EHI-Studie Die Kunst der Personalgewinnung

von Julia Wittenhagen
Freitag, 15. November 2019
Recruiting4Retail : Vanessa Tuncer (l.) und Ulrike Witt vom EHI haben erhoben, wie Händler ihre Bewerber ansprechen
Frank Rümmele/EHI
Recruiting4Retail : Vanessa Tuncer (l.) und Ulrike Witt vom EHI haben erhoben, wie Händler ihre Bewerber ansprechen
88 Prozent der Händler finden es schwierig, Fachkräfte für die Filiale zu finden, zeigt die Recruiting-Studie des neuen Forschungsbereichs Personal beim EHI. Anlass genug, in Köln mit Händlern und Dienstleistern zu diskutieren, wie digitale Lösungen und künstliche Intelligenz den Weg vom Unternehmen zum Bewerber abkürzen können.

Wenn der Handel schon Imageprobleme als Arbeitgeber hat, müssen zumindest die Recruiting-Prozesse tiptop sein. Bewerber sollten sich mobil und mit wenigen Clicks auf ein Jobangebot melden können. Dies ist eins der Ergebnisse der Studie, die Ulrike Witt und Vanessa Tuncer vom neuen Forschungsbereich Personal des EHI beim Thementag "Recruiting4Retail" präsentierten.

Ihre Interviews mit Vertretern von 30 großen Handelsunternehmen haben ein recht düsteres Bild ergeben. Dass die Top 50 Händler rund 50 000 Mitarbeiter suchen, war als Vorabergebnis bereits veröffentlicht worden. Vor allem auf der Fläche empfinden Händler die Personalgewinnung als schwierig bis sehr schwierig. Die Menge der Bewerber reicht nicht aus, ihre Qualifikation sinkt, die Ansprüche steigen. "70 Prozent der Bewerber hätte man sich früher gar nicht angeschaut", zitierte Witt einen der Interviewten.

Über alle Positionen hinweg erhalten Handels-Recruiter im Schnitt 19 Bewerbungen pro Vakanz. Was bereits an Recruitingtechnologien und -kanälen genutzt wird, reicht also nicht. "Wenn uns 75 Prozent der Befragten sagen, sie hätten suchmaschinenoptimierte Karriere-Webseiten, heißt das im Umkehrschluss, dass 25 Prozent das nicht haben", sagte Ulrike Witt kritisch.

Ihre Kollegin Vanessa Tuncer berichtete von der Analyse der Karriereseiten der Top 50 Händler, die man nebenbei auch vorgenommen habe. "Auf 88 Prozent der Seiten wird noch ein Anschreiben gefordert, 34 Prozent nennen keinen konkreten Ansprechpartner. Dies finden wir ein bisschen schade, da junge Leute es gern persönlich haben", sagte sie.

LZ

"Viele Jahre lang war die Mechanik: Stelle veröffentlichen, Traffic draufgeben, Bewerber einsammeln. Heute ist Personalgewinnung vom Handwerk zur Kunst geworden", skizzierte Rudi Bauer, Chief Evangelist bei Stepstone, die Lage. Er eröffnete den Reigen der Dienstleister, die als Experten für verschiedene Anwendungen kamen.

Künstliche Intelligenz könne nicht unbedingt dabei helfen, mehr und bessere Kandidaten zu finden, aber sie helfe, Prozesse zu beschleunigen. Dies werde immer wichtiger. "Denn gute Kandidaten sind heute nur zwei bis drei Tage auf dem Markt", weiß Bauer von Stepstone. Chatbots für die Bewerberkommunikation oder Stellenanzeigenoptimierung könnten das Tempo erhöhen. Vorsicht sei aber geboten, wenn KI-Tools wie Sprachanalyse 62 Prozent der Bewerber abschrecken. "Stellen Sie sich drei Fragen: Würden Sie sich bei sich selbst bewerben, geht es noch einfacher und ist das die Art, die sich Bewerber wünschen?", schloss er seinen Vortrag.

Wie E-Recruiting, Matching-Tools, Bewerbermanagementsoftware, Videobewerbung und Mitarbeiterempfehlungsprogramme im Handel helfen können, wurde mit den zugehörigen Anbietern im Anschluss heiß diskutiert. Denn wo teilweise noch handgeschriebene Papierbewerbungen beim Händler ankommen, ist der Weg zu E-Recruiting und Videobewerbung weit.

Sie haben Fragen oder Anmerkungen zu diesem Artikel?
Schicken Sie eine Email an die Redaktion.

Hier können Sie die Nutzungsrechte an diesem Artikel erwerben.

Meistgelesen

stats