Generationswechsel im Handel CEO-Profile im Umbruch

von Redaktion LZ
Dienstag, 10. November 2020
Der europäische Lebensmittelhandel braucht eine neue Generation von Top-Managern. Der Wandel ist bereits in vollem Gange. Die Führung des Lebensmittelhandels wird digitaler, weiblicher, internationaler, kundennäher und  agiler werden.
Generationswechsel im Handel
CEO-Profile im Umbruch
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Wer sich Personen und Lebensläufe der Chefs der größten europäischen Lebensmittelhändler anschaut, dem fällt auf: Die CEOs sind im Schnitt vergleichsweise alt, viele der ersten Männer - Frauen gibt es so gut wie nicht - sind Gründer und Selfmademen, besondere akademische Weihen standen bei ihren Karrieren oft nicht auf der Prioritätenliste. Es handelt sich häufig um Machertypen, die sehr viel von ihrem Handwerk verstehen. In der Vergangenheit war das gut so, um große Handelsketten, die lange nur national operierten, aufzubauen.

Inzwischen erleben wir jedoch eine Zeitenwende. Bei der Suche nach dem richtigen CEO für die oberste Liga des europäischen Lebensmittelhandels kommen zunehmend Spitzenmanager zum Zuge, deren Lebensläufe komplexer sind. Bei den beiden größten französischen Playern Carrefour und Auchan stehen beispielsweise seit kurzem mit Alexandre Bompard und Edgard Bonte zwei Manager an der Spitze, die unter 50 Jahre alt sind, von außen geholt wurden und bereits anerkanntermaßen Spitzenkarrieren absolviert hatten. Beide wurden an französischen Kaderschmieden ausgebildet.

In Deutschland, ein anderes Beispiel, übernahmen Matthias Bruch und Christoph Werner von ihren Vätern die Leitung von Globus und dm. Betriebswirt Bruch, erst 37, hat sich seine Sporen in der Konsumgüterindustrie und auch im Ausland verdient, der 47jährige Werner erwarb einen MBA in Pittsburgh und war mit GlaxoSmithKline und L´Oreal für zwei internationale Weltkonzerne tätig. Auch erwähnt sei, dass Aldi-Süd mit Matthew Barnes in diesem Jahr erstmals einen Nicht-Deutschen an die Spitze des Koordinationsrates berief. Barnes hatte erfolgreich das Aldi-Geschäft in Großbritannien ausgebaut.

Es sind neue Herausforderungen und damit verbunden moderne Anforderungsprofile, die die Besetzungen der CEO- und Vorstandspositionen in den kommenden Jahren prägen werden. Konkret sind es mehrere Megatrends, auf die der Lebensmittelhandel mit der Wahl des Spitzenpersonals reagieren muss, um wettbewerbsfähig zu bleiben.

Digitalisierung verändert Bedürfnisse

An vorderer Stelle steht dabei die Digitalisierung. Der Online-Handel erfasst auch diese Branche mit Wucht. Die Unternehmen brauchen neue Angebote und müssen dafür massiv in IT investieren. Neben dem Aufbau neuer Wege, wie die Lebensmittel zum Verbraucher kommen, ist es eine vermutlich noch größere Aufgabe, die Prozesse und Lieferketten zu digitalisieren, die Warennachverfolgbarkeit zu optimieren und dabei jene Margen zu generieren, die im intensiven Wettbewerb immer brüchiger werden.

Eine außerordentliche IT-Kompetenz hinter den Kulissen, aber auch im Kontakt mit den Kunden, die zunehmend auf einer Website ihre Lebensmittel kaufen werden, ist ein Schlüsselfaktor. IT ist der Innovationstreiber. Top-Management und Vorstandsvorsitzender müssen natürlich keine Digital Natives sein, um die Digitalisierung zu steuern, sie brauchen aber eine gewisse Affinität für diese neue Welt. Firmen, deren CEOs nicht selbst im digitalen Steinzeitalter leben, werden auch nicht jene neuen Truppen an IT-Spezialisten anziehen, die den Job der Digitalisierung bewerkstelligen müssen.

Neue Verbraucherwünsche

Online auch Lebensmittel einzukaufen, ist ein Konsumententrend. Verbraucher sind in ihrem Kaufverhalten inzwischen wesentlich differenzierter als noch in den Jahrzehnten, als Manager von Lidl, Tesco, Migros & Co. ihren Siegeszug angetreten haben. Es geht inzwischen nicht mehr nur darum, auf immer mehr Fläche den Verbrauchern standardisierte und möglichst günstige Produktportfolios anzubieten, sondern auch neue Nahrungstrends abzubilden. Vegan, vegetarisch, Lebensmittel aus ökologischem Landbau, das sind nur einige Stichworte. Entsprechend muss das Top-Management offen für neue Entwicklungen sein und versierter im Marketing als früher. Themen wie Kundenloyalität - Lidl hat kürzlich erstmals eine „Smarter Shopper“ Card herausgebraucht - müssen genauso angegangen werden wie neue Kommunikationsformate. Wie für die Digitalisierung gilt: Nur wenn diese Kompetenzen im Vorstand und dem CEO abgebildet sind, wird der Lebensmittelhändler in diesen Feldern punkten.  

Nachhaltigkeit zählt

Ein ganz wichtiger Aspekt in diesem Zusammenhang ist Nachhaltigkeit. Sustainability wird unser Denken und Handeln über die kommenden Jahre noch stärker prägen, als dies heute schon der Fall ist. Verbraucher erwarten, dass Unternehmen auf ihre CO2-Bilanz achten. Das gilt sowohl für die internen Prozesse und im Lebensmittelhandel ganz besonders für die Produkte. Verpackung spielt hier sicherlich eine spezifische Rolle. Auch für nachhaltiges Wirtschaften muss das Top-Management eine zunehmende Sensibilität aufbringen, das Thema vorleben. Gesunde und verantwortlich hergestellte Lebensmittel stehen mehr denn je im gesellschaftlichen Fokus. Das ist für den Lebensmittelhandel eine große Chance, aber auch eine Herausforderung für künftige CEOs.

Internationalisierung der Geschäftsmodelle

Ein Thema mit ähnlicher Tragweite ist die Internationalisierung der Geschäftsmodelle. Nachdem die großen Lebensmittelhändler zunächst ihre jeweiligen Heimatmärkte erobert hatten, steht seit einiger Zeit die Expansion über die Grenzen auf dem Programm. Dabei tun sich die Firmen jedoch bekanntlich schwerer. Tops und Flops reihen sich dabei aneinander. Der Großhändler Metro hat sich beispielsweise wieder aus einzelnen Ländern zurückgezogen. Die USA sind für Lidl und Aldi zwar vielversprechend, aber auch anspruchsvoll. Im Gegenzug hat der US-Riese Walmart gerade seine britische Tochter Asda veräußert. Eine der Ursachen für die gemischte Bilanz bei der Internationalisierung sind die oft zu nationalen Unternehmensleitungen. Auslandserfahrung war in der Vergangenheit kein notwendiges Kriterium für die Besetzung der Spitze. Ausländer in den Vorständen sind eher selten. Auch das wird sich ändern, wenn es gilt, das Top-Management neu zu besetzen. 

Schwachpunkt Gender Diversity

Bei den dargestellten Entwicklungen ist die geringe Diversität in der Führung eine Achillesferse. Die Gender Diversity hängt bei vielen Firmen hinterher. Frauen in Führungspositionen wie Melanie Köhler und Julia Kern in der Schwarz-Gruppe künden von neuem Denken. Diversity hat aber nicht nur etwas mit dem Frauenanteil im Vorstand zu tun. Es ist die Frage, wie heterogen in Alter, Ausbildung, Erfahrungen und Kompetenzen ein Führungsteam ist. Wie sehr sind Aufsichts- und Vorstandsgremien dafür offen, auch unterschiedliche Perspektiven und Führungskräfte mit ungewöhnlichen Lebenswegen auf Leitungsebene zu integrieren? Die Berufung von neuen Top-Managern wäre dabei sicherlich das stärkste Signal, das Firmen aussenden können.

Insgesamt wird die Führung des Lebensmittelhandels also digitaler, weiblicher, internationaler, kundennäher und sicherlich auch agiler werden. Nur ein Vorstand, der dieses veränderte Profil erfüllt, kann erfolgreich als Vorbild an der Spitze von europäischen Lebensmittelhändlern bestehen und den notwendigen Wandel vorantreiben.

Blickt auf die Konsumgüterbranche: Personalberater Klaus Halsig
Heidrick & Struggles
Blickt auf die Konsumgüterbranche: Personalberater Klaus Halsig

Der Autor Klaus Halsig ist Partner der Personalberatung Heidrick & Struggles und Co-Manager des globalen Konsumgütersektors.

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