Händlern fehlt Nachwuchs Leere Plätze beim Start ins neue Ausbildungsjahr

von Julia Wittenhagen
Freitag, 02. August 2019
Katharina Weinert : Die HDE-Abteilungsleiterin Bildungspolitik und Berufsbildung bleibt optimistisch.
HDE
Katharina Weinert : Die HDE-Abteilungsleiterin Bildungspolitik und Berufsbildung bleibt optimistisch.
Die Händler, die jetzt beim Start ins neue Ausbildungsjahr alle Plätze besetzt haben, können sich glücklich schätzen. Denn noch müssen sich viele Betriebe Sorgen machen, wie sie neue Nachwuchskräfte gewinnen. Die Berufsbildungsbeauftragte des HDE, Katharina Weinert, zur Situation.

Stand Juli sind noch jede Menge Stellen im Einzelhandel offen. Was können Handelsbetriebe besser machen?

Hauptursache für unbesetzte Ausbildungsstellen sind der demografische Wandel und der Akademisierungstrend. Das betrifft alle Branchen. Den stark ausbildendenden Einzelhandel trifft es besonders hart: In den beiden Kernberufen Kaufleute im Einzelhandel und Verkäufer werden jährlich zehn Prozent aller Ausbildungsverträge der insgesamt 326 Berufe geschlossen. Zudem bildet der Einzelhandel in über 60 weiteren Berufen aus. Da das Angebot an Ausbildungsplätzen wächst, muss am Ende natürlich die Zahl der unbesetzten Stellen steigen.

Wie ist die Resonanz auf die Employer Branding Kampagne des HDE?

Der Start der digitalen Azubi-Kampagne "Jetzt schon Profi" für den Einzelhandel verlief sehr positiv. Die vier Zielgruppen Schüler, Studenten, Eltern und Lehrkräfte werden durch die Kampagne auf die guten Ausbildungs- und Karrierechancen im Handel in ihren jeweiligen digitalen Kanälen aufmerksam gemacht. So haben beispielsweise Studienzweifler durch ein Teaservideo die Abiturientenprogramme des Handels kennengelernt. Außerdem wurde die Gleichwertigkeit eines Bachelor- und eines Fachwirtabschlusses in den Vordergrund gerückt. Derzeit planen wir, die Kampagne fortzusetzen – voraussichtlich mit weiteren Handelsunternehmen, die die Kampagne ebenfalls unterstützen möchten.

Die Mieten in Großstädten lassen sich mit Azubi-Gehältern kaum bezahlen. Haben Sie schon davon gehört, dass Händler junge Leute mit Mietzuschüssen oder Wohnheimen locken?

Das Berufsbildungsgesetz sieht vor, dass Auszubildenden eine angemessene Ausbildungsvergütung zu gewähren ist. Dabei handelt es sich nicht um Arbeitsentgelt. Es ist gut möglich, dass Unternehmen im Einzelfall freiwillig Wohnkostenzuschüsse etc. anbieten. Dazu liegen uns für die Branche aber keine gesicherten Informationen vor.

Was tut die Branche, um sich die Arbeitskräfte der Zukunft zu sichern?

Um zukünftige Lücken zu schließen, bauen die Handelsunternehmen ihr Ausbildungsplatzangebot stetig aus. Gleichzeitig informiert der HDE über die guten Ausbildungs- und Karrierechancen im Handel. Viele Führungspositionen müssen absehbar nachbesetzt werden. Nachwuchskräfte können so schnell in Führungsverantwortung kommen.

28.000 Azubis gesucht

Die Juli-Zahlen der Bundesagentur für Arbeit zeigen, dass der Handel noch Ausbildungsplätze zu vergeben hat für:
• 16.000 Einzelhandelskaufleute
• 11.500 Verkäufer
• 500 E-Commerce-Kaufleute
Das ist fast die Hälfte der angebotenen 57.500 Plätze.

Wie beurteilt der HDE das neue Fachkräfteeinwanderungsgesetz als Hilfe bei der Personalgewinnung?

Das Fachkräfteeinwanderungsgesetz ist trotz einiger Kritik im Detail sehr zu begrüßen. Für die Unternehmen wird es dadurch leichter, Fachkräfte aus Drittstaaten (außerhalb der EU) anzuwerben. Allerdings ist wohl nicht zu erwarten, dass hierdurch tatsächlich eine größere Anzahl an ausländischen Fachkräften eingestellt werden kann. Dafür sind die tatsächlichen und bürokratischen Hürden dann doch zu hoch. Das betrifft insbesondere die hohen Anforderungen an die deutschen Sprachkenntnisse, aber auch die Umsetzungsdefizite, vor allem hinsichtlich langer Wartezeiten für die Erteilung von Visa in den Auslandsvertretungen. Es wird für Arbeitgeber zukünftig also noch mehr darauf ankommen, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf etwa durch flexible Arbeitszeitmodelle zu optimieren. Aber auch der Fort- und Weiterbildung wird eine noch bedeutendere Rolle zukommen, um die eigenen Arbeitskräfte für die sich im Zuge der Digitalisierung wandelnde Arbeitswelt in der Branche zu qualifizieren.

Wie gestaltet sich die Integration der Flüchtlinge?

Die Integration von Menschen mit Migrationshintergrund verläuft schon seit vielen Jahrzehnten im Einzelhandel sehr gut. Bei Ausländern in Deutschland sind die beiden Einzelhandelsberufe ebenso beliebt wie bei den Deutschen.

Der HDE zur Beschäftigung im Einzelhandel in 2018

  • Zahl der Beschäftigten im Einzelhandel wächst um etwas mehr als 19.000
  • Zahl der Minijobs geht um mehr als 1000 zurück
  • Insgesamt sind knapp 3,1 Millionen Arbeitnehmer im Handel beschäftigt

Sie haben Fragen oder Anmerkungen zu diesem Artikel?
Schicken Sie eine Email an die Redaktion.

Hier können Sie die Nutzungsrechte an diesem Artikel erwerben.

Meistgelesen

stats