Fachkräftemangel Personalsuche bei Vollbeschäftigung

von Silke Biester
Freitag, 01. Juni 2018
Einblicke: Mitarbeiter berichten, worauf sie besonders stolz sind.
Fotos: Frischpack
Einblicke: Mitarbeiter berichten, worauf sie besonders stolz sind.
Am südlichen Rand der Republick ist Vollbeschäftigung Realität. Das mittelständische Unternehmen Frischpack hat erkannt, dass die Personalsuche zum begrenzenden Faktor im Wettbewerb werden kann und sich als Arbeitgeber neu positioniert.

Am Arbeitsmarkt löst ein Rekord den nächsten ab. "Vollbeschäftigung ist mittelfristig denkbar", erklärte Enzo Weber im März anlässlich der Veröffentlichung des Arbeitsmarktbarometers des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Der Leiter des Forschungsbereichs Prognosen und wirtschaftliche Analysen beim IAB spricht von einem Rekordangebot an offenen Stellen. Entlassungen nehmen ab.

In Süddeutschland zwischen Rosenheim und München ist Vollbeschäftigung längst Alltag, die Arbeitslosenquote bei unter drei Prozent angekommen. Im dortigen Mailling bei Schönau ist die Heimat von Frischpack, einem B2B-Dienstleister für die Lebensmittelbranche, der zwar bei seinen direkten Kunden und Lieferanten bekannt ist, aber nicht zwingend bei der Bevölkerung. Als Arbeitgeber steht das Unternehmen lokal im Wettbewerb mit Brachen weit ab des eigenen Absatzmarktes und wurde bis vor kurzem nur wenig wahrgenommen.

Realisierend, dass der Fachkräftemangel zum Geschäftsrisiko avanciert, hat man sich entschlossen, gegenzusteuern. Schließlich sind Mittelständler mit bis zu 1  000 Beschäftigten besonders betroffen von dem Engpass. Michael Schultze, Mitglied der Geschäftsleitung, hat ein Employer-Branding-Konzept angestoßen, das eng verzahnt mit einem neuen Unternehmensauftritt umgesetzt wurde. Frischpack präsentiert sich heute als "Käseappetitmacher". Auf der neuen Karriereseite berichten Mitarbeiter von "packenden Momenten". Sie erklären ihre Aufgaben, Herausforderungen und wie man gefordert und gefördert wird. Es ist von Abwechslung, Verantwortung, Zusammenhalt und Anpacken die Rede. Damit potenziellen Kandidaten tatsächlich authentische Einblicke ins Unternehmen gegeben werden, hat die umsetzende Kommunikationsagentur zuvor im Unternehmen hospitiert und mehrere Tage lang Stallgeruch aufgenommen. Sie hat mit den Beschäftigten jeder Abteilung gesprochen und sich erklären lassen, wie der Arbeitsalltag aussieht.

Michael Schultze: projektverantwortlich
Michael Schultze: projektverantwortlich

"Wenn unsere Mitarbeiter von ihrer Arbeit erzählen, dann versteht man schnell, worauf sie besonders stolz sind", berichtet Schultze. Dazu gehöre beispielsweise, dass das Ergebnis der eigenen Arbeit in nahezu allen Supermärkten zu finden sei. So identifizierten die Mitarbeiter den im eigenen Hause verpackten Käse – ob als Marke oder Handelsmarke – an der aufgedruckten Prüfnummer BY 13136. Aus seiner Sicht wirke die Arbeitgeber-Initiative nicht nur nach außen, sondern auch nach innen, denn sie fördere die Kommunikation. Von den guten Impulsen angeregt, wurde vor rund einem Jahr ein regelmäßiger direkter Dialog zwischen den Bereichen und der Geschäftsleitung eingeführt, bei dem auch kritische Punkte angesprochen werden können.

Schultze erläutert eine Herausforderung, welche die Personalsuche zusätzlich erschwert: Da die Produktionsprozesse und Technologien infolge der Professionalisierung und Digitalisierung immer komplexer werden, seien ungelernte Kräfte kaum mehr einsetzbar. Deshalb werde einerseits die gezielte Ansprache von Fachkräften intensiviert, andererseits investiere das Unternehmen in die Weiterentwicklung der bereits vorhandenen Beschäftigten, um sie für neue Aufgaben zu rüsten. Schultze sieht sich im Wettbewerb um gute Leute nun deutlich besser aufgestellt. Dass der neue Auftritt wahrgenommen wird, erkenne er nicht nur an der Bewerberzahl, die Kandidaten seien zudem besser über das Unternehmen informiert. Im Vorstellungsgespräch müsse man nicht mehr erklären, was Frischpack macht.

Derweil schreitet die Entwicklung rasant voran: Der DIHK-Arbeitsmarktreport 2018 belegt, dass 48 Prozent der Unternehmen Schwierigkeiten haben, offene Stellen zu besetzen. Ein Jahr zuvor waren es noch 37 Prozent. Und der IAB-Forscher Weber hatte im Februar diesen Jahres noch vorsichtig formuliert: "Bis zur Vollbeschäftigung ist es noch weit." Ende März hatte er seine Meinung bereits geändert.

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