Fachkräftesicherung "Der Test ist richtig schwer"

von Redaktion LZ
Freitag, 08. Juni 2018
Testentwickler: Berufsschullehrer für Verkäufer, Andreas Deutsch.
Bertelsmann Stiftung
Testentwickler: Berufsschullehrer für Verkäufer, Andreas Deutsch.
Alexander Deutsch verantwortet den Bildungsgang Einzelhandel als Bereichsleiter der Berufsschule am Städtischen Berufskolleg für Wirtschaft und Verwaltung in Leverkusen. Als Fachexperte war er wesentlich an der Entwicklung des Myskills-Tests im Beruf Verkäufer beteiligt.

Herr Deutsch, was bringt der Myskills-Test dem Handel?

Wenn dieses neue Instrument richtig genutzt wird, kann es wesentlich dazu beitragen, dem akuten Fachkräftemangel entgegen zu wirken. Gerade im Handel ist der Mangel an fähigem Verkaufspersonal, das auf der Fläche arbeitet und Serviceleistungen am Kunden erbringt, zu einem echten Problem geworden. Nicht nur, dass sich nicht genug Auszubildende und Bewerber mit Abschluss finden. Der Handel leidet auch unter dem Trend zur akademischen Ausbildung. Viele Unternehmen können ihre Auszubildenden nach dem Abschluss nicht halten. Für sie ist das nur eine Zwischenstation.

Der Test verbessert die Situation?

Der Handel hat über Myskills die Chance, aus der großen Zahl von bisher unbeachteten Bewerbern, fähige Mitarbeiter zu filtern und zu loyalem und qualifiziertem Personal heranzubilden. Viele haben zwar jede Menge Berufserfahrung, aber kein formales oder in Deutschland anerkanntes Zeugnis. Es gibt zum Beispiel sehr viele Geflüchtete, die fünf oder mehr Jahre Berufserfahrung im Handel haben und den Wunsch und Willen, sich hier beruflich etwas aufzubauen. Gerade die Arbeit im Handel kann für diese Menschen eine echte Chance sein. Und Arbeitgeber sollten nicht vergessen, dass es sich bei vielen Herkunftsländern, in denen heute Krieg herrscht, um ehemals entwickelte Länder mit Handels- und Dienstleistungsstrukturen handelt, die unseren sehr ähnlich sind. Da liegt echtes Potential.



Welche Informationen liefert Myskills einem Arbeitgeber im Handel konkret?

Mit dem Test lassen sich Menschen mit beruflichem Potenzial leicht identifizieren. Denn der Test bildet die beruflichen Kompetenzen der Menschen in verschiedenen Handlungsfeldern ab: Das Kassieren, das Bedienen, Beraten und Verkaufen am Kunden, die Durchführung verkaufsfördernder Maßnahmen, die Durchführung warenwirtschaftlicher Prozesse und die Arbeit im Kundenservice. In enger Zusammenarbeit mit Vertretern der Kammern, Ausbildern, Fachexperten aus dem Handel, Unternehmensinhabern und Wissenschaftlern haben wir bei der Testentwicklung dafür gesorgt, dass die Fragen die reale Berufspraxis nach deutschen Standards betreffen. Gleichzeitig orientieren sich die Fragen und Anforderungen des Tests an den aktuellen Berufsbildungsplänen – und zwar nach dem deutschen und europäischen Qualitätsrahmen auf Level 3.

Der Händler weiß also, wo eine Person praktisch einsetzbar ist?

Ja, das Testergebnis ist ein sehr präziser und verlässlicher Indikator dafür, welche direkt nutzbaren Handlungskompetenzen jemand bereits hat. Und gleichzeitig legt er offen, in welchen Bereichen noch gezielte Nachschulungen notwendig sind, um diesen Menschen Zug um Zug zur voll einsatzfähigen Fachkraft zu qualifizieren.



Wie können Arbeitgeber die Testergebnisse interpretieren?

Der Test ist richtig schwer. In den Testläufen mit einer Referenzgruppe von Auszubildenden haben noch nicht mal die Einserkandidaten vier Punkte geschafft. Auch für einen Profi mit Berufserfahrung sind vier Punkte in einem Handlungsfeld schwer zu erreichen. Deshalb sollten sich Arbeitgeber auch Menschen mit geringerer Punktzahl genau anschauen.

Welche Punktzahl ist wozu brauchbar?

Jemanden, der mit einem Punkt in verschiedenen Handlungsfeldern kommt, kann man gut zur Probe arbeiten lassen oder ein Praktikum anbieten. Bei zwei Punkten kann man ihn bedenkenlos in den jeweiligen Bereichen einsetzen – außer vielleicht im Bereich Kasse. Jemanden mit drei Punkten kann man eigentlich sofort einstellen. Mit Zugriff auf alle Bereiche, auch dem Kassieren oder der Bearbeitung von Reklamationen. So jemand ist voll fähig und muss höchstens eine Woche eingearbeitet werden. Und bei 4 Punkten steht jemand vor einem, dem man tatsächlich eine Karriere in eine leitende Funktion ermöglichen sollte.

Welche Empfehlung haben Sie für Arbeitgeber?

Meine Empfehlung lautet, dass Arbeitgeber im Handel nicht nur nach voll ausgebildeten Bewerbern suchen sollten. Sondern auch nach solchen, die aufgrund ihrer Berufserfahrung eine gute Basis mitbringen. Genau diese Fähigkeiten macht der Test sichtbar. Und was noch nicht beherrscht wird, kann gezielt nachgeschult werden. Entweder intern oder im Zusammenspiel mit der Arbeitsagentur. Bis zur vollen Qualifikation. Da gibt es vielfältige Möglichkeiten. Myskills ist ein neuer Weg, um mittelfristig an qualifiziertes Fachpersonal zu kommen und es auch zu halten.

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