Gründerszene Corona-Krise stellt Startups auf die Probe

von Julia Wittenhagen
Freitag, 11. Dezember 2020
Gut gepitcht: Ella’s Basenbande hatte Glück mit einem TV-Auftritt in der Höhle der Löwen im Oktober. Nils Glagau (r.) investiert 150.000 Euro für 20 Prozent der Anteile.
TVNow/Bernd-Michael Maurer
Gut gepitcht: Ella’s Basenbande hatte Glück mit einem TV-Auftritt in der Höhle der Löwen im Oktober. Nils Glagau (r.) investiert 150.000 Euro für 20 Prozent der Anteile.
Gründerszene
Corona-Krise stellt Startups auf die Probe
:
:
Info
Abonnenten von LZ Digital können sich diesen Artikel automatisiert vorlesen lassen.
Einerseits wurde für Lebensmittel dieses Jahr mehr Geld ausgegeben, andererseits brauchen neue Produkte erst einmal Fans. Viele Startups mussten in der Pandemie blitzschnell auf digital umstellen.

Ende Februar kamen sie auf der Insel Mainau zur zweiten Food-Summit-Konferenz zusammen und wussten den Luxus einer Live-Begegnung noch gar nicht zu schätzen: rund 200 Startups, Investoren, Händler und Unternehmen der Agrar- und Lebensmittelwirtschaft aus den vier Anrainerstaaten des Bodensees. Mark Leinemann, Gründer des jungen Startup-Verbands Crowdfood, hatte eingeladen. Rund 40 Gründer konnten sich Investoren und Händlern präsentieren und die teils erklärungsbedürftigen Food-Innovationen verkosten: Dim Sum, im Labor gezüchtetes Fleisch, veganes Schokoladen-Mousse oder ein alkoholfreies Getränk mit Gin-Geschmack.

LEH statt Gastronomie: Planted Foods hatte 2020 mit veganem Chicken Listungserfolge bei Coop, Migros und Edeka Südwest
Patrick Reimann
LEH statt Gastronomie: Planted Foods hatte 2020 mit veganem Chicken Listungserfolge bei Coop, Migros und Edeka Südwest

Bis März verstanden sich Pascal Bien und Marion Höchli von Planted Foods in Zürich noch als Anbieter von Fleischersatzprodukten für Gastronomie, Kantinen und Handel. Coop hatte die Produkte gerade gelistet. "Dann kam Corona, der Lockdown, und wir verloren Umsatz." Über Webshops haben sich die Gründer auf die Suche nach alternativen Kanälen gemacht. "Vor allem mit Metzgern kamen wir in Kontakt, die ihre Palette um eine Fleischalternative erweitern wollten." Im September listete Migros Planted Foods, und "im November kam Edeka Südwest auf uns zu". Learning für das Startup: Fixiere Dich nicht nur auf einen Kanal. "Mit der Gastronomie wären wir 2020 stärker gewachsen, aber wir sind dankbar für den Zuwachs aus dem LEH und haben unseren Vertrieb darauf ausgerichtet." Aktuell verkostet ein Planted Foods-Foodtruck veganes Chicken vor Scheck-In-Märkten.

Kontaktlos ins Geschäft kommen: Beim Food Innovation Camp 2019 konnten Startups Ralf Dümmel noch persönlich ansprechen.
Stefan Groenveld
Kontaktlos ins Geschäft kommen: Beim Food Innovation Camp 2019 konnten Startups Ralf Dümmel noch persönlich ansprechen.

Im Juni wäre auf dem Food Innovation Campus in Hamburg eigentlich fleißig genetworkt und verkostet worden. 2019 gab es an 85 Ständen viel zu essen und zu trinken. "Foodmessen sind ein haptisches Erlebnis und eigentlich Voraussetzung für das Match Making als USP unserer Veranstaltung. Aber sie fiel dem Virus zum Opfer", erzählt Veranstalterin Sina Gritzuhn. "Also haben wir uns mit einem Clubmodell digitalisiert." Rewe ist der Hauptpartner. Gritzuhn weiß, dass die virtuelle Vernetzung für manchen Gründer die Rettung in der Not ist. "Zu Beginn der Krise nahmen Großhändler und Läden Abstand von neuen Listungen. Wir hörten immer wieder, dass jetzt nicht die Zeit für neue Produkte sei und lieber auf etablierte Produkte gesetzt wird", berichtet etwa Ella della Rovere von Ella‘s Basenbande, einem Anbieter von gesunden Bio-Mahlzeiten im Glas.

Besuche im LEH wurden unmöglich, als die Händler aus Hygienegründen dicht machten, Touchpoints wie Messen und Präsentationen fielen aus. Auch Aktionen der Industrie wie die Startup-Arena von Nestlé Deutschland konnte Corona-bedingt nicht wie bisher im großen Rahmen stattfinden. Der individuelle Austausch wurde durch teils persönliche, teils virtuelle Workshops und Meetings ersetzt. "Dazu zählen etwa Feedback- und Coaching-Sessions sowie Gespräche über mögliche Kollaborationen. Gleichzeitig nahmen Startups an virtuellen internen Veranstaltungen von Nestlé Deutschland teil, um ihr Wissen und ihre Erfahrungen sowie Sichtweisen zu Themen einzubringen und gemeinsam voneinander zu lernen", erklärt eine Sprecherin. 

Um eventuellen Leerlauf produktiv zu nutzen, entwickelt der Hamburger Food Innovation Camp Club die Akademie mit Input zu Produktion, Produktentwicklung und Lizenzierung. Als Vermarktungshilfe wird ein Lookbook entwickelt: Ein Katalog, der alle vier bis fünf Monate an 100 Entscheider aus Handel, Hotellerie und Gastronomie, an Investoren und Influencer verschickt wird. Die Live-Präsentation ersetzt ein Online-Pitch-Event. "Die Produkte sampeln wir vorher und verschicken sie an interessierte Mentoren", erklärt Gritzuhn.

Ella‘s Basenbande ist beim Dezember-Pitch dabei – nach einem unerwartet erfolgreichen Jahr: Der Auftritt bei "Die Höhle der Löwen" endete mit einem Invest von Nils Glagau. "Nach Ausstrahlung der Sendung wurden wir förmlich mit Bestellungen überrannt", sagt die Ärztin und Ernährungsexpertin della Rovere. Zudem unterstützt der neue Investor mit Beratung und fester Vertriebsagentur. Nicht jeder hatte das Glück, für die Gründer-Show gecastet zu werden.

Daher nahm der Run auf die Startup-Hubs der Lebensmittelhändler zu, beobachtet Bastian Halecker, Matchmaker, Entrepreneur in der Startup-Szene und Professor aus Berlin. Die Umstellung auf digital sei dieser Anlaufstelle für Startups gut bekommen: "Denn die Plätze waren nicht mehr limitiert durch Büroräume." Auch virtuellen Pitches kann Halecker Gutes abgewinnen. "Sie bedeuten weniger Aufwand für alle Beteiligten." Agilität, Resilienz und ein hoher Innovationsgrad lägen in der DNA eines Startups. "Insofern war Corona kein Game-Changer für die Branche. Die, die auf die richtigen Themen gesetzt haben, haben gewonnen", glaubt Halecker. Gesunde Produkte und Convenience-Lösungen bekamen durch Home-Office und Cocooning Rückenwind. Schließlich habe der Lebensmittelhandel ein dickes Plus gemacht. Schwieriger sei es für die gewesen, die mangels Marketing und Verkostungen Probleme hatten, Kunden ihren "nicht kopierbaren Markenkern" zu kommunizieren. "Auf den kommt es auch 2021 an. Da haben es Foodies schwer", sagt der Professor für Innovationsmanagement.

Messen aus dem Business-Plan gestrichen: Die Feelfood-Gründer werden erst 2021 richtig in Marketing investieren.
Simon Hecht
Messen aus dem Business-Plan gestrichen: Die Feelfood-Gründer werden erst 2021 richtig in Marketing investieren.

Fabian Zbinden und Franziska Schaal von Feelfood wollten mit funktionalen Mahlzeiten zum Aufbrühen 2020 durchstarten. "Dann mussten wir die Messen aus dem Businessplan wieder herausstreichen und online alle Register ziehen." Über Linkedin und Whatapp-Mailings an Friends und Family gingen die ersten 3 000 Becher an Menschen im Home-Office und Firmenkunden, eine Crowdfunding-Kampagne startete. 2021 wollen die Gründer nun Geld für Marketing in die Hand nehmen, eine Website mit Abo-Modell bauen und neues Geld einsammeln.

150 Food-Startups wurden 2019 gegründet, 100 waren es bis Mitte des Jahres. Endgültige Zahlen zu den Investitionssummen liegen für 2020 noch nicht vor, aber Halecker weiß, "auf Partner- und Investorenseite ist das Geld da." Klar habe es zu Beginn des ersten Lockdowns Zurückhaltung gegeben. "Ich sehe aber auch, dass die Kontaktbeschränkungen den Run auf Foodtech-Startups verstärkt haben."

Highlight in der Gründerszene: Der deutsch-deutsche Milliarden-Deal zwischen Oetker und dem Bringdienst Flaschenpost.
picture republic
Highlight in der Gründerszene: Der deutsch-deutsche Milliarden-Deal zwischen Oetker und dem Bringdienst Flaschenpost.

Highlight des Jahres sei für die Szene der Verkauf des Bringdienstes Flaschenpost an Oetker gewesen. "Der Verkaufspreis von einer Milliarde Euro schafft eine ganz neue Dynamik. Zudem war das mal ein deutsch-deutscher Deal." Für Halecker ein Beweis dafür, "dass auch nach Corona die Startups den größten Erfolg haben werden, die an die Kundenschnittstelle gehen, die ganz tief in bestehende Strukturen eingreifen."

Sie haben Fragen oder Anmerkungen zu diesem Artikel?
Schicken Sie eine Email an die Redaktion.

Hier können Sie die Nutzungsrechte an diesem Artikel erwerben.

Anzeige

Meistgelesen

stats