederzuerkennen ist," weiß Jürgen Morath, Managing Director bei Accenture. Insofern sei der Mut zu ungewöhnlichen Schritten nachvollziehbar, "um Entwicklungsstufen zu überspringen mit jemandem, der es besser kann."

Jürgen Morath: Weiß, wie Unternehmen Entwicklungsstufen überspringen, indem sie sich mit klugen Partnern zusammentun.
Accenture
Jürgen Morath: Weiß, wie Unternehmen Entwicklungsstufen überspringen, indem sie sich mit klugen Partnern zusammentun.

Genau das versprechen sogenannte Ökosysteme. Jeder zweite Unternehmenslenker ist auf der Suche nach solchen Turbo-Netzwerken für neue Geschäftsmodelle, aber erst wenige haben schon selbst damit Erfahrung gesammelt, zeigt eine neue Studie zu Ökosystemen von Accenture. "Deutsche Topmanager beschäftigen sich genauso viel wie ihre internationalen Kollegen mit dem Erfolgspotenzial und den Risiken, aber bei der Umsetzung sind sie noch hinten dran", beobachtet Jürgen Morath. Während sich in Großbritannien jedes fünfte Unternehmen als gut vernetzt betrachtet, ist es in Deutschland nur jedes zehnte. "In Deutschland ist man einfach sehr vorsichtig wenn es darum geht, Daten zu teilen, geistiges Eigentum." Daher sei eine Datenstrategie wichtig, die festlegt, was kritische, geheime Daten sind und welche Gegenleistung der Partner für Einblicke liefern muss.

Was ist ein Ökosystem?

•Ein Netzwerk von branchenübergreifenden Partnern, die gemeinsam neue Märkte und Lösungen entwickeln.
•Die Tiefe und Breite der potentiellen Zusammenarbeit ist variabel.
•Die Stärke eines Ökosystems besteht darin, dass niemand alle Teile der Lösung kennen und besitzen muss.
•Der Wert, den das Ökosystem schafft, ist größer als die Summe der Teile, die jeder Einzelne beitragen könnte.
•Wesentliche Erfolgsfaktoren sind: Strategie/Vision, Kultur, Talente, Partnerschafts-Architektur, Technologie, Innovationsstärke.
Quelle: Accenture

Als typisches Beispiel für den Mehrwert von Ökosystemen nennt Morath Amazon Fresh: "Amazon hatte keine Erfahrung als Lebensmittelhändler. Also hat man für Lieferanten und Händler eine professionelle Plattform geschaffen, die diese im Online-Handel nach vorne bringt und Amazon in der Warengruppe Food." Rewe to go in Aral-Tankstellen fällt ihm als zweites Beispiel ein. "Es zeigt, dass auch in der Old Economy viele Potenziale schlummern für fruchtbare Partnerschaften."

Ein Ökosystem sei nichts, was man eben schnell mal umsetzt. Vielmehr müssen der Vernetzung eine Kultur der Offenheit vorausgehen, die Erkenntnis, dass man sich gegenseitig braucht plus der Wille zum Teilen. "Ökosysteme sind Chefsache und niemals einfach", sagt Morath. Daher sei es Aufgabe der Topmanager, die Organisation zu begeistern und Hürden aus dem Weg zu räumen.

Große Unternehmen wie Otto, Metro oder Henkel sammeln längst Erfahrungen in den derzeit populärsten Ökosystemen: der Vernetzung mit Startups. "Eine Zeiterscheinung, die aufgrund gegensätzlicher Kulturen nicht immer von Erfolg gekrönt ist", weiß Morath. Vor allem dann, wenn eigentlich andere Ziele als die temporäre Kooperation verfolgt werden. Wenn der größere, finanzstärkere Partner versucht, über den Weg der Kooperation dem Start-up kreative Köpfe abzuwerben oder es ganz zu schlucken. "Ist die Umarmung zu fest, killt das den Start-up-Spirit junger Unternehmen", warnt der Berater.

Wesentlich mehr Pioniergeist erfordern Partnerschaften auf Augenhöhe wie bei Rewe to go und Aral. Das Potenzial für Ökosysteme in der Lebensmittelindustrie ist gut, aber sie sind wenig verbreitet, zeigt die Studie. Starthilfe können natürlich Beratungen geben, was die Analyse der Wertschöpfungsketten potenzieller Partner und die Strukturierung des Prozesses angeht. "Die Vision, wo es hingehen soll, muss aber aus dem Unternehmen kommen. Sie lässt sich nicht outsourcen", ist Morath überzeugt.

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