Edeka Habig nutzt INQA-Audit Attraktivität auf dem Prüfstand

von Silke Biester
Freitag, 23. März 2018
Fokus auf die Mitarbeiter: Mit Beteiligung der Beschäftigten wurden 20 konkrete Maßnahmen zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen entwickelt und umgesetzt.
Fokus auf die Mitarbeiter: Mit Beteiligung der Beschäftigten wurden 20 konkrete Maßnahmen zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen entwickelt und umgesetzt.
Das Audit "Zukunftsfähige Unternehmenskultur" nimmt Arbeitsbedingungen und Personalstrategien unter die Lupe. Das Verfahren soll nun verstärkt ausgerollt werden. Zielgruppe sind mittelständische Unternehmen. Edeka Habig hat es ausprobiert.

Der Wettbewerb um gutes Fachpersonal ist hart. Das merken auch die selbstständigen Edekaner Elke und Manfred Habig: Im Main-Kinzig-Kreis, wo sie gerade von drei auf vier Filialen expandieren, ist die Arbeitslosigkeit gering und die Abwanderung ins Rhein-Main-Gebiet hoch. Zudem steht der Einzelhandel nicht gerade im Fokus qualifizierter Schulabgänger. "Attraktive Arbeitsbedingungen sind heute ein Schlüssel für Innovationskraft und Wettbewerbsfähigkeit", betont Malte Borges von der Demografieagentur für die Wirtschaft. Kleine Betriebe müssen als Arbeitgeber mit großen mithalten.

Deshalb zögerten die Kaufleute Habig auch nicht, als Simone Back bei ihnen für das Audit "Zukunftsfähige Unternehmenskultur" warb. Sie ist Prozessbegleiterin dieses Angebots der Initiative Neue Qualität der Arbeit (INQA), das vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales gefördert und von der Demografieagentur umgesetzt wird.

Das Audit besteht aus zwei Phasen. Im Einstiegsprozess wird eine quer durch Abteilungen und Hierarchien besetzte Projektgruppe gebildet und vom Prozessbegleiter eingewiesen. Dann werden Geschäftsführung und Mitarbeiter ausführlich und anonym befragt: von dem Auszubildenden bis zum Manager. Der Prozessbegleiter wertet die Befragungen mit dem INQA-Software-Tool aus und stellt die Ergebnisse in der Projektgruppe vor.

"Das Audit ‚Zukunftsfähige Unternehmenskultur‘ ist nichts für Feiglinge", meint Elke Habig, denn es stellt die Mitarbeiter in den Vordergrund. Die Geschäftsführung muss sich ihrem Urteil stellen – und das erfordert Mut. Auch die Maßnahmen werden gemeinsam festgelegt, das kostet Geld, Ressourcen und Zeit. Edeka Habig unterzog sich diesem Prozess, um die Motivation und die Mitarbeiterbindung zu erhöhen und das Arbeitgeberimage nach innen und außen zu verbessern.

Team: Manfred Habig (l.) mit Mitarbeiter.
Team: Manfred Habig (l.) mit Mitarbeiter.

Borges erklärt den Ablauf: In einem Entwicklungs-Workshop werden passgenaue Maßnahmen erarbeitet und ein Entwicklungsplan erstellt: Wo ist Handlungsbedarf? Welche Maßnahmen sind zielführend? Auch die Verantwortlichen für Einzelmaßnahmen werden festgelegt. Die Demografieagentur und das Kuratorium, an dem die Bertelsmann Stiftung, das Demografie Netzwerk und das Institut Great Place to Work mitwirken, begutachten den Plan. Erst dann wird die Einstiegsurkunde öffentlichkeitswirksam erteilt. "Dann dürfen die Betriebe mit dem Logo signalisieren ‚wir sind auf dem Weg, wir arbeiten zukunftsfähig‘", sagt Borges. Im Entwicklungsprozess werden die definierten Maßnahmen umgesetzt. Diese begleitete Phase darf bis zu zwei Jahre dauern. Erst nach erneuter Prüfung wird die Auszeichnung verliehen. Die Kosten sind nach Mitarbeiterzahl gesataffelt, das Honorar für die Berater wird von der Demografieagentur übernommen.

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Unternehmenskultur prüfen und verbessern

•Das Audit "Zukunftsfähige Unternehmenskultur" setzt auf ganzheitliche Personalpolitik.
•Es fokussiert die Themen Führung, Chancengleichheit, Gesundheit sowie Wissen & Kompetenz.
•Rund 40 Millionen Euro wurden in die Entwicklung des Tools investiert.
•Zielgruppe sind Mittelständler mit 10 bis 2 000 Mitarbeitern.

•Nach der Pilot- und Testphase mit rund 100 erfolgreichen Audits wird das Verfahren nun ausgerollt.
•Dafür hat die projektverantwortliche Demografieagentur aktuell bundesweit Audit-Berater als Prozessbegleiter qualifiziert.
•Im Rahmen der Initiative Neue Qualität der Arbeit (INQA) wird es vom Bundesministerium unterstützt.

Für Edeka Habig sei das Audit ideal gewesen, um verbindliche Maßnahmen zu strukturieren, zu bündeln und sichtbar zu machen. Die Projektgruppe, bestehend aus Geschäftsführung und Beschäftigten aus allen Filialen und Abteilungen sowie auch Auszubildenden, beschloss insgesamt 20 Maßnahmen.

"Es sind die besseren Betriebe, die sich auditieren lassen", stellt die Prozessbegleiterin Back fest. Das Audit führte bei Edeka Habig alle bisherigen Anstrengungen zusammen, legte Schwachstellen offen und verbesserte sie. Hierbei setzte es auf bewusste und nachhaltige Veränderung der Unternehmenskultur. Zu den wichtigsten Maßnahmen gehört ein verbindliches Jahresmitarbeitergespräch mit persönlichem Feedback zu Leistungen und Entwicklungsmöglichkeiten für alle Beschäftigten. Dafür wurden die Führungskräfte eigens geschult. Die Arbeitsabläufe wurden transparenter gemacht, die Zuständigkeiten und Verantwortlichkeiten klarer gefasst, die Information und Beteiligung aller Beschäftigten verbessert. Es gibt eine familienfreundlichere Dienst- und Wochenendplanung mit hoher Verbindlichkeit. Unterstützt, vom RKW Hessen, wurde ein neues Arbeitszeitmodell eingeführt. Zudem werden Langzeitabwesende in die Weiterbildungsangebote und bei Unternehmensfeiern eingebunden. Ebenfalls erleichtert wird der Einstieg neuer Beschäftigter.

Neben Aspekten wie Wohlbefinden, Betriebsklima und Arbeitsanforderungen geht es besonders um Weiterbildungspflichten und -chancen. Dafür gibt es heute klare Strukturen: Die Mitarbeiter wissen, welche betrieblichen Seminare sie belegen müssen. Ein Handbuch erklärt die Spielregeln. Das Edeka-eigene Wissensportal hilft, sich eigenständig weiterzubilden. Für individuelle berufliche Qualifizierungen werden jedem Lernwilligen pro Arbeitstag sechs Stunden gutgeschrieben.

Aktive Gesundheitsförderung sichert die Leistungsfähigkeit der Mitarbeiter, stärkt die Identifikation mit dem Unternehmen, senkt die Krankheitskosten und wertet das Image des Unternehmens auf. So gibt es einen Gruppenvertrag mit dem lokalen Reha-Sportzentrum. Die Kosten übernimmt das Unternehmen, wenn sich die Teilnehmer regelmäßig mindestens vier Mal im Monat fit halten.

Im September 2016 erhielt das Projektteam von der damaligen Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles in Berlin die Abschlussurkunde persönlich überreicht. "Das Audit hat uns und unseren Mitarbeitern gezeigt, was wir bereits erreicht haben. Die Abschlussurkunde ist ein positives Zeichen für den Erfolg unseres Teams", freut sich Elke Habig, die zugleich hofft, dass dies überzeugende Wirkung auf potenzielle Bewerber hat. Für Simone Back war der schönste Nebeneffekt, dass die Mitglieder der Projektgruppe zusammengewachsen sind und heute auf Augenhöhe mit der Geschäftsführung diskutieren. "Ein hervorragender Entwicklungsprozess."

Die Kaufleute Habig wollen die Attraktivität als Arbeitgeber weiter steigern und haben eine Ausbildungskooperation mit anderen Betrieben geschlossen. Ziel ist die Aufwertung der Ausbildung und der Austausch verschiedener Branchen. Zudem wollen sie sich mit einer Reauditierung erneut auf den Prüfstand stellen und weitere Veränderungen angehen.

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