Fachkräftesicherung Potenzial erkennen und ausbauen

von Silke Biester
Freitag, 08. Juni 2018
Fachkräfteentwicklung: Aus dem Irak kommend hat Alaa Kasto eine Ausbildung bei Edeka gemacht.
Edeka/Axel Griesch
Fachkräfteentwicklung: Aus dem Irak kommend hat Alaa Kasto eine Ausbildung bei Edeka gemacht.
Damit Arbeitgeber Kompetenzen von Bewerbern ohne Berufsabschluss erkennen können, hat die Bertelsmann Stiftung im Auftrag der Bundesagentur für Arbeit den Test "Myskills" entwickelt. Der Verkäufer ist einer der ersten Berufe, auf den das Instrument abzielt, das nun bundesweit ausgerollt wird.

Einerseits werden Fachkräfte gesucht, andererseits suchen Menschen, die zwar Kompetenzen mitbringen, aber keinen formalen, in Deutschland anerkannten, Abschluss vorweisen können, nach Arbeit. Dazu gehören Geflüchtete und Asylbewerber ebenso wie weitere Menschen mit Migrationshintergrund oder auch Schul- und Studienabbrecher sowie Langzeitarbeitslose. Für Arbeitgeber ist es bisher ausgesprochen schwierig, einzuschätzen, welche Fähigkeiten solche Bewerber tatsächlich mitbringen. Das soll mit dem Test "Myskills" ab sofort einfacher werden. Er soll sichtbar machen, was jemand beispielsweise in mehrjähriger Praxis gelernt hat, wenn dies aus den Bewerbungsunterlagen nicht hervor geht oder die Situation im Heimatland für hiesige Unternehmen schwer nachzuvollziehen ist.

Angeboten wird der rund vier Stunden dauernde Test in speziellen Räumen in Jobcentern und Arbeitsagenturen am Computer. Die Teilnahme ist freiwillig, muss allerdings dort vor Ort durchgeführt werden, damit sichergestellt ist, dass der Prüfling keine fremde Hilfe bekommen hat. Ziel ist es, mehr Menschen die Teilnahme am Arbeitsmarkt zu ermöglichen. Aktuell ist der Test für acht Berufe einsatzfähig. Dazu zählen im Bereich der Nahrungsmittelwirtschaft Verkäufer, Koch und Landwirt. Mittelfristig sollen Kompetenzen für 30 Berufe geprüft werden können.

Die Aufgaben wurden von Experten der jeweiligen Berufe sowie Wissenschaftlern entwickelt und von Arbeitgebern, Prüfern, Ausbildern, Berufsschullehrern und vielen Praktikern begleitet. "Der Test ist sehr praxisbezogen", lobt der Einzelhändler Martin Heinrichs. "Er ist für Arbeitgeber, die einschätzen wollen, ob jemand einen Bezug zum Verkäuferberuf hat, ausgesprochen nützlich." Der Inhaber dreier Fachgeschäfte für Bürobedarf war Mitglied der Expertenrunde bei der Testentwicklung und engagiert sich seit Jahren im IHK Prüfungsausschuss. Als Arbeitgeber spürt er den Mangel fertig ausgebildeter Fachkräfte deutlich. Deshalb ist er froh, die praktischen Fähigkeiten jobinteressierter Bewerber künftig dank Myskills besser einschätzen zu können. Grundsätzlich sei er sehr offen für Kandidaten ohne passenden Berufsabschluss und auch bereit, die weitere Qualifizierung zu unterstützen, sofern sie einen Bezug zum Verkauf haben und Grundkenntnisse mitbringen.

Grundsätzlich stehen berufliche Alltagssituationen im Fokus. Für Verkäufer zielen die Fragen auf das Handlungswissen in den fünf Bereichen Kassieren, verkaufsfördernde Maßnahmen durchführen, warenwirtschaftliche Prozesse durchführen, im Kundenservice arbeiten sowie Bedienen, Beraten und Verkaufen. Eine Frage an der Kasse könnte lauten: In der Schlange stehen ein siebenjähriges Kind, ein 16-jähriger Jugendlicher und ein Erwachsener – welche der folgenden Produkte dürfen Sie an welchen Kunden verkaufen? Zur Auswahl stehen etwa Zigaretten, Wein und Energy-Drinks.

Um sprachliche Schwierigkeiten bei der Beantwortung zu entkräften, wird viel mit Bildern und auch mit Videos gearbeitet. Zudem stehen die Tests in diversen Sprachen zur Verfügung, zu denen neben Deutsch, Englisch, Russisch und Türkisch auch Arabisch und Farsi gehören. Den Entwicklern ging es darum, berufliche Fertigkeiten unabhängig vom Sprachniveau zu erkennen.

Als Abschluss erhalten die Teilnehmer eine schriftliche Ergebnisübersicht, in der das berufliche Handlungswissen in verschiedenen Feldern des Ausbildungsberufs zusammenfassend dargestellt ist. Das Papier soll bei der Stellensuche helfen, die Bewerbung ergänzen und dem Arbeitgeber als Information über die praktische Tätigkeitserfahrung dienen. Es verdeutlicht, welche Aufgaben ein potenzieller neuer Mitarbeiter kennt und im Unternehmen auch eigenständig übernehmen kann und wo Weiterbildung angeraten ist.

Sie haben Fragen oder Anmerkungen zu diesem Artikel?
Schicken Sie eine Email an die Redaktion.

Hier können Sie die Nutzungsrechte an diesem Artikel erwerben.

Meistgelesen

stats