Fachkräftewettbewerb Familienfokus fürs Arbeitgeberimage

von Silke Biester
Freitag, 21. Dezember 2018
Junge Mütter binden: Familienfreundliche Führungskräfte vertrauen auf die Fähigkeit zur Selbstorganisation.
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Junge Mütter binden: Familienfreundliche Führungskräfte vertrauen auf die Fähigkeit zur Selbstorganisation.
Familienbewusste Unternehmen liegen im Fachkräftewettbewerb vorn. Die eigene Kultur bewusst zu steuern, fördert die Zukunftsfähigkeit.

Die gute Nachricht: "Viele Unternehmen sind in den vergangenen Jahren deutlich familienfreundlicher geworden", ist Kirsten Frohnert vom Unternehmensnetzwerk "Erfolgsfaktor Familie" überzeugt. Als einen Grund dafür sieht sie den Fachkräftemangel. Klartext: Arbeitgeber müssen was tun, um Mitarbeiter für sich zu begeistern. Wenn die Arbeitsbedingungen nur schwer mit dem Familienleben zu vereinbaren sind, suchen sich qualifizierte Beschäftigte einen anderen Job, bei dem das einfacher ist. Der Arbeitsmarkt gibt das her. "Familienfreundlichkeit ist heute eine wirtschaftliche Notwendigkeit", bringt es Thomas Reichert, Vizepräsident der IHK Frankfurt, jüngst als Gastgeber des Kongresses "Attraktiv, agil, anders – Vereinbarkeit geht nur gemeinsam" auf den Punkt.

Die weniger gute Nachricht: Die Einschätzung der Betriebe, was sie in Sachen "Vereinbarkeit von Familie und Beruf" tun, und die Empfindung der Beschäftigten dazu, gehen deutlich auseinander. So hat eine Studie von Roland Berger zusammen mit der GfK ergeben, dass sich zwar 44 Prozent der Arbeitgeber als "sehr familienfreundlich" beschreiben würden, aber nur 24 Prozent der Beschäftigten dies bestätigen. Nur 9 Prozent der Betriebe würden sich als "nicht familienfreundlich" einstufen, dagegen aber 19 Prozent der Mitarbeiter.

Überprüft man die tatsächlichen unterstützenden Angebote und deren Bekanntheit, geht die Schere ebenfalls weit auseinander. Beispielsweise werden flexible Arbeitszeiten in 87 Prozent der Betriebe angeboten, sind aber nur bei 61 Prozent der befragten Angestellten bekannt. Home-Office ist bei gut der Hälfte möglich, dies ist aber nur jedem Fünften Beschäftigten bewusst. Ähnlich ist die Diskrepanz bei Themen wie Jobsharing, Teilzeit, Kinderbetreuungsangeboten oder Pflegeunterstützung von Angehörigen durch die Betriebe.

Für Prof. Sonja A. Sackmann, Institut zur Entwicklung zukunftsfähiger Organisationen der Universität der Bundeswehr in München, ist es erfolgsentscheidend, dass Unternehmen nicht nur einzelne Maßnahmen entwickeln, sondern sich grundsätzlich mit ihrer Kultur befassen. Um eine familienfreundliche Kultur zu schaffen, müsse man sich als erstes den Status Quo bewusst machen. Schließlich habe sich die bestehende Kultur über viele Jahre entwickelt und lasse sich nicht auf die Schnelle umkrempeln. Insbesondere in der Kommunikation sei es wichtig, ehrlich zu sein: "Wenn eine Diskrepanz zwischen der nach außen getragenen Marke als Arbeitgeber und den tatsächlichen Gepflogenheiten im Unternehmen besteht, schlägt sich das sehr negativ im Image nieder", stellt sie klar.

Große Konzerne seien sich längst über die Auswirkungen der Unternehmenskultur auf den wirtschaftlichen Erfolg, die Mitarbeiterzufriedenheit, Innovationsfähigkeit und letztendlich die Zukunftsfähigkeit bewusst. Allerdings werde die konsequente Auseinandersetzung mit dem Thema in kleinen und mittleren Unternehmen tendenziell vernachlässigt. Es sei jedoch an der Zeit, sich klar zu werden, "dass die Kultur immer Auswirkungen hat – mal positive, mal negative". Die Richtung könne nur durch einen bewussten Umgang beeinflusst werden. Unternehmen, die eine familienbewusste Kultur anstreben, rät die Organisations-Expertin, die Mitarbeiter mit ins Boot zu holen, um gezielt Angebote zu schaffen, die den Bedürfnissen der Beschäftigten entsprechen.

Darüber hinaus sollten die Möglichkeiten nicht nur einmalig sondern immer wieder bekannt gemacht werden. Sehr wichtig ist es ihrer Ansicht nach zudem, familienbewusste Führungskräfte zu beschäftigen, die auch persönlich Verständnis für die private Situation der einzelnen Personen im Team haben. Verbindliche Regeln, die aber individuell angepasst werden können, würden sich in der Praxis bewähren. Auch die Gesamtheit der Mitarbeiter sei in einer familienfreundlichen Kultur gefordert, denn gegenseitige Rücksichtnahme und Unterstützung sei von allen Seiten notwendig.

Selbstorganisation sei dabei der Schlüssel zum Erfolg, was sich sowohl auf einzelne Mitarbeiter als auch auf ganze Teams bezieht. Das setze eigenständige Entscheidungen voraus: "Das muss man können, dürfen und wollen", sagt Sackmann. Insbesondere Führungskräfte seien zum Umdenken aufgefordert. "Sie müssen loslassen lernen." Letztendlich zeige sich Familienfreundlichkeit an vielen Punkten: Können Mitarbeiter ihr Kind auch mal mit zur Arbeit bringen? Werden Meetings verschoben, damit Eltern dabei sein und trotzdem die Kinder rechtzeitig aus der Kita holen können? Zählt die Anwesenheit oder die Leistung? Und ist somit auch flexibles, mobiles Arbeiten ohne Vertrauensverlust möglich? "Das gelebte Verhalten ist relevanter als geschriebene Regeln, die den Alltag nicht prägen", fasst Sackmann zusammen. Und Frohnert ergänzt: "Was bei den Mitarbeitern zuhause los ist, geht auch die Arbeitgeber etwas an."

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