E 24/7 in Renningen Blau-gelb digital

von Mathias Himberg
Donnerstag, 25. Februar 2021
Auf der insgesamt 60 qm großen Storefläche stehen für den Kunden zwei Bestell- und Bezahlterminals zur Verfügung.
Jörg Eberl
Auf der insgesamt 60 qm großen Storefläche stehen für den Kunden zwei Bestell- und Bezahlterminals zur Verfügung.
E 24/7 in Renningen
Blau-gelb digital
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Edeka Südwest testet in der schwäbischen Kleinstadt Renningen eine weitgehend unbemannte, automatisierte Kleinfläche. Das Modell könnte Dampf in den Convenience-Markt bringen.



Edeka springt auf den Zug auf. Jetzt haben auch die blau-gelben Genossen ihren ersten unbemannten Convenience-Markt, einen automatisierten Tiny Store, der rund um die Uhr geöffnet ist. Der Laden hört auf den technisch klingenden Namen E24/7, steht am Bahnhof der schwäbischen Kleinstadt Renningen und ist in Zusammenarbeit mit der Kauffrau Gisela Karow-Schäfer und der Bahn entstanden. Er fügt sich ein in eine Reihe ähnlicher Formate: Amazon Go in Seattle, Avec Box in Zürich, Combi 24/7 in Oldenburg und Teo in Fulda. Und doch könnte er eine ungewöhnliche Zugkraft entwickeln.

"Wir sehen den Trend hin zur Digitalisierung", begründet Jürgen Mäder den Test. Der Vertriebsgeschäftsführer der Edeka-Regionalgesellschaft Südwest ist überzeugt davon, dass sich das Kundenverhalten dauerhaft verändert – nicht nur wegen Corona. "Der Wunsch, alles 24 Stunden am Tag zur Verfügung zu haben, und das spontan, nimmt in der Gesellschaft zu." Diese Trends bediene Edeka mit E 24/7. "Außerdem erreichen wir so vielleicht auch Kunden, die am liebsten nur im Internet kaufen."

Das Format funktioniert vergleichsweise einfach. Der Kunde gelangt durch eine automatische Glasschiebetür in den 60 Quadratmeter kleinen Markt und kann an einem von zwei Bildschirmen die gewünschten Produkte aus einem Sortiment von 300 Produkten anklicken. Wie in einem Webshop landen diese im virtuellen Warenkorb. Wenn der Kunde auf "Bezahlen" tippt, kann er das mit EC- oder Kreditkarte erledigen. Alternativ kann er die Produkte auch über eine App auswählen und bezahlen.

Im rückwärtigen, für den Kunden unsichtbaren Bereich, stellt ein Roboter die Waren zusammen und legt sie auf ein Tablett. An der Ausgabestelle hebt sich ein Bildschirm, der Kunde entnimmt die Ware und verlässt den Verkaufsraum.

Fast unbemannt

All das funktioniert ohne Personal. Die Ausnahme zu dieser Regel bildet eine angeschlossene Bäckerei, an der zwei Mitarbeiterinnen die Kunden täglich von 6 bis 13 Uhr bedienen, sonntags von 8 bis 11 Uhr. Wenn die Theke schließt, wird der Raum abgetrennt. Dann können die Kunden die Backwaren aus einem kleinen Backshop entnehmen.

Wie schnell und breit das Format ausgerollt werden soll, darüber macht Südwest-Chef Mäder noch keine Angaben. "Viele Dinge sind noch offen, das ist ein Stück weit Forschung und Entwicklung", sagt er. Klar sei aber auch: "Wir wollen das Format möglichst schnell skalierbar machen." Wie aus dem Unternehmensumfeld zu hören ist, soll nach etwa einem halben Jahr Bilanz gezogen werden.

Deutlicher wird Tobias Boppré, bei der Bahn zuständig für die kommerzielle Nutzung der Bahnhöfe im Südwesten. "Wenn es gut läuft, würden wir das schon gerne ausrollen", sagt er. "Wir haben bundesweit 5400 Bahnhöfe." Die Bahn betreibt zwar schon das eigene Format "Service Store", aber das ist ein kleiner bemannter Convenience-Store. "Ein digitaler Supermarkt, der rund um die Uhr geöffnet ist, bietet da einen ganz anderen Ansatz", so Boppré.

Standortfakten

Adresse: Am Alten Bahnhof 2, 71272 Renningen
Eröffnung: 23. Februar 2021
Investitionen: rund 1 Mio. Euro
Vk-Fläche: 60 qm
Artikel: 300 (Ziel 500)
Mitarbeiter: 2 (in der Bäckerei)
Kassen: 3
Umsatzziel: 500.000 Euro
Parkplätze: 60 (am Bhf)
ÖZ: täglich 24 Stunden
ÖZ Bäckerei: Mo-Sa 6-13 Uhr, So 8-11 Uhr
Ladenbau: Edeka, Aha

Edeka Südwest sieht sogar noch weitere Optionen. "Gemeinsame Standorte mit der Bahn sind ein Modell, aber auch Märkte mit hoher Frequenz in Innenstädten, im ländlichen Raum oder bei Firmen", sagt Mäder. "Da sind wir flexibel und haben schon ein paar Ideen." Auch andere Edeka-Regionen seien an dem Thema interessiert. "Terminals, an denen der Kunde zusätzliche Ware bestellen und sich ausgeben lassen kann, sind auch in klassischen Lebensmittelmärkten einsetzbar."

Wichtig ist Mäder dabei, alles in den Dienst der Kaufleute und der stationären Läden zu stellen. "Wir stellen uns der Digitalisierung und suchen immer nach Dingen, die gut zu uns passen", sagt der Vertriebsmann. "Wir nutzen dabei aber immer unsere vorhandenen Strukturen, gemeinsam mit den Kaufleuten, denn unser Kerngeschäft ist und bleibt der stationäre Handel."

Selbstständige Betreiberin

In diesem Fall mussten Mäder und sein Geschäftsbereichsleiter für Ladenplanung und Design, Eberhard Wisbauer, nicht lange nach einer selbstständigen Betreiberin suchen. Nur 300 Meter entfernt führt Kauffrau Gisela Karow-Schäfer zusammen mit ihrer Tochter Marion Sommer und deren Mann Adrian einen modernen 3000 Quadratmeter großen Edeka-Markt – und einen weiteren im nahen Magstadt. Der Ladendesigner Wisbauer sprach sie an, die Edekanerin sagte spontan zu. "Das ist ein interessantes Projekt, bei dem wir alle viel lernen", sagt sie.

Die Kosten sind für Karow-Schäfer überschaubar. Die halbe Million Euro, die der feste Bau in Container-Optik gekostet hat, trägt die Bahn. Eine weitere knappe Million Euro für Technik und Innenausbau teilt sich die Kauffrau mit Edeka Südwest. Eine halbe Million Euro soll der Markt jährlich umsetzen. "Mit einer Kauffrau, die vor Ort auf die Bedürfnisse der Kunden eingeht, bringen wir unsere DNA an den Standort und unterscheiden uns von anonymen Filialkonzepten", freut sich Mäder.

Der vierte Partner im Bunde ist das Stuttgarter Startup Smark, dessen 20 Mitarbeiter schon ganz ähnliche Systeme mit Händlern umgesetzt haben. Bekannt sind Typy in Düsseldorf und Pick me 24/7 des Schweizer Händlers Migros, außerdem das Format Emmas Enkel, das Real mittlerweile eingestellt hat. "Die Zusammenarbeit mit Smark ist nicht exklusiv", sagt Mäder. "Wir wollen aber noch klären, wie eng wir uns aneinander binden."

Technologiekosten im Blick

Die Smark-Gründer Max Ittermann und Philipp Hoening sind indessen laut eigener Aussage auch mit anderen großen Lebensmittelhändlern im Gespräch. Und mit Maschinenbauern, die im Falle von Großaufträgen die Montage übernehmen könnten. Die Technik kostet pro Markt 150.000 bis 200.000 Euro und ist damit deutlich billiger als die von Amazon Go, die laut Tegut-Chef Thomas Gutberlet mehrere hunderttausend Euro kostet. Bei Skalierung könnte das Smark-System noch günstiger werden.

Herzstück der Technik ist das kleine Hochregallager, durch dessen zwei, jeweils neun Meter lange Gänge ein Roboter fährt, der die gewählte Ware mit einem Greifarm packt und auf ein schwenkbares Tablett legt. Auch das Scannen und Einsortieren der Ware in 360 Regalböden übernimmt der Roboter, sobald Mitarbeiter die Artikel auf ein Förderband gelegt haben. In Renningen gibt es zwei dieser kleinen Lager, eins davon gekühlt. An einer Lösung für die Tiefkühlung tüfteln die Gründer noch.

Das Sortiment im E 24/7 hat Edeka ebenso auf die täglich 12.000 Pendler am Bahnhof ausgerichtet wie auf die rund 18.000 Einwohner. So finden sich unter den 300 Artikeln 25 Getränke sowie 30 süße und salzige Snacks zum Sofortverzehr – aber auch Lebensmittel für zu Hause wie H-Milch, Mehl und Dosenwurst. Bei der Auswahl haben die Macher auf Wertschöpfung geachtet: Fast alle Artikel stammen von Marken, es gibt viele Bioprodukte. Zudem liegt das Preisniveau laut Kauffrau Karow-Schäfer zwei bis drei Prozent über ihrem Edeka-Markt.

Wenig Frische im Angebot

Kritik im Detail nimmt die Kauffrau gelassen an, denn das Sortiment ist ja erst im Werden und soll noch auf 500 Artikel anwachsen. So hapert es derzeit noch am Obst und Gemüse: Es gibt erst einen Artikel, nämlich Ananas-Stückchen in der Plastikschale. Weitere Artikel sollen folgen, müssen aber technisch bedingt verpackt sein. Auch bei Fleisch und Wurst sind die bislang drei Artikel zu wenig, bei den Getränken fehlen Wein und Spirituosen.

"Auch an den Kategorien werden wir noch arbeiten", verspricht Karow-Schäfer. Das ergibt Sinn, denn bislang sind die Warengruppen zu technisch und kaum vom Kunden her gedacht. So findet sich Eiskaffee unter "Kühlprodukten" statt unter Getränken. Die Kategorie Nahrungsmittel umfasst so diverse Artikel wie Brotaufstrich, Gewürze und Fruchtriegel. Sinnvoller für den Kunden wären anlassbezogene Kategorien wie Frühstück, Snacks und Abendessen.

Das Design hingegen ist auf der Höhe der Zeit, modern und sachlich in Anthrazit und Weiß mit edlen Akzenten in Holz. Mit einem Stehtisch – zum Sofortverzehr außerhalb von Corona-Zeiten – schafft es sogar einen kleinen Ort der Begegnung, die nach Ansicht Mäders wichtig bleiben, Corona hin oder her. "Die Kunden könnten sich mittlerweile auch rein online versorgen", sagt der Geschäftsführer. "Aber die Sehnsucht, hinauszugehen und andere Menschen zu treffen, wird nie verlorengehen."

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