Gleichstellung Vätermonate sind ein Anfang

von Silke Biester
Freitag, 08. März 2019
Spitzenvater: Daniel Eich ist Vollzeitvater, während Insa Thiele-Eich sich vorbereitet, als erste deutsche Astronautin zur ISS zu fliegen.
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Spitzenvater: Daniel Eich ist Vollzeitvater, während Insa Thiele-Eich sich vorbereitet, als erste deutsche Astronautin zur ISS zu fliegen.
Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie kann helfen, ungenutzte Fachkräftepotenziale zu mobilisieren. Voraussetzung für weibliche Karrieren ist aktive Vaterschaft. Unternehmen sind gefordert, die Rahmenbedingungen dafür zu schaffen.

Das Elterngeld fördert, dass Väter eine aktive Rolle übernehmen und Paare gleichberechtigt leben, erklärt Familienministerin Franziska Giffey im Väterreport. "Die Politik wirkt." Die Studie belegt, dass heute jeder dritte Vater Elternzeit nimmt. Allerdings: Die durchschnittliche Job-Pause dauert 3,1 Monate. Da sind die Kleinen noch nicht "aus dem Gröbsten raus". Einfluss auf die Entwicklung haben die Arbeitgeber. Denn die Angst vor "beruflichen Nachteilen", "Einkommensverlusten", "organisatorischen Problemen im Betrieb" sowie die "Einstellung des Vorgesetzten" sind Gründe für Väter, von längeren Zeiten als Vollzeitvater abzusehen.

Daniel Eich hat sich dagegen beim ersten und dritten Kind für eine lange Elternzeit entschieden. So macht er es seiner Frau Insa möglich, 2020 als erste deutsche Astronautin zur ISS zu fliegen. Als Experte für Recherchen von Finanzdaten versucht er, gleichberechtigt und flexibel die Anforderungen von Familie und Beruf zu managen. Dafür wird er am Freitag dieser Woche als "Spitzenvater des Jahres" ausgezeichnet.

"Immer mehr Väter erziehen gleichberechtigt Kinder, erledigen Hausarbeit und fördern die Karriere der Partnerin", spricht die Initiatorin des Preises und Mestemacher-Gesellschafterin Ulrike Detmers von einem regelrechten  "Boom". Weitere Preisträger sind Thorben Hinsche sowie der Verein "Väter in Köln". Zum 14. Mal zeichnet die Großbäckerei Vorbilder mit dem Gleichstellungspreis aus, um darauf aufmerksam zu machen, dass Frauenförderung nicht ohne den Partner funktioniert.

"Wie eine mentale Blockade"

Herr Eich, Sie werden Ende dieser Woche von Mestemacher als Spitzenvater ausgezeichnet. Stellen Sie Ihre beruflichen Pläne hinten an, damit Ihre Frau Karriere machen kann? 
Wir versuchen, die Bedürfnisse von uns beiden zu berücksichtigen. Beim ersten Kind passte es bei mir besser. Bei der zweiten Geburt wollte ich gerade neue Aufgaben im Vertrieb übernehmen, da hat Insa länger Elternzeit genommen. Jetzt beim dritten Kind bin ich ein Jahr Vollzeitvater, während sie die Astronautenausbildung macht – ein Projekt, dass ich gerne unterstütze!
 
Was ist nötig, damit mehr Paare sich gleichberechtigt in Beruf und Familie einbringen können?
Es beginnt im Privaten: Väter müssen sich mehr zutrauen. In vielen Familien wird die Babypflege immer noch nicht partnerschaftlich geteilt. Väter sind nur ausnahmsweise zuständig, wenn die Mutter mal weg ist – wie ein Babysitter. Das kommt mir wie eine mentale Blockade vor.
 
Und im Beruf?
Väter müssen dem Arbeitgeber gegenüber selbstbewusster für längere Elternzeit kämpfen. Beim ersten Mal war das war bei mir auch nicht so einfach.

Woran scheitert das?
Es ist einfacher und erwünschter, wenn Mitarbeiter voll da sind. Außerdem gibt es einen gewissen Wettbewerb um Karriere. Es ist schwer einschätzbar, wo man steht, wenn man ein Jahr lang nicht da ist.

Wo sehen Sie die Verantwortung?
Es wäre natürlich schön, wenn von der Wirtschaft ein Signal käme, dass flexiblere Modelle zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie erwünscht sind. In vielen Unternehmen, insbesondere in kleineren, ist das nicht der Fall. Wenn die Betriebe nicht flexibel genug sind, dann muss die Politik eingreifen. Ich begrüße die Debatte um ein Recht auf Home-Office. Das geht zwar nicht überall – aber es ginge häufiger als es heute realisiert wird.
 
Was können Arbeitgeber noch tun?
Sie sollten der Angst aktiv entgegenwirken, dass nach längerer Auszeit die Karrierechancen sinken. Außerdem müssten sie die Lohnungerechtigkeit bekämpfen. Sonst bleibt es schon allein aus finanziellen Gründen dabei, dass Mütter die Hauptfamilienarbeit übernehmen und Väter arbeiten.

In der Branche ist das Thema angekommen, zeigt ein Rundruf der LZ: Otto hat eigens ein Netzwerk "Väter@Otto". "Die Stärkung von Vätern trägt unmittelbar zur Förderung von Frauen bei", erhofft sich Ulrike Andraschak, Leitung Diversitiy Management, "Chancengleichheit und Partnerschaftlichkeit in allen Lebenslagen".

Auch bei Kaufland wird die "Gleichbehandlung von Müttern und Vätern" betont und durch Angebote an größeren Standorten wie Eltern-Kind-Büros, mobiles Arbeiten oder Ferienbetreuung unterstützt. Auf flexibles Arbeiten sowie Kinderbetreuung verweist man auch bei Metro. In drei Jahren sei die Zahl der Vatermonatsnutzer um 40 Prozent gestiegen.




Die Molkerei Gropper versucht im Bedarfsfall individuelle Lösungen zu finden, damit Beruf und Lebenssituation zusammen passen. Dort arbeiten 11 Prozent der Beschäftigten in Teilzeit, 20 Prozent davon sind Männer. "Mit Blick auf den Arbeitsmarkt wollen wir noch besser werden", sagt Personalchefin Julia Krohn. Bei Nestlé wird gar betont, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie sei "Kern der Unternehmenskultur".

Unternehmen bieten zwar gleiche Möglichkeiten der Vereinbarkeit für beide Geschlechter. Mehr Interesse an Eltern- und Teilzeit zeigen nach wie vor Frauen. Vätermonate sind zwar ein Anfang. Doch in der Branche arbeitende Väter, die längere Elternzeit genommen haben, fühlen sich noch immer als "Ausnahme". Als Schlüsselfaktoren für die Entscheidung, ob Vater oder Mutter zuhause bleiben, nennen sie die Kultur und Akzeptanz des Arbeitgebers sowie die Lohnungleichheit zwischen Männern und Frauen.

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