Fortschritts-Mythen Digitaler Dilettantismus

von Redaktion LZ
Freitag, 07. Februar 2020
„Mit Anlauf gegen die Wand“: Sascha Friesike entlarvt weit verbreitete Digitalisierungs-Mythen.
Fotos: Thomas Fedra
„Mit Anlauf gegen die Wand“: Sascha Friesike entlarvt weit verbreitete Digitalisierungs-Mythen.
Technologie verändert die Welt – aber nicht unbedingt so, wie es prognostiziert wird. Deshalb rät Prof. Sascha Friesike, die Menschen, ihre Bedürfnisse und ihren Umgang mit der Digitalisierung stärker in den Fokus zu rücken, um blindem Aktionismus im Unternehmen vorzubeugen.

"Wenn man eine Technologie nimmt und in eine Gruppe Menschen wirft, dann passiert nicht das, was sich die Leute überlegt hatten, die diese Technologie entwickelt haben", stellt Sascha Friesike fest. "Stattdessen passiert irgendetwas anderes." Mit diesem anderen beschäftigt sich der Professor für Design digitaler Innovationen an der Universität der Künste Berlin. Dort wird erforscht, was die Digitalisierung tatsächlich für die Gesellschaft bedeutet und welche Rolle das Digitale spielt, wenn Neues entsteht. "Vielfach glauben die Menschen, dass eine Technologie an sich beinhaltet, welche Veränderung sie herbei führen wird", erläutert er. Das sei aber keineswegs der Fall. Sie starte lediglich einen gesellschaftlichen Prozess, in dessen Verlauf sich alles Mögliche ergeben könnte.

Technologien, wie etwa das Handy, haben die sozialen Normen verändert: So werde heute sogar akzeptiert, wenn Ärzte im OP ihre Nachrichten checken, weil es normal geworden ist, überall "on" zu sein. Andererseits kommt es vor, dass das Potenzial technologischer Innovationen in der Realität regelrecht verpufft: Er verweist auf die Erwartung, dass künstliche Intelligenz bald zu selbstfahrenden Autos führt. In der aktuellen Diskussion sei in Vergessenheit geraten, dass selbstfahrende Fahrzeuge seit Jahrzehnten technisch möglich sind: bei der Bahn. Doch die Gesellschaft hat die Möglichkeiten bisher nicht angenommen, obwohl fahrerlose Schienenfahrzeuge weniger Risiko bergen als selbstfahrende Autos. Die Technologie wird nur auf einer einzigen Strecke in Deutschland eingesetzt: in Nürnberg.

Unabhängig davon, wo der Wandel hinführt, treibt der technologische Fortschritt das Gefühl, die Welt sei furchtbar hektisch geworden. In Unternehmen heißt es, Innovationszyklen würden immer schneller.

"Und alle glauben: Gewinnen wird, wer sich am schnellsten verändert", beobachtet Friesike. Dabei gebe es dafür keine wissenschaftlichen Belege. "Tatsächlich ist es so, dass die Leute gewinnen, die etwas am besten hinkriegen", korrigiert er. Es gebe zahlreiche Studien, die zeigen, dass es überhaupt keinen First-Mover-Advantage gibt, wenn man etwas nicht richtig umsetzt. "Trotzdem denken alle, sie müssten total schnell sein – und haben keine Zeit, mal richtig nachzudenken", plädiert er dafür, bewusst das Tempo zu drosseln.

Als erster zu Handeln sei letztendlich nicht die Lösung, sondern das eigentliche Problem.

So gebe es derzeit keine brauchbaren Vorhersagen dafür, wie schnell sich Veränderungen infolge der Digitalisierung ergeben. Zwar hätten die Menschen in der Wissensgesellschaft einen besseren Zugang zu Information. Doch sie sind überfrachtet und überfordert. "Es gibt immer weniger Menschen, die einen Gesamtzusammenhang verstehen", sagt er. "Die Masse an Details erschwert den Überblick. Und es dauert immer länger, bis sich jemand in einem Thema wirklich auskennt."

Viele Organisationen hätten das im Grunde erkannt und setzten auf lebenslanges Lernen. Das ungebremste Wachstum von Videolernplattformen werde den Anforderungen nicht gerecht: "Lernen ist eine soziale Tätigkeit", betont der Professor. "Es funktioniert über Wiederholung. Doch Video ist für Wiederholungen ein ganz furchtbares Medium. Und es taugt auch nicht zum Nachschlagen." Video ist aus Friesikes Sicht ein weiterer Beleg dafür, dass wir gerne überschätzen, was Technologien leisten und zugleich den sozialen Zusammenhang ignorieren.

"Es geht oft schneller, eine vermeintliche Lösung auf ein Problem zu werfen, statt sich wirklich damit auseinanderzusetzen, welches Problem gelöst werden muss." Diese Erkenntnis bestätige auch der Alltag an der Uni. Dort unterteile er ein Semester für eine digitale Aufgabenstellung gezielt in drei Drittel: Im ersten Drittel, geht er mit seinen Studenten raus und beobachtet Menschen. Sie sollen Gespräche führen, um zu identifizieren, "wo der Schuh drückt". Das tatsächliche Problem, dass man adressiert, soll herausgearbeitet werden. In zweiten Drittel wird geguckt, welche Technologien es gibt, "die man auf das Problem werfen könnte". Und im dritten Drittel wird so lange daran gearbeitet, bis "der Deckel auf den Topf passt", also bis das Problem mithilfe moderner Technologie gelöst ist.

"Meine Studierenden hassen das erste Drittel", beschreibt er das Dilemma, das sich auf andere Bereiche übertragen lässt. Sich mit Problemen auseinanderzusetzen, etwas wirklich bis in die Tiefe zu verstehen und zu durchdenken, sei nicht das, was sie machen wollen. Wenn sie eine Problemdomäne an die Hand bekommen, dann hätten sie am nächsten Tag eine fertige Idee "irgendwas mit Blockchain oder KI", die sie sofort umsetzen wollen. "Und wenn ich frage, welches Problem sie genau lösen wollen, heißt es: Das wird sich schon zeigen, es ist ein agiler Prozess!" Doch so funktioniere es nie, betont er. Dahinter stecke der Glaube, dass Technologien an sich Lösungen sind. "Und je weniger wir Technologien verstehen, umso mehr interpretieren wir menschliche Fähigkeiten in sie hinein. Ich nenne das digitalen Dilettantismus: Man versteht gar nicht so genau, wie etwas funktioniert, stülpt es irgendwo drüber und wundert sich, dass das Ergebnis nicht so berauschend ist."

„Es geht schneller, eine Technologie auf ein vermeintliches Problem zu werfen, statt sich wirklich damit auseinanderzusetzen, welches Problem gelöst werden muss“
Prof. Sascha Friesike

"Wer hat denn den Umgang mit dem ‚Werkzeug Digitalisierung‘ gelernt?", fragt er und entlarvt: "Wir investieren in die Digitalisierung, weil es gerade Mode ist. Für alles Weitere hat keiner Zeit." Die Tatsache, dass es insbesondere bei komplexen Werkzeugen sehr lange dauern kann, bis man sie beherrscht, werde einfach ignoriert. "Niemand würde sagen, ‚klar kann ich mal eben einen Schrank bauen‘ bloß weil er das nötige Werkzeug besitzt", vergleicht er die Herangehensweise. Aktuell werde allzu oft vernachlässigt, dass viele Innovationen entstanden sind, weil Menschen die Zeit und Ruhe hatten, etwas auszuarbeiten. "Das passiert heute nicht mehr, weil Ruhe als der Erzfeind der Digitalisierung verstanden wird."

Ein gutes Beispiel für tolle technologische Lösungen – die aber niemand braucht – hat Friesike in der Versicherungsbranche beobachtet: Vor einiger Zeit haben verschiedene KfZ-Versicherer eine App für den Schadensfall entwickelt. Sie haben viel Geld in die Hand genommen, "weil andere es auch gemacht haben." Die Lösung passte jedoch nicht zum Problem: Wenn Menschen einen Autounfall haben – was statistisch gesehen ein bis zweimal im Leben passiert – möchte niemand im App-Store nach der richtigen Anwendung suchen. In dieser Ausnahmesituation rufen sie den Schadenservice an, um mit einem Menschen zu sprechen.

Parallel zur Digitalisierung wird in vielen Unternehmen mehr Transparenz gefordert. Doch dabei werde missverstanden, das auch Transparenz keine Lösung an sich sein kann, sondern bestenfalls Mittel zum Zweck. Zudem glaubten viele, dass mit mehr Transparenz beispielsweise Informationen sichtbarer gemacht würden. "Das stimmt aber nicht." In der Realität verbessere Transparenz die Sichtbarkeit nur bis zu einem bestimmten Punkt. Dann verschlechtert es sich wieder. Beispielsweise "verstecken" soziale Medien die Information darüber, was mit den persönlichen Daten der Nutzer passiert, gerade durch transparente, extrem detailreiche AGBs: "Kein Mensch kann diese endlosen Texte lesen." Transparenz selbst wird als "Wert" missverstanden, anstatt im Detail zu klären, wie man den Menschen den Zugang zu Informationen vereinfacht und besser visualisiert.

"Hilfreich wäre es, die Leute an die Hand zu nehmen, um die Überforderung in der digitalisierten Welt zu minimieren." Doch mit derlei anstrengender Detailarbeit steigt nicht unbedingt das Ansehen im Unternehmen. Viele Manager redeten lieber über "Moonshots", um sich einen visionären Anstrich zu geben: "In Unternehmen wird gerne darüber gesprochen, wo man denn 2035 stehen will, welche ganz großen Ziele man anstrebt", beobachtet der Digitalexperte. "Die aktuellen Probleme schaut man sich dagegen eher ungern an." Er vergleicht das mit dem Ausspruch von der CSU-Politikerin Dorothee Bär, die lieber auf das Flugtaxi in 2050 verweist, als über den langsamen Breitbandausbau zu sprechen, der die Digitalisierung in Deutschland bremst.

In den Organisationen, in denen Digitalisierung funktioniert, werde sie nicht als Vision verstanden, sondern eher als "Zinseszinsspiel". Dort gehe es um eine kontinuierliche, sachliche Diskussion, die dazu führt, dass man sich langsam verbessert. Die Zahl an Möglichkeiten nehme mit der Digitalisierung zu. Musterlösungen gebe es dagegen keine.

"Organisationen, die die Transformation hinkriegen, schaffen einen individuellen Umgang mit ihren individuellen Herausforderungen." Am erfolgreichsten seien diejenigen, die sich auf wenige Werkzeuge konzentrieren, mit denen sie aber ausgesprochen gut umgehen können. "Das ist kein Wettlauf, sondern eine Verhandlung, ein ständiger Prozess", stellt Friesike klar. "Aber das ist nicht so cool wie ein Flugtaxi."

Zwar sei bekannt, dass Investitionen in die Fähigkeiten von Mitarbeitern sich mehr auszahlen als Investitionen in Technologien. Doch im Zuge der Digitalisierung machen viele Unternehmen das Gegenteil. Es werden reichlich Technologien angeschafft, "weil das gerade alle tun". Und im Nachhinein stellt sich raus, dass man keine Mitarbeiter hat, die damit umgehen können. "Und dann nimmt man dieses Ding, das die Zukunft des Unternehmens sichern sollte, und fährt es mit Anlauf gegen die Wand." Silke Biester/lz 06-20

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